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Bergbauunglück in der Türkei: Erdogan soll Demonstrant geohrfeigt haben

Nach der Bergwerkskatastrophe im türkischen Soma ist die Polizei in der Stadt mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Demonstranten vorgegangen. Die Zahl der Toten stieg derweil auf 292.

In der türkischen Stadt Soma, in der bei einem Bergbauunglück fast 300 Minenarbeiter ums Leben gekommen sind, kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. US-Präsident Barack Obama bot der Regierung in Ankara Hilfe an. Deutsche Politiker kritisierten derweil den für kommenden Samstag in Köln geplanten Auftritt des in die Kritik geratenen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Diesem wird nun auch vorgeworfen, einen Mann in Soma geohrfeigt zu haben.

Wie die türkische Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf Energieminister Taner Yildiz meldete, wurden am Freitagabend acht weitere Menschen tot aus dem Bergwerk in der westtürkischen Stadt geborgen. Rettungskräfte würden weiter nach den noch vermissten neun oder zehn Bergleuten suchen.

In einem Telefonat mit dem türkischen Präsidenten Abdullah Gül drückte Obama sein Beileid aus. Welche Hilfe genau er dem Land zukommen lassen wollte, blieb in einer Mitteilung des Weißen Hauses zunächst unklar.

Zuvor war es in Soma zu Zusammenstößen gekommen. Wie Augenzeugen berichteten, feuerten die Sicherheitskräfte auch Gummigeschosse auf Demonstranten. Diese fordern den Rücktritt der Regierung. Ihr wird unter anderem vorgeworfen, schärfere Sicherheitskontrollen verhindert zu haben.

Von Demonstranten ausgebuht

Für zusätzliche Brisanz sorgt ein Video, auf dem eine Ohrfeige Erdogans zu sehen sein soll - allerdings ist die Sequenz verwackelt, so dass sein Verhalten nur undeutlich zu erkennen ist. Erdogan war bei seinem Besuch in Soma am Mittwoch von einer Menschenmenge ausgebuht und ausgepfiffen worden. Sicherheitskräfte bahnten ihm den Weg durch Demonstranten in ein Geschäft. Dabei soll es zu dem Vorfall gekommen sein. Erdogan hatte zuvor unter anderem die schlechte Sicherheitsbilanz der Kohlebergwerke in der Türkei heruntergespielt und gesagt: "Solche Unfälle passieren ständig."

Grünen-Chef Cem Özdemir kritisierte, mit seiner Reaktion auf das Grubenunglück verwandele Erdogan die tiefe Trauer vieler Türken in Wut. Der Regierungschef könne jetzt nicht einfach Wahlkampf machen, fügte er mit Blick auf den geplanten Auftritt Erdogans in Köln hinzu. Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Guntram Schneider (SPD) forderte Erdogan auf, seine Rede in der Lanxess-Arena abzusagen. "Ich halte den Besuch in Ablauf und Inhalt für abwegig und unangemessen", sagte er der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". "Der Besuch kommt einem Missbrauch des Gastrechts nahe."

Erdogans Partei AKP hat betont, der Auftritt in Köln sei keine Wahlkampfveranstaltung, sondern würdige das zehnjährige Bestehen der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD). Kritiker gehen jedoch davon aus, dass Erdogan türkischer Präsident werden und in Köln um Stimmen werben will. An der Wahl am 10. August dürfen erstmals auch die in Deutschland lebenden Türken teilnehmen.