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Algerien: Gefangen in der Räuberhöhle

177 Tage in der Hand von Gotteskriegern: Der stern zeigt erstmals Bilder der Entführung. Drei Geiseln erzählen, wie sie sich vor Schlangen schützten, mit den Entführern über Märchen sprachen und deren Hilflosigkeit

177 Tage in der Hand von Gotteskriegern: Der stern zeigt erstmals Bilder der Entführung. Drei Geiseln erzählen, wie sie sich vor Schlangen schützten, mit den Entführern über Märchen sprachen und deren Hilflosigkeit

Wasser schmeckt nach Kamelpisse. Oder nach Benzin, wenn es aus dem Kanister kommt. Es ist immer trübe, braun von der Erde, manchmal so modrig, dass es den Durst nicht löscht, manchmal so salzig, dass es Durst macht. Es kommt aus Brunnen, Felsspalten, Mulden. Und wenn es schmeckt, schmeckt es doch nicht, wenn man weiß, dass es radioaktiv verseucht sein kann.

Am 136. Tag in der Sahara gab es viel Wasser, Pfützen voll Wasser. Sie konnten trinken, so viel sie wollten, sie konnten sich hineinwerfen. Es war ihnen unheimlich, auf einem alten Testgebiet für französische Atomwaffen. Aber es war endlich Wasser. Das war der Tag nach der Nacht, in der sie Michaela Spitzer begraben hatten. Sie war verdurstet.

Michaela Spitzer hatte hinterm Auto gelegen. Die anderen hatten Sascha gerufen. Sascha Notter ist Rettungssanitäter. Was ist jetzt wieder, dachte er zuerst. Er war schwach, ausgetrocknet, wie gelähmt. 50 Grad Hitze, dicht gedrängt hatten sie in den Autos gesessen, seit dem letzten Versteck 22 Tage auf Irrfahrt in der algerischen Wüste. Und nur zwei Liter Wasser für jeden an diesem Tag. Das hieß aufteilen. Jede halbe Stunde einen Schluck. Michaela Spitzer war zu sparsam gewesen, ihre Flasche an diesem Abend noch halb voll.

Sieben Liter hatten die Geiseln sonst in sich hineingeschüttet, als sie noch Wasser hatten, in den Monaten davor, auf dem "Plateau des Teufels", wie die Araber diese Hochebene nennen. Sieben Liter. Und doch bildete sich kein Tropfen Schweiß, die Haut blieb trocken wie Papier. Und ihr spärlicher Urin dunkelgelb. Michaela Spitzer war ohnmächtig, als Sascha Notter sie erreichte. Notter, der Sanitäter, ist 27 Jahre alt und hat schon Menschen sterben sehen. Aber dies war etwas anderes. Es machte ihn so hilflos. "Hitzschlag, graues Stadium", sagt Sascha. Ihr Gesicht war aschfahl. "Das ist schon der Schockzustand." Einer ihrer Entführer kam mit dem Notfallkoffer gerannt. Sascha setzte einen Tropf, 250 Milliliter Kochsalzlösung. Er wusste, das wird sie nicht retten. Sie hätte zwei Liter gebraucht. Sie hätte ins Kühle gemusst. Aber es gab nur Hitze. Und der Stoffwechsel spielte bereits verrückt. Nur in einem Krankenhaus hätte man die 46-Jährige retten können. Aber das lag Tagesreisen entfernt. So hoben sie in der Nacht eine Grube aus im Licht der Autoscheinwerfer. Sascha Notter sprach ein Vaterunser.

Dabei waren sie für einen Moment alle schon so glücklich gewesen, 15 Geiseln nach fast drei Monaten in der Wüste, Deutsche, Schweizer, ein Holländer, elf Männer, vier Frauen. Das war sechs Wochen vor Michaela Spitzers Tod, am 13. Mai. Osama war zur Gruppe gekommen, der Sanfte, der studiert hatte und sie mit den anderen bewachte. "Jetzt wird alles gut", hatte er gesagt, "der Emir hat auch eine Lösung für euch." Da fielen die Geiseln einander in die Arme, und auch die Augen der Entführer strahlten. Glücklich, erleichtert, Entführer und Entführte.

Es war über Funk gekommen. Die andere Geiselgruppe war nach 54 Tagen in der Sahara befreit. Sie wussten von den anderen. Osama hatte ihnen ein Radio gegeben. Jeden Tag hörten sie Deutsche Welle. Und sie wussten auch, was das Radio nicht brachte: Der Emir befehligte beide Entführungskommandos. Der Emir, genannt Abdul Rassak "al-Para", war ein Hüne, vielleicht ein Meter fünfundneunzig, sogar die Füße waren riesig. Wenn er kam, lagen mehr Bohnen in der Suppe, die sonst meist nur Wasser mit etwas Maisöl, Hirse, Tomatenmark und Salz war. Er kam selten. Er sprach nicht viel, und wenn, dann streng. Sogar die Geiseln spürten sein Charisma.

Aber der Emir hatte keine Lösung. Niemand wurde befreit. Stattdessen riefen die Entführer wieder: "Jallah! Jallah!" Aufbruch hieß das, schnell, schnell! Sie ahnten nicht, dass sie noch für Monate in Gefangenschaft bleiben sollten. Das Radio nahm der Emir ihnen jetzt weg.

Ein neues Versteck mit Vorräten, Warten, Wasser. Paradiesisch viel Wasser und höllisch viele Schlangen. Nachts schlängelten sich die Hornvipern um die Schlafsäcke. Zwei der Entführer wurden von Skorpionen gestochen. Jürgen Matheis tat kein Auge zu. Und ein Ende war nicht in Sicht.

Seinen Anfang hatte alles am 23. Februar genommen. Die Motorradfahrer Sascha Notter, Jürgen Matheis und Frank Gottlöber hatten ihr Lager in einem Sandtrichter aufgeschlagen, einen Steinwurf abseits der "Gräberpiste". Die Geländefahrt durch spektakuläre Natur hatte sie wieder in die Wüste gezogen. Ein Schwabe, ein Sachse, ein Pfälzer, Sanitäter, Mediengestalter, Maschinenschlosser, besonnene junge Männer, vorbereitet. Die Enduros hatten GPS-Navigationssysteme. Jede Strecke war nach der Tankfüllung berechnet. Natürlich hatten sie auf Reisewarnungen geachtet. Aber die Gräberpiste in Algerien, das Mekka aller Sahara- Biker, schien sicher. Bis zu jener Nacht. Nahe der letzten Wasserstelle vor der Wüstenstadt

Illizi schliefen sie neben ihren Motorrädern. Frank Gottlöber lag vor dem Zelt. Jemand rüttelte ihn wach. Er sah gegen das Mondlicht schwarze Gestalten in den Trichter rennen, lautlos. Dann Rufe. "Osama bin Laden", hörte er heraus. 20, vielleicht 25 Männer in weiten Gewändern und Turbanen, mit Gewehren und Patronengürteln über der Brust. "Die Autos! Wo sind die Autos?", riefen die Männer. Aber die Deutschen waren Motorradfahrer. "Die haben uns verwechselt", sagt Frank Gottlöber. "Sie suchten Touristen mit Toyota-Jeeps. Aber jetzt war es zu spät." Die Entführer zwangen die Wüstenfahrer auf die Maschinen. Bewacher stiegen hinten auf. So fuhren die Deutschen mit dem wilden Haufen in die Nacht. Und sie begegneten weiteren Reisenden: vier Schweizern in einem Kleinbus, zwei davon Frauen, dann noch einmal vier Motorradfahrern, drei Deutsche und ein Holländer. Zwei Wochen später vier Augsburgern, darunter wieder zwei Frauen, die den strenggläubigen Mudschaheddin besondere Probleme bereiteten: Frauen in Hosen und ohne Kopftuch. "Der Schrecken der Entführer war jedes Mal fast größer als unserer", sagt Gottlöber. Aber sie mussten alle einkassieren. Sie konnten nicht riskieren, dass die Europäer die Miliz verständigten. Am Ende hatte diese Entführergruppe 15 Geiseln. Und nicht einen Toyota-Jeep.

Sie nannten sich die "5. Division", vielleicht 40 waren sie, Algerier aus dem Norden, verschlagen in den Süden, abgerissene, ausgemergelte Gestalten mit Bärten, schlechten Zähnen und Gewändern in den Farben der Wüste, so gut getarnt, dass man sie auf 50 Meter Entfernung nicht ausmachen konnte vor Sand und Felsen. Aber aus der Nähe, wenn sie im Auto saßen, dann stanken ihre Füße aus den billigen Turnschuhen, die nur noch Fetzen waren. Dass sie "Salafisten" seien, Guerillakämpfer im "Heiligen Krieg" gegen das algerische Regime, stand französisch auf dem Zettel, den sie Gottlöber, Matheis und Notter am zweiten Tag in die Hand drückten. Dass sie ein zusammengewürfelter Trupp waren aus Tiefgläubigen, Gebildeten, aber auch Dahergelaufenen, Strauchdieben, die nicht einmal richtig beten konnten, merkten die Geiseln bald.

Auf ihren Offroadern waren riesige Maschinengewehre montiert. Die Autos waren eingeschmiert mit einer Tarnmixtur aus Maisöl und Sand. "Wenn sie mit unseren Motorradbrillen hinter dem MG auf dem Pickup durch die Wüste bretterten, sah das aus wie im Film. Wie bei ,Mad Max"", sagt Sascha Notter. Wenn sich die Muslime zum Gebet auf die Knie warfen, standen die Kalaschnikows gen Mekka aufgestellt, zur Orientierung.

Sie versprachen den Geiseln, ihnen nichts zu tun. Konnten die Europäer solchen Gestalten glauben? "In einer der ersten, eiskalten Nächte", sagt Gottlöber, "warf einer seine Decke über mich. Dabei hatte ich einen Schlafsack. Und er hockte am Felsen und zitterte."

Angst hatten sie vor dem Fahrstil. Mit 80 auf dem Tacho jagten ihre Entführer über Fels und Schotter, durch Kuhlen, über Sanddünen. Bodenwellen wurden zu Schanzen. "Die kapierten einfach nicht", sagt Gottlöber, "dass sie schneller sind, wenn sie langsamer fahren und nicht dauernd den Reifen flicken müssen." Wenn sie eine Gazelle sahen, waren die Kidnapper nicht mehr zu halten. Und jagten. "Gazelle schmeckt köstlich", sagt Gottlöber. Der Materialverschleiß für das rare Fleisch war hoch.

Mit der Kalaschnikow schossen sie Löcher in den gebrochenen Rahmen, um ihn wieder zusammenzuschrauben. Manchmal überschlug sich ein Pickup. Einmal lag Notter darunter. Nur Zentimeter zwischen Auto und Sand trennten ihn vom Tod. "Inschallah", sagte ein Entführer, so Gott will. Gott wollte, dass er lebt.

Die Männer hatten Lebensmittel in die Felslandschaft des Hochplateaus gekarrt, so weit schien alles vorbereitet. Säcke voll Reis, Linsen, weißer Bohnen, Makkaroni, Behälter mit Maisöl. Und Zucker, viel Zucker. Die Mudschaheddin liebten ihren Tee süß. Wasser transportierten sie in Kanistern vom Wasserloch zum Lager, darauf der Aufdruck "Bayer" und ein Totenkopfzeichen. Matheis versuchte, ihnen die Bedeutung zu erklären. Sie verstanden sie nicht. "Was nicht im Koran verboten ist, ist für sie nicht giftig", sagt Matheis. Doch bald erschien den Geiseln die Aktion der Mudschaheddin schlecht durchdacht. Als sie ihre Entführer fragten, war zunächst keine Rede von Lösegeld. Jürgen Matheis sagt: "Wir hatten das Gefühl, die wollten nur in die Medien." Ohne zu wissen, wie man das macht.

Das Warten begann. Man richtete sich ein. Hier die Europäer, die sich Tische und Bänke bauten aus Steinen, die Spielkarten auf Zettel malten und Schachfiguren bastelten und Mühle und Dame. Und da die Entführer, die nur eine Decke in den Sand warfen. Man hielt Abstand. Zu sehr fürchteten die Muslime den schlechten Einfluss der Gottlosen: Matheis? aufgekrempelte Hose, die das Knie freigab - der Emir persönlich rief ihn zur Ordnung. Das Pfeifen von Melodien - Musik ist verboten. Wenn sie selbst Nachrichten im Radio hörten, drehten die Mudschaheddin es leise, sobald Musik ertönte. Und doch zog Neugier und Langeweile einige immer wieder zu ihren Gefangenen. Da war Abu Hafs, der ihnen einmal heimlich Fladenbrot buk, als das Mehl schon rationiert war. Oder Abdullah, den sie den Sekretär nannten, ein Mann mit Witz und Bildung, der nach Geschichten aus der anderen Welt gierte, genau wie Hassan, mit 72 der Älteste, der einmal Kaufmann gewesen war und feines Französisch sprach. Da war der Bengel, wie die Geiseln den linkischen 15-Jährigen nannten, dessen Vater getötet worden war und der selbst humpelte. Eine Narbe entstellte ein Auge.

Später brachte OSAMA den jungen Schweizerinnen ein paar Brocken Arabisch bei. Man sprach über Märchen. Die Europäer waren verwundert, dass die Araber Aschenputtel kannten. Matheis wagte sich vor: Ob sie auch Ali Baba kennen würden und die 40 Räuber? Kannten sie. War schließlich aus "Tausendundeiner Nacht". Einmal brachen die Gotteskrieger mit dem Pickup auf, das Maschinengewehr aufgepflanzt. Nach einer Woche waren sie zurück, mit einer Plastiktüte. Darin vier Flakons Parfüm. Für die Frauen.

Kulturen begegneten sich. Die Europäer bauten einen Donnerbalken und rationierten das Papier. Erst als es alle war, nahmen sie Wasser wie die Araber und stellten fest, dass es ein Fortschritt war. Jedenfalls in der Wüste. Die Entführer ihrerseits mopsten etwas Toilettenpapier - aber jeder nur einmal. Und doch, Gefährten wurden sie nicht. "Wenn sie erschossen worden wären", sagt Sascha Notter, "sie hätten mir nicht leid getan. Wir ihnen auch nicht. Für die war ja alles gottgewollt." Als Matheis um seinen Job fürchtete, sagten sie: "Allah wird dir einen besseren geben."

Auch über Notters "Leatherman" hatte sich Allah schon früh Gedanken gemacht. Als der Deutsche das Reisemesser vom Dieb zurück verlangte, mit der Geste für eine abgehackte Hand, erklärte der Mudschaheddin: "Allah wollte, dass du es für mich kaufst, für den Dschihad." Aber kein Cent wurde den Geiseln gestohlen. Nachts träumte Gottlöber nur noch von Felsen, Spalten und Dünen, ein Albtraum. Dann wurde er wach, griff neben die Matte: in Sand. Er wusste, der Traum war Wirklichkeit. Matheis, der wuchtige Wüstenfahrer, dem keine Piste Angst machte, fünfmal war er durch die Sahara gefahren, weinte jetzt manchmal. Wie alle. Wenn es auf Vollmond zuging und die Wüste nachts hell war, schmiedeten sie Fluchtpläne. Und verwarfen sie. Wenn einer ging, was würde aus den anderen werden? Und was sollte es auch? Sie hatten ihren Entführern über die Schulter hinweg auf das GPS-Navigationssystem gesehen. Sie waren zu weit von jeder Siedlung entfernt, waren wie aus der Welt.

Die Hubschrauber kamen schon lange nicht mehr. Sie hatten ihnen so viel Hoffnung gemacht. Immer hörten sie das Knattern der Propeller lange vor ihren Entführern, die ein bisschen taub schienen, wohl vom vielen Schießen. "Die Piloten müssen uns gesehen haben", sagt Matheis, "das war zum Verrücktwerden. Die kreisten direkt über uns." Notter und Gottlöber hatten Zeichen in den Sand gemalt. Vier Meter groß: Einen Pfeil in Richtung Lager. "700 m" für die Entfernung. Und "SOS" für ihre Not. Einmal war ein Hubschrauber gelandet, wenige hundert Meter entfernt, dort, wo die Entführer ein Auto unter einem Steinhaufen versteckt hatten. Die algerischen Soldaten setzten das Auto in Brand. Und flogen wieder davon. Die Hubschrauber kreisten immer bis mittags, dann war Feierabend. Freitags kamen sie gar nicht.

Und dann dieses Surren. Notter erinnerte das Geräusch an die Ultraleichtflieger bei sich zu Hause in Baden-Württemberg. Es muss eine Aufklärungsdrohne gewesen sein, sie wurde immer lauter. Aber vor dem letzten Kamm der Düne, hinter der sie hockten, drehte sie ab. Nur einer der Schweizer sagte: "Seid bloß froh, dass die Soldaten nicht kommen. Wer weiß, ob wir das überleben würden." Aber hatten wirklich Soldaten die andere Geiselgruppe befreit? Die Motorradfahrer wissen es heute noch nicht. Da war doch diese Erleichterung gewesen, bei den Mudschaheddin, da war doch von einer Lösung die Rede. Aber dann doch bloß Aufbruch, Hektik, Jallah, Jallah.

Die Entführer waren ratlos. In der Schlangengrube ergriffen die Geiseln die Initiative. Sie stellten Fragen. "Was habt ihr nun vor? Was verlangt ihr eigentlich?" Die Entführer nannten jetzt Summen. Drei Millionen Euro pro Geisel wollten sie von deren Familien haben. 45 Millionen für alle. Die Geiseln sagten: "Das kriegt ihr nie." Sie erklärten den Mudschaheddin, was sie im Monat verdienten. "Man spürte richtig, wie sie anfingen, über ihr Bild von uns nachzudenken", sagt Notter. Es war jetzt schon Juni. Die Geiseln dachten an ihre Familien, die nicht wussten, was war, fürchteten um ihre Jobs. Nun das Verhandeln. Wie ging das? Mit wem? Mit dem deutschen Staat? Die Entführer entwarfen einen Brief, eher ein Zettel. Mit den Geiseln berieten sie über die Formulierungen. Die beiden Schweizer Frauen schrieben alles ins Reine. Wohin das Schreiben dann ging, wussten die Geiseln nicht. Ein Video wurde gedreht. Sie mussten sagen, dass es ihnen gut geht.

Die Telefonnummer der deutschen Botschaft, wie kriegt man die? Sie fragten Christian Grüne. Der Berliner Geschäftsmann sprach fließend Französisch und war darum Sprecher der Gruppe. Und auch der Emir wollte seinen Rat. Er nahm ihn mit an einen geheimen Ort. Mit einem Satellitentelefon rief Grüne seine Freundin in Berlin an und ließ sich die Telefonnummern der deutschen Vertretung in Mali geben.

Irgendwann war dem Emir in seiner Not ein Targi eingefallen. Der Mann aus dem blau gewandeten Wüstenvolk der Tuareg hatte ihm vor Jahren geholfen, nach einem Autounfall. Vielleicht konnte er wieder helfen. Der Targi saß in Mali, sie mussten also über die Grenze. Es war nicht mehr so weit. Aber gefährlich. Sie rasten wieder querfeldein, kreuz und quer, lagerten hier und da. Plötzlich fuhren sie ganz langsam, die Wüste wurde flach und weit. Da wussten die Geiseln, sie waren in Mali. Dort brauchten die Kidnapper kein Militär zu fürchten. Entspannt fuhren die Entführer zum Großeinkauf nach Tessalit, tankten ihre Geländewagen auf.

Grüne wurde der Kontaktmann zur europäischen Welt. Er sprach mit dem deutschen Krisenstab, französisch, damit den Entführern kein Wort entging. In zwei Briefen hielt er die Gruppe auf dem Laufenden, die den Gefährten jetzt vier Wochen nicht mehr sah. Aber alle Hoffnung auf ihn setzte. Medikamente kamen an. Der Tross setzte sich in Bewegung, es ging nach Gao, der Provinzstadt im Westen Malis. Sie rasteten gerade. Da schossen die Mudschaheddin in die Luft. Salut für den Emir. Und Jubel der Geiseln für Christian Grüne, der mit ihm gekommen war: "Wir sind frei."

er letzte Aufbruch. Der malische Gouverneur saß mit im Konvoi von der Wüste in die Provinzstadt. Die Geiseln konnten nicht mal duschen, da schüttelte ihnen schon der Präsident von Mali in seinem Palast in Bamako stolz die Hand. In Deutschland postierten sich Fernsehteams vor ihren Wohnungen. Die Opposition gratulierte der Regierung, die Regierung sich selbst. Und beide machten eine Rechnung auf. Die Rückkehrer sollen dafür bezahlen, dass aus ihrem Abenteuer ein Albtraum wurde. "Die Vorwürfe ärgern uns, denn natürlich haben wir uns gewissenhaft vorbereitet", sagt Jürgen Matheis. Gottlöber, Notter, Matheis, sie sind dünn geworden in den 177 Tagen. Und gelassen. Und sie wissen, was wirklich kostbar ist. Sascha Notter lässt das Wasser nicht mehr unbedacht aus dem Hahn laufen.

Von Dorit Kowitz, Kuno Kruse, Rainer Nübel und Regina Weitz