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Angriff auf Bundeswehr in Afghanistan Bedingt gefechtsbereit


Und wieder sind drei deutsche Soldaten in Afghanistan gefallen. War die mangelhafte Ausrüstung schuld? So einfach ist die Antwort nicht.
Von Roman Heflik und Lutz Kinkel

Es sind die Toten Nummer 37, 38 und 39. So viele Soldaten hat die Bundeswehr seit Beginn ihres Einsatzes in Afghanistan bereits verloren. Am kommenden Freitag wird für die drei Fallschirmjäger, die im niedersächsischen Seedorf stationiert waren, eine Trauerfeier ausgerichtet. Hunderte Menschen werden zur St.-Lamberti-Kirche im benachbarten Selsingen kommen, auch Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. "Wir haben alle gehofft, dass wir diesen Tag niemals erleben müssen", hatte der deutsche Kommandeur im Norden Afghanistans, Birigadegeneral Frank Leidenberger, am Ostersonntag im Feldlager Kundus gesagt. Seine Hoffnung trog. Die Getöteten waren 25, 28 und 35 Jahre alt.

Seitdem wird - wieder einmal - über Sinn und Unsinn des blutigen Afghanistan-Einsatzes diskutiert. In ersten Wortmeldungen monierten Militärexperten Ausrüstung und Ausbildung der Soldaten. Rainer Arnold, SPD-Obmann im Verteidigungsausschuss, sagte, der Bundeswehr fehlten Kampfhubschrauber. Der scheidende Wehrbeauftragte Reinhold Robbe, SPD, wiederholte eine Kritik, die er bereits in seinem Wehrbericht notiert hatte: Die Soldaten würden aus Geldmangel erst vor Ort auf gepanzerten Fahrzeugen wie dem "Dingo" ausgebildet. Der ehemalige Generalinspekteur Harald Kujat bemängelte, die Bundeswehr sei in Afghanistan nicht mit den nötigen Feindaufklärungssystemen ausgestattet.

Elke Hoff, sicherheitspolitische Sprecherin der FDP, denkt im Gespräch mit stern.de über neue Panzerhaubitzen nach. "Die Niederländer haben mit dem Einsatz der Panzerhaubitze sehr gute Ergebnisse und eine gute Abschreckungswirkung gegenüber den Aufständischen erzielt", sagt sie.

Die Ausrüstung - eine "Endlos-Debatte"

Also alles eine Frage der Ausbildung und der Ausrüstung? Lässt die Politik die Soldaten bei ihrem lebensgefährlichen Einsatz im Stich? Braucht die Bundeswehr schlicht mehr Geld?

"Die Politik hat nicht ausreichend Mittel zur Verfügung gestellt, um den Einsatz vor Ort ordnungsgemäß zu erledigen", urteilt Wolfgang Schmelzer, stellvertretender Chef des Bundeswehrverbands, im Gespräch mit stern.de. Seiner Einschätzung nach wären drei bis vier Milliarden Euro nötig, um die Soldaten im Afghanistan-Einsatz angemessen auszustatten - von der Bekleidung bis zu Kampfhubschraubern. Die Kosten für zusätzliche Ausbildung seien darin noch nicht eingerechnet. Doch auch Schmelzer weiß, dass er mit seiner Forderung letztlich geringe Chancen hat. "Das ist eine Endlos-Debatte, die immer wieder hoch kommt, wenn Gefallene zu beklagen sind."

Das Bundesverteidigungsministerium will denn auch gar nicht erst darauf einsteigen. Ein Sprecher sagte stern.de am Montag klipp und klar: "Ein Zusammenhang zwischen den Vorfällen vom Karfreitag mit etwaigen Mängeln in der Ausbildung oder bei der Ausrüstung ist nicht zu erkennen." Jede andere Stellungnahme wäre auch überraschend gewesen. Würde das Verteidigungsministerium Defizite einräumen, stünde es sofort im Verdacht, das Leben der Soldaten fahrlässig aufs Spiel zu setzen. Außerdem müsste zu Guttenberg unverzüglich neue Finanzmittel in Milliardenhöhe bereitstellen - was, angesichts der bundesweiten Rekordverschuldung, politisch kaum durchsetzbar wäre. Zumal nach einer Forsa-Umfrage für den stern knapp die Hälfte der Bevölkerung den Afghanistan-Einsatz ablehnt

Das strategische Dilemma

Die genaue Betrachtung der Vorfälle legt die Erklärung, dass es an der Ausrüstung gelegen haben könnte, allerdings auch nicht nahe. Wie Generalinspekteur Wieker ausführte, hatte die Bundeswehr bei den Kämpfen am Karfreitag zum Beispiel Luftunterstützung von amerikanischen Drohnen und Kampfjets. Sie feuerten jedoch nicht, "da eine Gefährdung eigener Kräfte nicht ausgeschlossen werden konnte und eine Verzahnung der Taliban mit der Zivilbevölkerung bestand". Mit anderen Worten: Die Taliban hatten sich hinter menschlichen Schutzschilden verschanzt. Da die neue US-Strategie darauf abzielt, die Zivilbevölkerung zu schonen, um sie politisch zu gewinnen, waren die Militärs in diesem Fall vorsichtig.

Beim Bombardement der Tanklaster von Kundus im September vergangenen Jahres war die deutsche Einsatzleitung mit aller Härte vorgegangen - und hatte eine wochenlange Debatte am Hals, ob sich die Opfer nicht hätten vermeiden lassen. Ein solcher politischer GAU sollte offenbar nicht noch mal passieren.

Dieses strategische Dilemma spiegelt sich auch in der Wortwahl des Verteidigungsministers. Zu Guttenberg sagte an Ostern, der Einsatz in Afghanistan könne "umgangssprachlich" als Krieg bezeichnet werden. Damit bestätigt er einerseits die Wahrnehmung der Soldaten vor Ort, gibt ihnen andererseits jedoch nicht alle militärischen Mittel an die Hand. Denn im juristischen Sinn will Guttenberg das Wort "Krieg" nicht gelten lassen. Schließlich dient der Militäreinsatz offiziell noch dem Wiederaufbau des Land und nicht der Vernichtung aller Taliban.

Die unentschiedene Haltung der Politik zwingt die Soldaten trotz ihrer waffentechnischen Überlegenheit in die Defensive: "Sie erinnern an einen Boxer, der die Fäuste hochhält und bei jedem Schlag versucht, dahinter in Deckung zu gehen", sagt Ex-Generalinspekteur Kujat zu stern.de. Kujat plädiert dafür, massiv in Aufklärungs- und Führungssysteme zu investieren, um Hinterhalte möglichst schon vorab erkennen und zu bekämpfen zu können.

Vernetzung mit islamistischen Gruppen

Neben dem strategischen Dilemma offenbarten die blutigen Zusammenstöße vom Karfreitag ein weiteres Problem: Die Taliban kämpfen in einer neuen militärischen Gewichtsklasse. "Das sind nicht mehr die, die in Badelatschen, Wickelrock und Kalaschnikow in der Hand antreten", sagt Wolfgang Schmelzer vom Bundeswehrverband. "Sie formieren sich besser, sie sind besser ausgerüstet", meint auch Grünen-Verteidigungsexperte Omid Nouripour im Gespräch zu stern.de.

Die gängige Interpretation dieses Phänomen ist, dass die gut ausgebildeten Taliban-Kämpfer aufgrund des massiven militärischen Drucks aus dem Süden des Landes vertrieben wurden - und sich nun eben verstärkt im Norden bemerkbar machen. Eine Entwicklung, der laut Harald Kujat die deutsche Seite lange Zeit wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe. Es gibt indes auch Hinweise, dass die Vernetzung der Taliban mit islamistischen Gruppen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion immer enger wird. Von dort sollen Ausbilder ins Land geschleust werden, die im Volksmund summarisch "Tschetschenen" genannt werden. Deren Guerilla-Strategien ist auch mit dem besten Gerät nur schwer beizukommen.

Nouripour verlangt von der Regierung zunächst eine "Bestandsaufnahme der Sicherheitsentwicklung der letzten Monate", um zu klären, ob sich Bundeswehr im Land neu aufstellen muss. Große Hoffnungen auf eine Besserung der Situation hat er, wie die meisten anderen Gesprächspartner, allerdings nicht. Im Gegenteil: Sobald das sogenannte "partnering" durchgeführt wird, die Truppen also ihre gesicherten Lager verlassen, um die Ausbildung von einheimischen Soldaten und Polizisten in den Dörfern voranzutreiben, wird die Lage vermutlich noch gefährlicher. Das dürfte auch Verteidigungsminister zu Guttenberg bewusst sein, der am Freitag in der St.-Lamberti-Kirche zu Selsingen wieder einmal erklären muss, warum es einen Sinn haben soll, dass deutsche Soldaten am Hindukusch sterben.


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