HOME

Augusto Pinochet: General im Regen

Es wird einsam um Chiles Ex-Diktator Augusto Pinochet, dem ein Mordprozess droht. Immer mehr Weggefährten wenden sich von ihm ab. Auch die öffentliche Meinung beginnt zu kippen.

Von Kai Behrmann

Seinen Lebensabend hatte sich der chilenische Ex-Diktator Augusto Pinochet sicherlich anders vorgestellt. Um der Anklage für die während seiner Militärdiktatur begangenen Menschenrechtsverletzungen zu entgehen, hatte Pinochet kurz vor seiner Abdankung Ende der 1980er Jahre durch die Ernennung zum Senator auf Lebenszeit versucht, seine Immunität zu sichern.

Jetzt scheint es jedoch so, als müsse sich Pinochet doch noch vor Gericht verantworten. Der Oberste Gerichtshof Chiles hat den 89-Jährigen für verhandlungsfähig erklärt und damit den Weg für ein Verfahren wegen Mordes und Entführung frei gemacht. Die Verbrechen sollen sich laut der Anklage des chilenischen Untersuchungsrichter Juan Guzmán im Rahmen der "Aktion Condor" ereignet haben. Gerade jetzt in dieser für Pinochet schwierigen Situation wenden sich immer mehr alte Weggefährten von dem früheren Militärmachthaber ab.

Gespaltene Gesellschaft

Bisher waren alle Versuche in der Vergangenheit gescheitert, Pinochet zur Rechenschaft zu ziehen. Zuletzt war dies im Jahre 1998 der Fall, als der 89-Jährige während eines Aufenthaltes in London auf Basis eines internationalen Haftbefehles verhaftet worden war. Zwei Jahre später durfte er allerdings als freier Mann in seine Heimat zurückkehren. Dort wurde er bei seiner Ankunft in der Hauptstadt Santiago von einer großen Anzahl jubelnder Anhänger empfangen.

Während im Ausland allgemein das Bild eines brutalen Diktators vorherrscht, der seine Gegner rücksichtslos verfolgen und ermorden ließ, so war Pinochet in Chile bislang immer noch ein breites Maß an Sympathie sicher. Viele seiner Landsleute sehen in ihm den Retter Chiles vor dem Sozialismus. Außerdem halten sie ihm zu Gute, dass Chile seinen - im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Staaten - relativ hohen Wohlstand Pinochets neoliberalen Wirtschaftsreformen zu verdanken hat.

In einer Umfrage aus dem Jahr 2001 gab ein Fünftel der Chilenen an, sie hätten ein positives Image von Pinochet. Ein Drittel der Chilenen war sogar der Meinung, dass der Anführer des Militärputsches von 1973 als einer der besten politischen Führer Chiles in die Geschichte eingehen werde.

Die chilenische Bestsellerautorin Isabelle Allende, Nichte des von Pinochet gestürzten Präsidenten Salvador Allende, brachte die Spaltung der chilenischen Bevölkerung in einem Interview von 1999 auf den Punkt: "Für die einen wird Pinochet immer ein brutaler Diktator sein, die anderen feiern ihn als Retter des Vaterlandes. Es wird hundert Jahre dauern, bis wir Chilenen uns über seine Rolle einig werden."

Bewusstseinsänderung in der Bevölkerung

Nach Ansicht des Generaldirektors der chilenischen Sektion der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, Sergio Laurenti, ist es allerdings in der jüngsten Vergangenheit zu einer radikalen Bewusstseinsänderung in der chilenischen Bevölkerung gekommen. Grund dafür sind die Enthüllungen des Berichtes der "Nationalen Kommission für politische Haft und Folter", der so genannten Valech-Kommission. Darin wurden 35.000 Aussagen von Opfern des Militärregimes ausgewertet. "Die Enthüllungen haben ein ganz neues Bild von dem Ausmaß der Brutalität des Militärregimes gezeichnet", so Laurenti gegenüber stern.de.

Immer mehr Anhänger und Sympathisanten Pinochets wenden sich jetzt von ihm ab. "Fast das gesamte rechte politische Lager hat sich in letzter Zeit öffentlich von Pinochet distanziert", beschreibt Laurenti die innenpolitische Stimmung in Chile.

Neben den Enthüllungen der Valech-Kommission haben dazu auch Details über Pinochets Verwicklungen in Korruption und Geldwäsche beigetragen. Ermittlungen der Justiz haben Hinweise auf millionenschwere Konten des Ex-Diktators in den USA geliefert. "Viele Freunde und Unterstützer, wie zum Beispiel der Bürgermeister Santiagos mit Präsidentschaftsambitionen, Joaquín Lavín, sind jetzt darum bemüht, sich vom korrupten Image Pinochets zu distanzieren", sagt Laurenti. In der öffentlichen Meinung wiege der Vorwurf, sich persönlich bereichert zu haben schwerer als der, die Menschenrechte mit Füßen getreten zu haben.

Noch lange nicht am Ziel

Auch wenn die Umstände so günstig wie nie zuvor scheinen, Pinochet 15 Jahre nach dem Ende seiner Militärherrschaft doch noch den Prozess zu machen, bleibt fraglich, ob es dazu tatsächlich kommen wird. Nach der Ansicht Laurentis sei der erste Schritt zwar gemacht, aber der Weg, bis Pinochet auf der Anklagebank Platz nehme, noch lang. Und die Zeit läuft für Pinochet. Letztendlich könnte das hohe Alter und der schlechte Gesundheitszustand den 89-Jährigen davor bewahren, sich vor Gericht verantworten zu müssen.