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Amoklauf von Newtown Europäische Presse verurteilt US-Waffengesetze


Nach Ereignissen wie jenen in Newtown reagiert man in Europa traditionell mit Kritik an den US-Waffengesetzen: Stimmen und Kommentare aus europäischen Zeitungen zum Schulmassaker in Newtown.

Schweiz Der "Tages-Anzeiger" aus Zürich reflektiert das Verhältnis der Amerikaner zu Waffen:

Amerika hat ein mythisches Verhältnis zur Schusswaffe, und viele Amerikaner neigen dazu, diese Waffen einzusetzen. Letztlich gründet die ohnmächtige Reaktion der Öffentlichkeit in einer heimlichen Akzeptanz: Der Amoklauf wird als Kollateralschaden hingenommen. Jede Zivilgesellschaft bleibt von Gewalt durchdrungen, denn sie gehört zur Natur des Menschen. Aber es gibt keine andere Demokratie, die das Wettrüsten ihrer Bürger nicht nur zulässt, sondern als Kultur inszeniert und als Patriotismus feiert. Dabei marschiert der Staat voran. Die USA geben für ihre Rüstung jährlich mehr Geld aus als die 26 darauffolgenden Staaten zusammen, von denen 25 ihre Alliierten sind. Sie täten dies, sagen sie, zu ihrer Verteidigung.

Großbritannien Die konservative Zeitung "The Times" aus London fordert nach dem Schulmassaker mehr Waffenkontrolle:

Nach dem Drama in Newtown ist es jetzt sicherlich an der Zeit, die amerikanischen Waffengesetze zu ändern. Etwas hat sich in dieser Debatte geändert, und der Wandel in der amerikanischen Bevölkerung wird dazu beitragen. Nur elf Prozent der Hispanier besitzen Waffen, gegen 27 Prozent weißer Amerikaner. Vor Sandy Hook waren 42 Prozent der Waffenbesitzer in den USA taub für Forderungen nach schärferer Waffenkontrolle. Wird sich das jetzt ändern? Der Widerstand der Amerikaner gegen Waffenkontrolle ist ein Teil ihrer Kultur, der für Ausländer völlig unverständlich ist. Doch vielleicht ändert sich die Einstellung nach diesem Drama. Obama hat für Amerika gesprochen. Möge er nun für Amerika handeln.

Norwegen Die konservative Tageszeitung "Aftenposten" aus Oslo erinnert an das Attentat von Utøya:

Nach dem 22. Juli 2011 erleben wir in Norwegen jetzt die starken Gefühle wieder, wenn junge Menschenleben gewaltsam beendet werden. Wir sind wieder daran erinnert worden, dass so etwas Schreckliches in einer friedlichen und augenscheinlich sicheren Umgebung geschehen kann. Ob es nun die Kleinstadt Newtown ist oder die Sommeridylle Utøya. (...) Es wird für die lokale Gemeinschaft und die US-Gesellschaft Zeit erfordern, bis die ersten Eindrücke verkraftet sind. Die vergangenen Tage waren von grenzenloser Verzweiflung geprägt. Das wird anhalten, bis das letzte Opfer zur letzte Ruhe gebettet ist.

Frankreich Die katholische Zeitung "La Croix" aus Paris fragt sich, ob US-Präsident Barack Obama Konsequenzen aus der Schießerei von Newtown ziehen wird:

Selbst nach einer solchen Tragödie wagen es nur wenige, das Prinzip (des Rechts auf Besitz einer Waffe), das für uns unverständlich ist, in Frage zu stellen. Vielleicht wird Barack Obama es nun wagen, das Tabu zu brechen und einige Einschränkungen vorzuschlagen. Schließlich ist dies seine zweite Amtszeit, und er muss nicht die Qualen eines neues Wahlkampfs auf sich nehmen. Denn Feuerwaffen - ob ihr Besitz nun legal oder illegal (...) ist - verschärfen die Konsequenzen von Verbrechen. Und so kann ein Wutanfall dramatische und nicht wiedergutzumachende Folgen haben.

Ungarn Die links-liberale Budapester Tageszeitung "Nepszabadsag" kommentiert die möglichen Hintergründe des Amoklaufs:

Die Schulmassaker ereignen sich meist in idyllischen Kleinstädten wie Newton, wo die Menschen in Gemeinschaften mit starkem Zusammenhalt leben. (...) Der Mörder ist fast immer ein weißer Junge oder Mann, dem es nicht gelingt, in der Gruppe der "im Trend liegenden" jungen Männer Fuß zu fassen, jemand, der vor aller Augen irgendwie scheitert. (...) Den Buben wird in der Erziehung eingetrichtert, dass Waffen etwas Männliches seien. Und diese sind wegen der von Bundesstaat zu Bundesstaat immer liberaler werdenden Waffengesetze leicht zugänglich. Drei Viertel der Massaker werden mit legal erworbenen Waffen begangen. (...) So lange die an der Peripherie gestrandeten Mitglieder der Gemeinschaft so leicht an massakertaugliche Waffen gelangen können, wird man auch künftig mit ähnlichen Schreckensmeldungen aus den USA rechnen müssen.

Niederlande Zur Waffenbesitz-Diskussion meint "De Telegraaf" aus Amsterdam:

Durch das in der Verfassung verankerte Streben nach persönlicher Freiheit und das Recht auf Selbstverteidigung wird eine Änderung der Waffengesetze nahezu unmöglich gemacht. Doch das Massaker in der Sandy Hook Grundschule könnte nun das Fass zum Überlaufen bringen. Es scheint sich in Washington, aber auch in den Bundesstaaten, eine Mehrheit für die Begrenzung des Besitzes automatischer Feuerwaffen abzuzeichnen. Nimmt man dazu noch die Tatsache, dass der Demokrat Barack Obama seine zweite Amtszeit mit einem starken Mandat der Wähler beginnt, könnte eine Verschärfung der Waffenbesitzgesetze doch möglich sein.

Österreich Über eine mögliche Verschärfung des Waffenbesitzes nach dem Massaker schreibt die liberale Wiener Zeitung "Der Standard"

Präsident Barack Obama hat nach solchen Massakern bereits mehrfach "bedeutsame Schritte" angekündigt. Passiert ist danach nichts. Eine Wahl und 20 ermordete Volksschulkinder später könnte sich das ändern. Bill Clinton hat ein Verbot semiautomatischer Waffen für Zivilisten durch den Kongress gebracht, das 2004 auslief. Nach Newtown besteht Hoffnung, dass Obama Ähnliches zumindest versuchen könnte.

Belgien Zur Diskussion um privaten Waffenbesitz heißt es in der Brüsseler Zeitung "De Standaard":

Es ist für einige von uns ein Grund mehr, aus Europa mit einem Überlegenheitsgefühl über den Ozean zu blicken. Aber ist das gescheit? Seit Jahren schon können wir es uns nicht mehr erlauben, einen verrückt spielenden Mörder als ein typisch amerikanisches Phänomen anzusehen. (...) Die Vehemenz, mit der ein Teil der amerikanischen Bevölkerung am privaten Waffenbesitz festhält, zeigt allerdings, in welch hohem Maße Menschen imstande sind, von einer Wahnidee überzeugt zu bleiben. Die Vernunft spielt im Umgang miteinander eine kleinere Rolle, als wir uns das wünschen. Die feste Überzeugung, recht zu haben, ist sicher ein gutes Gefühl. Aber man erreicht allein damit gar nichts bei jemandem auf der anderen Seite, der nun einmal vom Gegenteil überzeugt ist.

juho/DPA/AFP DPA

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