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Rede in Harvard Merkels Anti-Trump-Show auf Umwegen


Angela Merkel ist eine besondere Ehre zuteilgeworden: Sie durfte die Abschlussrede für die Absolventen der Harvard-Universität halten. Für ihre Ansprache erhielt sie Standing Ovations. Das lag auch an Donald Trump.

Als Angela Merkel etwa die Hälfte ihrer Rede absolviert hat, bricht endgültig Jubel aus. Sie spricht zu den Harvard-Absolventen des Jahrgangs 2019, zur Class 19, wie sie hier genannt werden. Die Bundeskanzlerin solle den jungen Leuten doch bitte etwas aus ihrem Leben mit auf den Weg geben, so hatte der Wunsch der Universitätsleitung für diese sogenannte Commencement Speech gelautet. Also spricht Merkel über schwierige Entscheidungen auf ihrem Lebensweg, vor und nach dem Mauerfall, als Wissenschaftlerin in der DDR und als Politikerin im vereinigten Deutschland. Sie sagt, dass man dafür Mut und Wahrhaftigkeit brauche; Wahrhaftigkeit gegenüber anderen und gegenüber sich selbst. Und dann spricht sie den Satz, der alle aufspringen und jubeln lässt: "Dazu gehört, dass wir Lügen nicht Wahrheiten nennen und Wahrheiten nicht Lügen.

Angela Merkel nennt Donald Trumps Namen nicht

Es ist geradezu körperlich zu spüren, dass die Studenten, Professoren und ehemaligen Harvard-Absolventen diese Worte als Abrechnung mit ihrem dauerlügenden Präsidenten verstehen. Genau deswegen flippen sie ja so aus. Sie habe gelernt, sagt Angela Merkel, dass man auf schwierige Fragen gute Antworten finden könne - "wenn wir bei allem Entscheidungsdruck nicht immer unseren ersten Impulsen folgen, sondern zwischendurch einen Moment innehalten, schweigen, nachdenken, Pause machen". Standing Ovations, wieder. Der impulsgetriebene, dauertwitternde Mann im Weißen Haus raubt allen hier den Verstand. Sie sind Angela Merkel dankbar für diese vermeintlich klaren Worte Richtung Donald Trump. In jeder noch so kleinen Ansprache an diesem Tag wird sie als "Führerin der freien Welt" gefeiert.

Aber spricht Angela Merkel hier überhaupt über Donald Trump? Die Kanzlerin erwähnt den amerikanischen Präsidenten in ihrer Rede mit keinem einzigen Wort, der Name Trump fällt kein einziges Mal. Merkel würde die Unterstellung, mit ihm abzurechnen, auch zurückweisen. Ein paar Tage zuvor hat sie in einem CNN-Interview noch gesagt, es sei ihre Pflicht als deutsche Bundeskanzlerin, mit dem US-Präsidenten gut zusammenzuarbeiten, auch wenn sie hier und da nicht einer Meinung seien. Harvard jedoch, die älteste Universität der USA, ist Anti-Trump-Land. Eine Hochburg des liberalen Amerika. Hier wird die amerikanische Elite ausgebildet, die Trump so erbarmungslos bekämpft. Harvard und Trump sind gewissermaßen Feinde fürs Leben. Da ist es also nur konsequent, dass Angela Merkel, die ehemalige Wissenschaftlerin, die Vernunftpolitikerin, an diesem Ort wie ein Popstar bejubelt wird. Da wird jedes ihrer Worte so verstanden, wie man es verstehen möchte - egal, wie sie es meint. Während Merkel spricht, weht überall das rote Banner der Universität im Wind. "Veritas" steht darauf. Wahrheit. Harvard sieht die deutsche Kanzlerin als Vertreterin ihrer Werte.

Deswegen haben sie ihr an diesem Donnerstagvormittag auch die Ehrendoktorwürde verliehen. Und die Universität hat Angela Merkel eine zusätzliche Auszeichnung zuteilwerden lassen: Sie darf die 368. Abschlussrede für die Harvard-Absolventen halten. Vor ihr wurden dafür Größen wie Albert Einstein, Stephen Hawking und Nelson Mandela ausgewählt. Angela Merkel spielt jetzt in der Champions League.

Eine Mischung aus Harry Potter und Pferderennen

Die Harvard-Universität in Cambridge in der Nähe von Boston, gegründet 1636, ist nicht nur weltberühmt, sie verkörpert auch altehrwürdige Geschichte. Die promovierte Physikerin Angela Dorothea Merkel, wie sie bei der Zeremonie vorgestellt wurde, schien die traditionelle Feierlichkeit zu genießen. Obwohl sie knapp drei Stunden ihrer wertvollen Kanzlerin-Zeit in Anspruch nahm, sie still sitzen musste, nur zuhören und zuschauen konnte. Langweilig wurde ihr aber nicht. Die Harvard-Absolventenfeier im Tercentenary Theatre unter freiem Himmel ist mit ihrem mittelalterlichen Protokoll, den Reden in Latein und den historischen Kostümen großes Unterhaltungskino. Eine Mischung aus Harry Potter und Pferderennen in England. Merkel trug, wie viele andere der Geehrten an diesem Tag, einen roten Talar über ihren Schultern.

Als sie mit der Ehrung an der Reihe war, lobte der Laudator ausdrücklich ihren Pragmatismus und ihre Politik. Er erwähnte ihren Slogan "Wir schaffen das", ihren Umgang mit der Eurokrise, ihre Offenheit für Positionen aus dem anderen politischen Lager. Von Opportunismus aus Machterhalt, der in ihren 14 Jahren Kanzlerschaft von ihrem Pragmatismus mitunter nicht zu unterscheiden war, sprach allerdings niemand. Es schien so, als bekomme Angela Merkel den Ehrendoktor dafür verliehen, dass sie für Deutschlands Glück und Europas Wohlstand allein verantwortlich sei.

Bei ihrer Rede vor den Absolventen am Nachmittag wird noch deutlicher, dass Merkels Ruf im liberalen Teil Amerikas inzwischen besser ist als zu Hause im aufgewühlten Deutschland. Im Angesicht von Trumps dunklem Amerika strahlt eine Politikerin, die trotz des Irrsinns auf dieser Welt immer noch auf Demokratie, Ausgleich und internationale Zusammenarbeit setzt, fast von ganz allein heller. Angela Merkel ist zu einem Symbol geworden. Zum Anti-Trump. Da schleichen sich in die Bewunderung leicht Schönfärbereien ein. Die Präsidentin der Harvard-Studenten-Vereinigung begrüßt Merkel mit den Worten, die Kanzlerin habe in Deutschland den Mindestlohn und die Homoehe eingeführt sowie den Klimawandel konsequent bekämpft. In mindestens zwei dieser Angelegenheiten hat man Angela Merkel jedoch bekanntlich zum Jagen tragen müssen.

Wie eine Anspielung auf das Ende von Trump

Ihre persönlich gehaltene Rede an die Absolventen ist eine Art Bilanz ihrer privaten und politischen Lebenserfahrungen. Sie erinnert daran, wie die Mauer in der DDR ihre Möglichkeiten begrenzt habe, sie nach deren Fall aber "ins Offene" gegangen sei. "Was fest gefügt ist und unveränderlich scheint", sagt Merkel, "das kann sich ändern." Auch dafür gibt es Beifall. Der Satz klingt für viele hier wie eine versteckte Anspielung auf ein baldiges Ende der Herrschaft Donald Trumps.

Dabei passt so mancher von Angela Merkels Sätzen gut in ein Poesiealbum, von so allgemein gültiger Schönheit sind sie. "Es gibt keinen Anfang ohne ein Ende, keinen Tag ohne die Nacht, kein Leben ohne den Tod", sagt sie. Selbst diese Worte beutet die versammelte Harvard-Gemeinde aus, als könne sie sich auch damit gegen den Trump-Wahnsinn wappnen. Merkels politische Botschaften tun dann ein Übriges: Sie ruft zum Kampf gegen die Erderwärmung auf, kritisiert Protektionismus und Handelskonflikte, fordert alle dazu auf, "mehr denn je" global statt national zu denken und zu handeln. 

Merkels Tag in Harvard, als Ratschlag der Weltpolitikerin an die zukünftige Elite Amerikas gedacht, wird so auf Umwegen zu einer Anti-Trump-Show. 

Als Stan Karson, ein Ehemaliger, Harvard-Absolvent des Jahres 1948, das Theater verlässt, ist er ganz beseelt. "Ich wünschte, Angela Merkel wäre unsere Präsidentin", sagt er. Was sie besser kann als Trump? Karson schüttelt der Kopf und lacht. Die Frage scheint ihm einfach zu absurd. Dann sagt er: "Der Unterschied zwischen beiden ist wie der zwischen schwarz und weiß."

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