Begräbnis Die schwierige Trauer um Boris Jelzin


Die Beerdigung des ehemaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin hat unter großer Anteilnahme der Bevölkerung stattgefunden. Dagegen tut sich das offizielle Russland ein wenig schwer mit der Trauer um den Ex-Präsidenten.
Von Andreas Albes

Gefolgt von einer Riege Beamter und in Begleitung Boris Jelzins' Tochter Tatjana schritt Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow gestern Vormittag den Prominentenfriedhof am Neujungfrauen-Kloster ab. Es galt eine geeignete letzte Ruhestätte für Russlands ersten Präsidenten zu finden. Die Gruppe blieb in Sektion 131 im östlichsten Teil des Geländes stehen, wo die Friedhofsverwaltung eine ihrer Meinung nach würdige Stelle vorgesehen hatte - gleich in unmittelbarer Nähe zu einigen hohen Generälen, Gouverneuren und Raissa Gorbatschowa. Doch Jelzins Tochter schüttelte nur missbilligend den Kopf. Der Platz kam nicht in Frage.

Schließlich schlug Juri Luschkow vor, den verstorbenen Kremlherscher doch auf der zentralen Friedhofsallee, nur hundert Meter hinter dem Haupteingang beizusetzen. Das könne schwierig werden, gaben die Friedhofsgärtner zu bedenken, dort würde bei starkem Regen eine Menge Wasser entlang fließen. Doch Luschkow duldete keinen Widerspruch. Er ließ sich ein Stück Kreide geben, zeichnete ein großflächiges Quadrat auf den Asphalt, und schon wenige Minuten später rückte ein Baukommando mit Presslufthämmern an, um die Friedhofsallee aufzumeißeln. Jelzins Tochter war nun zufrieden.

Presse zählte Fehlleistungen auf

Russland will sich nicht nachsagen lassen, seinen ersten Präsidenten nicht würdevoll verabschiedet zu haben. Denn so hatte es am Montag, dem Tag als Jelzin 76-jährig an Herzversagen starb, beinahe ausgesehen. Das Fernsehen, das sonst jeden staatlichen Anlass in epischer Breite würdigt, unterbrach nicht einmal sein Programm; Präsident Putin trat erst gegen 21 Uhr abends, also fünf Stunden nach Jelzins Ableben, an die Öffentlichkeit; und auch die weitgehend staatlich kontrollierte Presse machte keinen Hehl daraus, dass der Verstorbene als höchst umstrittener Politiker galt und zählte seine größten Fehlleistungen auf: Liquidierung der Sowjetunion, diebische Privatisierung, der Beschuss des Weißen Hauses, Inflation, Rubelkrise etc.

Doch je näher der Beerdigungstermin rückte, desto stärker besann man sich darauf, dem Verstorbenen Ehre zuteil werden zu lassen. Das Datum seiner Beisetzung wurde entsprechend orthodoxem Ritual auf den dritten Tag nach seinem Tod festgelegt, Putin rief Staatstrauer aus. Das Fernsehen erklärte, es werde auf die Ausstrahlung von Werbung verzichten und die in Russland so beliebten täglichen Soap Operas durch Dokumentarfilme ersetzen; auch MTV nahm sich vor, möglichst "verhaltene" Videoclips zu spielen.

Tausende warteten stundenlang

Boris Jelzins Leichnam wurde von gestern Mittag an in der Christus Erlöser-Kirche aufgebahrt, jener gigantischen Kathedrale unweit des Kreml, die zu Sowjetzeiten durch ein Schwimmbad ersetzt worden war und die er während seiner Präsidentschaft für ein Millionenvermögen wieder aufbauen ließ. Knapp 24 Stunden lang, die ganze Nacht hindurch, hatte das Volk Zeit, sich von seinem Präsidenten zu verabschieden. Es kamen Tausende, sie warteten bis zu vier Stunden; noch um ein Uhr Morgens reichte die Schlange auf einer Länge von 500 Metern einmal um die Kirche.

Die meisten, die Jelzin die letzte Ehre erwiesen, sagten: "Boris Nikolajewitsch war einer von uns." Einer, der sich nicht unter kriegen ließ, ein bärbeißiger Russe eben, ein Mann des Volkes, der auch mal einen Schluck zuviel trank. Viele Trauernde fanden lobende Worte, weil Jelzin ihnen die Religion zurückgab, und nicht wenige würdigten, dass während seiner Amtszeit zum ersten und einzigen Mal Meinungs- und Pressefreiheit in Russland herrschte.

Blumen abräumen im Minutentakt

Vor Jelzins Sarg stand ein Portraitfoto von ihm - aber nicht als Staatsmann, sondern im weißen Strickpullover und mit breitem Lachen auf dem Gesicht. Sein Leib war zur Hälfte von einer seidenen russischen Flagge bedeckt; ein Tisch, auf dem die Trauernden Blumen niederlegen konnten, musste alle paar Minuten von drei Männern des Sicherheitsdiensts abgeräumt werden, so schnell füllte er sich mit Nelken und Rosen. Die Journalisten wurden darauf hingewiesen, dass man den Sarg extra nicht zu hoch aufgestellt habe, damit auch jeder einen letzten Blick auf das Gesicht des Präsidenten werfen könne.

Heute, um 12.30 Uhr, wurde die Kirche dann für die Öffentlichkeit geschlossen. Bis dahin hatten hunderte Gärtner, Hausmeister und Bauarbeiter sämtliche Straßen und Gassen im näheren Umkreis gefegt, Ampeln repariert, Zebrastreifen geweißelt, und, wo möglich, frische Blumen gepflanzt. Die offiziellen Trauergäste konnten kommen. Jelzins Witwe Naina und Tochter Tatjana empfingen am Sarg Kondolationen von Präsident Putin, sämtlichen russischen Ministern, so zweifelhaften Persönlichkeiten wie Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko oder Leonid Kutschma aus der Ukraine, dessen Wahlfälschung die orangene Revolution ausgelöst hatte. Es waren aber auch Deutschlands Bundespräsident Horst Köhler, Gerorge Bush sen., Bill Clinton, und Großbritanniens Ex-Premier John Major gekommen.

Hunderte Soldaten säumten den Weg

Zur Beerdigung auf dem Neujungfrauen-Friedhof wurde die prominente Trauergesellschaft von Putin angeführt. Über Nacht hatten die Friedhofsarbeiter rund um das aufgemeißelte Grab schon wieder frischen Asphalt verlegt und eine Reihe zwei Meter hoher Lebensbäume versetzt. Ein Panzerwagen zog den offenen Sarg zum Haupteingang, hunderte Soldaten in Paradeuniformen säumten den Weg. Jelzins Tochter Tatjana stand fast eine Minute mit Tränen im Gesicht über das Gesicht ihres Vaters gebeugt. Zur seiner letzter Ehre schoss die Armee unter Begleitung der russischen Hymne drei Salven aus 76-Millimeter-Lafetten ab.

Der Protokollführer und engste Vertraute des verstorbenen Präsidenten, Wladimir Schewtschenko, wurde gefragt, ob sein langjähriger Dienstherr denn ein Testament hinterlassen habe. Nein, gab Schewtschenko zur Antwort, habe er nicht. Aber man solle als seinen letzten Willen ansehen, was er Wladimir Putin mit auf dem Weg gab, als er sich am 1. Januar 2000 aus dem Kreml verabschiedete: "Bewahren Sie Russland."


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