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Al Gore: Ein Held mit Glamour-Faktor

"Al Gore for President" fordern jetzt die Anhänger des frisch gekürten Friedensnobelpreisträgers. Für ihn ist es die letzte Chance in das Weiße Haus einzuziehen. Doch Gore ist längst mehr als ein Präsident - ein globaler Staatsmann mit maximalem Glamour-Faktor.

Von Katja Gloger, Washington

Jetzt betteln sie wieder und sie flehen, appellieren an seine moralische Verantwortung, gar an das Höhere in Menschen wie er einer ist. "Mr. Vize-Präsident, es gibt Zeiten für Politiker und es gibt Zeiten für Helden. Amerika und die Erde brauchen jetzt einen Helden."

Amerika und die Erde brauchen jetzt Al Gore. Und zwar als Präsidenten der USA.

Seine Anhänger hatten 64575 Dollar für eine ganzseitige Anzeige in der New York Times ausgegeben, einen offenen Brief, den mehr als Hunderttausend hoffnungsfroh unterzeichnet hatten. Der Friedensnobelpreis - die ultimative Wiedergutmachung für die verlorene Wahl des Jahres 2000 - würde der letzte, der beste, der moralischste Ansporn für ihn sein, doch noch die Kandidatur für das Präsidentenamt zu wagen. Sie schrieben sogar ein Lied für ihn, ein Ständchen auf der Gitarre: "Run, Al, Run. Wir haben alle dazu gelernt. Du bist die Nummer Eins, unser beliebtester Sohn. Du kannst gar nicht verlieren. Du hast doch schon gewonnen." Jetzt oder nie.

"DraftGore.com" nennen sich die Aktivisten, die ihn jetzt doch noch überzeugen wollen, um die einzige Siegestrophäe zu kämpfen, die ihm noch fehlt: Das Weiße Haus. Der ultimative Preis: Die Macht.

"Draft Gore!" Zieht ihn ein – wie bei der Armee.

Jetzt oder nie. Es ist, gestehen auch seine überzeugtesten Anhänger zu, die letzte Chance auf eine Kandidatur. Denn innerhalb der kommenden Wochen müssen die Parteien ihre Kandidaten in den wichtigen Vorwahlstaaten registriert haben.

Seit Monaten wabern die Spekulationen

Seit Monaten wabern die Spekulationen. Hatte sich Gore nicht auf Diät gesetzt? Klar, hieß es, er macht sich fit für den Wahlkampf. Veröffentlichte er nicht gerade ein Buch, eine bitterböse, letzte Abrechnung mit seinem einstigen Wahlkampfgegner George W. Bush? Logisch, so die Fans, das gehört zum Wahlprogramm. Darin beschreibt Al Gore die Welt der Politik als eine einzige monströse Manipulation: "Vernunft, Logik und Wahrheit werden immer weniger wichtig, wenn Amerika bedeutende Entscheidungen fällt." Darin schreibt er auch, was er wohl selbst erlebt hatte, damals, als er beinahe Präsident wurde: "In einer Welt, in der Fernsehen so dominant ist, sind alle inhaltlichen Äußerungen eines Kandidaten irrelevant. Denn die Image-Kampagnen zur Beeinflussung der Wähler sind viel wichtiger. Die hohen Kosten dieser politischen Werbekampagnen wiederum führen dazu, dass Geld in der Politik immer wichtiger wird – und damit natürlich der Einfluss derjenigen, die das Geld zur Verfügung stellen. Es ist kein Wunder, dass beide Parteien nun auf der Suche nach Multimillionären sind, die sich ihre Wahlwerbung mit ihrem eigenen Vermögen finanzieren können."

Warum sollte er, Retter der Menschheit, sich so etwas noch einmal antun? Es war nur folgerichtig, dass Al Gore auch gestern seine Sprecherin ausrichten ließ, was er immer ausrichten lässt bei solchen Fragen: "Er hat keine Pläne, zu kandidieren."

Eigentlich ist dies ein glasklares "No." Doch steckt da nicht doch noch ein klitzekleines "yes" drin? Zumindest ein "maybe", ein "Vielleicht?"

Gore als Präsident - eine faszinierende Vorstellung

Es wäre, zugegeben, eine faszinierende Vorstellung: Ein Oskargewinner, Emmypreisträger und Friedensnobelpreisträger im Weißen Haus. Ein erfahrener Politiker, immerhin war er viele Jahre Vizepräsident. Einer, der das wohl wichtigste Thema unserer Zeit erkannt hat. Der Lösungen anbieten kann. Er wäre "HillaryClintonBarackObamaJohnEdwards" in einer Person. Und dazu noch einer, der von Anfang an gegen den Irak-Krieg war. Ein Mann aus Tennessee, dem für Wahlsiege so wichtigen Süden der USA . Ein Mann mit einer authentischen Geschichte – einer, der sich nach tiefem, tragischen Fall neu erfand. Und dazu eine ganze Welt, die ihm wohlgesonnen ist.

Er hat die Erfahrung eines Jahrhundertwahlkampfs: 537 Stimmen hatten Gore nach wochenlangen Krieg vor den Gerichten im Jahr 2000 schließlich gefehlt. 537 Stimmen aus dem Bundesstaat Florida, dessen Wahlmänner damit für Bush stimmen mussten. Dabei hatten landesweit Millionen Amerikaner mehr für ihn gestimmt als für Bush.

Al Gore hatte die Wahl gewonnen, und dann doch verloren.

Er zog sich zurück, ließ sich einen Bart wachsen, nahm viele Kilo zu, litt verbittert - doch dann berappelte er sich, auch auf Drängen seiner Frau Tipper. Aus dem verkrampften Polit-Produkt Al Gore wurde der Kämpfer Al Gore. Er holte alte Dias aus dem Keller seines Hauses in Nashville, stellte einen Vortrag zusammen und legte los: Die "unbequeme Wahrheit" über die Klimakatastrophe wurde sein Thema. Heute erachten Amerikaner den Kampf gegen global warming als eines der wichtigsten Themen der Zeit – und dies ist vor allem Al Gore zu verdanken. Auch wenn sein Oskarprämierter Dokumentarfilm eine Menge Ungenauigkeiten aufweist, wie in dieser Woche ein britisches Gericht bestätigte.

Gore arbeitet mehr als je zuvor

Daneben sitzt er im Aufsichtsrat für den Computerhersteller Apple, firmiert als Chefberater für Google. Hält Aktien in beiden Unternehmen, hat den TV-Kabelsender "Current TV" mitgegründet. Macht Geld mit dem "Generation Investment Management" Fonds, der mittlerweile rund eine Milliarde Dollar Kapital in nachhaltig produzierende Unternehmen investiert. Heute arbeitet Al Gore so viel, dass ihm Freunde bereits rieten: " Du solltest mal eine Pause machen. Kandidiere doch für die Präsidentschaftswahlen."

Gore wurde zum globalen Superstar, er schritt auf den roten Teppichen dieser Welt, war locker, entspannt, gar nicht mehr der besserwisserische Beckmesser von früher. Kann sogar über sich selbst lachen. " Ich war mal der nächste Präsident der Vereinigten Staaten", stellt er sich gerne vor.

Doch natürlich weiß er, was es braucht, um in den USA Wahlen zu gewinnen. Hundert Millionen Dollar muss ein Kandidat heute auftreiben, wenn er im Rennen wirklich ernst genommen werden will. Der globale Staatsmann müsste hinab in die sumpfigen Niederungen eines schmutzigen, brutalen Wahlkampfes. Und vor allem müsste er antreten gegen das Ehepaar, das er in Wahrheit verachtet, dem er nie verzieh - den Clintons. Vor allem ihr, Hillary Clinton.

Es herrschte "Bürgerkrieg" im Weißen Haus

Denn will man den Thesen eines Buches über die Clintons glauben, das Ende dieses Monats erscheint, dann herrschte regelrecht "Bürgerkrieg" im Weißen Haus. Auszüge aus dem Buch der bekannten Biographin Sally Bedell Smith wurden gerade im Magazin Vanity Fair veröffentlicht. Demnach war sie, Hillary, die eigentliche Vize-Präsidentin, nicht er, der bürokratisch-spröde Al Gore. Sie redete immer und überall mit, mischte sich ein, intrigierte gegen ihn in einem regelrechten Psychokrieg. Sie kandidierte als Senatorin, während Gore um die Präsidentschaft kämpfte. Der treulose Gatte Bill - gerade hatte er den Monica Lewinsky-Skandal überlebt - unterstützte sie mehr als ihn. Es war seine Wiedergutmachung für die öffentliche Schmach, die sie erlitt. Und vielleicht auch eine neue Chance für eine kaputte Ehe. Sie, Hillary, bekam die besten Leute, die Wahlkampfspenden, die Top-Berater. Sie bekam die Show, nicht er, der immer verkniffener wirkende Al Gore. Als dann selbst Bill Clinton begann, seinen Vizepräsidenten offen zu kritisieren, zerbrach die einst so enge Freundschaft endgültig, monatelang sprach man nicht mehr miteinander. Es blieben Verachtung und offene Feindschaft. Eine Ironie der Geschichte vielleicht - Al Gores Niederlage trug zu Hillarys Aufstieg bei - heute ist sie Favoritin für die Wahl im kommenden Jahr.

Gegen sie, die er verachtet, und ihre erbarmungslose Wahlkampfmaschine müsste Al Gore jetzt antreten. "Bitte nehmen Sie diese Herausforderung an", flehten seine Fans, "oder Sie selbst und Millionen von uns werden sich ein Leben lang fragen müssen, was möglich gewesen wäre."

Gut möglich, dass sich Al Gore diese Frage nicht mehr stellt. Er sagt, seine Liebesaffäre mit der Politik sei zu Ende. Er habe sich befreit.

Schade eigentlich.