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Atomvereinbarung in Genf: Abkommen stößt in Israel auf Ablehnung

Für Israels Ministerpräsident ist das Iran-Abkommen ein "historischer Fehler". Die Bedrohung durch Teherans Atomprogramm sei nicht gebannt. Die Furcht vor einem nuklearen Holocaust wird beschworen.

Für Israel ist mit der Einigung bei den Genfer Atomgesprächen mit dem Iran ein Alptraum Wirklichkeit geworden. Bei ihrer harten Kritik an der Vereinbarung nimmt die Regierung in Jerusalem daher auch kein Blatt vor den Mund: #link;http://www.stern.de/politik/benjamin-netanjahu-90281652t.html;Ministerpräsident Benjamin Netanjahu# sprach am Sonntag von einem "historischen Fehler", mehrere seiner Minister von einem "schlechten Abkommen".

Auch der israelische Atomexperte Ephraim Asculai sieht die Vereinbarung mit Skepsis. "Das Gute ist, dass die Urananreicherung jetzt an dem gegenwärtigen Level stehenbleibt", sagte der ehemalige Mitarbeiter der israelischen Atomenergiebehörde. Dies seien jedoch gleichzeitig die schlechten Nachrichten, weil auch die weiterhin erlaubte Urananreicherung bis fünf Prozent nicht zu vernachlässigen sei.

Nach Asculais Einschätzung könnte der Iran weiter binnen vier bis sechs Monaten einen nuklearen Sprengkörper für einen Atomtest bauen, sollte sich die Führung in Teheran dafür entscheiden. Für den Bau einer einsatzfähigen Atombombe würde das Land aber noch mehr Zeit benötigen, meint er. "Die Hauptsorge Israels ist nicht zerstreut worden", sagte der Mitarbeiter des Instituts für Nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv zu der Genfer Vereinbarung.

Israel befürchtet atomares Wettrüsten

Israel sieht sich durch das iranische Atomprogramm in seiner Existenz gefährdet, insbesondere angesichts jahrelanger Drohungen aus Teheran. Netanjahu glaubt, Irans Staatspräsident Hassan Ruhani gaukele dem Westen eine gemäßigte Haltung vor und wolle ihm nur Honig um den Mund schmieren. Heimlich wolle Teheran jedoch weiter nach Atomwaffen streben. Eine weitere Sorge in Israel ist, dass eine atomare Aufrüstung des Irans ein nukleares Wettrüsten benachbarter arabischer Staaten wie Saudi-Arabien auslösen könnte.

Mit seiner unnachgiebigen Position Teheran gegenüber steht Israel jedoch international zunehmend isoliert da. Die USA bemühen sich redlich, die Bedenken ihres israelischen Verbündeten zu zerstreuen - jedoch mit wenig Erfolg. In Jerusalem herrscht weiter die Ansicht, die Weltmächte hätten in Genf ein deutliches besseres Abkommen aushandeln können.

In ihrer jetzigen Form schenke die Vereinbarung dem Iran eine erhebliche Lockerung der Sanktionen und erlaube es ihm gleichzeitig, wichtige Teile seines Atomprogramms zu behalten. Für Teheran sei dies "den größten diplomatische Sieg" der vergangenen Jahre, sagte Israels Außenminister Avigdor Lieberman.

Für Iran ein "tollwütiger Hund"

Wirtschaftsminister Naftali Bennett betonte, Israel sehe sich "nicht an dieses schlechte Abkommen (mit Teheran) gebunden". Israel hat immer wieder indirekt gedroht, notfalls im Alleingang einen Militärschlag gegen die iranischen Atomanlagen zu unternehmen. So lange die Verhandlungen über eine endgültige Einigung mit Teheran noch andauern, gilt dies jedoch als äußerst unwahrscheinlich.

Die jüngsten Äußerungen des obersten iranischen Führers tragen nicht gerade zur Beruhigung der aufgeheizten Stimmung bei. Ajatollah Ali Chamenei hatte Israel als "tollwütigen Hund" bezeichnet und gesagt, das "israelische Regime" sei "zum Scheitern und zur Vernichtung verurteilt". Solche Drohungen verstärken bei vielen Israelis die Angst vor einem neuen Holocaust.

Parallelen zu Nazi-Deutschland?

Mosche Feiglin, Rechtsaußen in der regierenden Likud-Partei, ging sogar soweit, das Verhalten der heutigen Weltmächte gegenüber Teheran mit der Appeasement-Politik gegenüber Hitler-Deutschland zu vergleichen. Er zog Parallelen zwischen der Vereinbarung von Genf und dem Münchner Abkommen von 1938. Damals stimmten Großbritannien und Frankreich einer Teilung der Tschechoslowakei zu, um einen Krieg mit Deutschland zu vermeiden. Dieses Nachgeben konnte jedoch nicht den Zweiten Weltkrieg verhindern, der knapp ein Jahr später begann.

"So wie damals die Tschechoslowakei, die nicht an den Verhandlungen teilnahm, die sie letztlich zum Tode verurteilten, sieht Israel heute von der Seite zu, wie seine existenziellen Interessen von den westlichen Mächten geopfert werden", sagte Feiglin.

Sara Lemel/DPA / DPA