Analyse Wettlauf in Sachen Bescheidenheit


Der britische Premier Gordon Brown ist ein Anti-Blair: Sperrig statt geschmeidig, dröge statt unterhaltend. Den Briten gefällt das, oder besser: Ihnen gefiel das. Denn der Vorsprung von Labour auf die Konservativen ist geschmolzen. Tory-Chef David Cameron hat sich bei Brown etwas abgeguckt.
Von Cornelia Fuchs, London

In den neuesten Umfragen liegen die britischen Konservativen wieder fast Kopf an Kopf mit der Labour-Partei und ihrem Premierminister Gordon Brown - und das nach Monaten schlechter Umfragewerte. Zwar verliert Labour kaum Stimmen, doch die Konservativen können nach ihrem Parteitag in dieser Woche offensichtlich bei Nicht-Wählern und den Anhängern der Liberalen punkten. Dies wird es für Gordon Brown schwer machen, sich für eine Wahl in diesem Herbst zu entscheiden. Denn eigentlich hat er eine bequeme Mehrheit im Unterhaus, die nächste Wahl müsste er erst 2010 ausrufen - warum sollte er seine Macht gefährden?

Das vermeintliche Leichtgewicht Cameron

Dass es überhaupt eine Diskussion über vorgezogene Wahlen geben konnte, lag allein an den überaus positiven Umfragewerten, die Gordon Brown nach seinem Amtsantritt für sich verbuchen konnte. Die Wähler schienen dem starken, ernsthaften und oft dröge wirkenden Premier Brown zu vertrauen. Der Verlierer war Oppositionsführer David Cameron, der mit seinen Ideen zu grünen Steuern und der Rettung der Kern-Familie wie ein Leichtgewicht wirkte neben einem Mann, der in einer Woche Regenfluten und in der nächsten die Maul- und Klauenseuche versuchte einzudämmen.

Doch David Cameron hat gelernt. In einem Großbritannien in der Ära nach Blair ist nicht mehr Wohlfühl-Politik und gute Laune angesagt. Jetzt geht es um Ernsthaftigkeit. Es geht um Ehrlichkeit, um das Gegenteil des "Spin", der Werbe-Kampagne in Eigensache, für die die Regierung Blair bekannt war. Daher hielt Cameron keine mitreißende Wahlkampf-Rede am letzten Tag der Parteikonferenz in Blackpool. Stattdessen stand er dort auf der Bühne und führte seine Zuhörer ganz ruhig Punkt für Punkt durch seine politischen Planungen - ohne Skript, ohne Teleprompter, wie jeder britische Kommentator bewundernd bemerkte. Das oberste Ziel: authentisch zu wirken.

Cameron probt die gehobene Ehrlichkeit

Und es klappte. Das Leichtgewicht David Cameron erschien als jemand, der wirklich - auswendig - wusste, was er zu sagen hatte. Dass diese Rede, ja, die ganze Veranstaltung der Parteikonferenz ein einziges, wohlausgefeiltes Stück politischer Werbung war, blieb dabei außen vor. Es war zumindest eine neue Form der Selbstdarstellung, die Darstellung politischen Schwergewichts.

Während also David Cameron sich in gehobener Ehrlichkeit übte, leistete sich Gordon Brown zwei wesentliche Fehler. Er hätte einfach weiter regieren können, hätte sein politisches Alltags-Gewicht gegen die politischen Oppositions-Luftblasen von David Cameron stellen können. Stattdessen fuhr er in den Irak. Und nicht nur das: Er verkündete von dort großspurig, 1000 Soldaten nach Hause zurückzuholen. Die Schlagzeilen waren ihm an diesem Tag sicher, und sie verdrängten die Ankündigungen der konservativen Parteikonferenz in Blackpool von den Titelzeiten. Perfekte Eigenwerbung, könnte man sagen.

Der "Spin" wird zum Unwort

Doch leider gab es dann die Schlagzeilen, die am nächsten Tag verkündeten, dass 500 der 1000 Soldaten, die Brown so großzügig nach Hause holen wollte, schon längst zu Hause waren. War das ein Rückfall in alte Tony-Blair-Zeiten? Meldungen, um der Meldungen und nicht um des Inhalts willen? Und Gordon Brown beließ es nicht bei dem Besuch im Irak. Er eröffnete auch noch ein neues Herzzentrum in Basildon - das schon vor drei Monaten seinen Betrieb aufgenommen hatte und damals feierlich vom Gesundheitsminister eröffnet worden war.

Natürlich waren es die Konservativen, die nun am lautesten "Spin" schrien - das neue böse Wort in der britischen Politik. Was natürlich, genau betrachtet, auch nur eine Art politischer Weiterdrehe der Eigen-Werbung ist, die Gegner als böse Selbstdarsteller brandmarkt. Nach der Parteitags-Saison scheint es nun also darum zu gehen, wer dem anderen am schnellsten unterstellen kann, dass er seine Politik nur für Werbezwecke entwickelt, seine Auftritte nur der Eigendarstellung dienen.

Es ist ein Wettkampf, den keiner der Politiker gewinnen kann. Wenn die Parteien sich weiter gegenseitig der Unehrlichkeit bezichtigen, wird sich nur eine Zahl in den Umfragen stetig mehren: die Zahl der Wähler, die ihre Stimme keinem Politiker mehr geben wollen. Weil sie keinem mehr vertrauen wollen.


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