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Zehn Jahre Bluewater-Medienaffäre: Die lustige Terrorlüge

Heute vor genau zehn Jahren fielen etablierte deutsche Medien auf einen grandios inszenierten Prank herein. Es war der Eröffnungstusch zu einem zersetzenden Zeitalter der Täuschung.


Die Homepage der angeblichen kalifornischen Kleinstadt Bluewater am 10. September 2009

Gefälschter Wegweiser zum erfundenen Schauplatz eines erfundenen Terroranschlags: Die Homepage der kalifornischen Kleinstadt Bluewater am 10. September 2009. Seither haben Lügen und Falschnachrichten die Politik, das Leben und die Welt verändert

Picture Alliance

Schon mal was von der "Bluewater-Affäre" gehört? Nein? War eine ziemlich irre Geschichte. Vor genau zehn Jahren gelang es dem Filmregisseur Jan Henrik Stahlberg ("Muxmäuschenstill", "Fikkefuchs"), etablierte Medien, darunter die hochseriöse Deutsche Presse-Agentur (DPA), grandios hinters Licht zu führen mit einem "größenwahnsinnigen Terror-Prank" ("Vice"). Stahlberg verleitete die Journalisten, über einen angeblichen Terroranschlag in der kalifornischen Stadt Bluewater zu berichten, der, so reportierte der örtliche TV-Sender "vpk-tv", offenbar von "arabisch-stämmigen Männern" begangenen worden war. Tastsächlich gab es aber weder den Anschlag noch den Sender noch die Stadt Bluewater. Stahlberg und seine Leute hatten nur den Rechercheweg von Journalisten unter Zeitdruck nachvollzogen und sie mit fingierten Webseiten, fingierten Videos, fingierten Wikipedia-Einträgen und fingierten Telefonnummern hereingelegt. In Wirklichkeit spielte sich das Geschehen nicht an der US-Westküste ab, sondern in Berlin. Was damals genau passierte, haben wir bei stern.de hier rekonstruiert.

Was ist Wahrheit wert?

"Bluewater" ist eigentlich vergessen, scheint weit weg, wie eine Geschichte aus einer längst vergangengen Zeit, in der das Internet noch so unschuldig war wie das Auenland vor Bilbo Beutlins Aufbruch. Und doch macht Bluewater gerade deshalb klar, was in den vergangenen zehn Jahren eigentlich passiert ist, wie sehr Lügen, Falschnachrichten die Welt, die Politik, das Leben mittlerweile verändert haben, die Arbeit von Journalisten, von traditionellen und ganz neuen Medien. Zumindest in Deutschland war die Affäre der Eröffnungstusch zu einem zersetzenden Zeitalter der Täuschung. Was ist wahr? Und was ist uns die Wahrheit wert? Vielleicht sind das die Fragen, die das vergangene Jahrzehnt mit am meisten geprägt haben – und deren Beantwortung für unsere Gesellschaften auch in Zukunft mit am wichtigsten ist.

Denn, klar, "Fake News", Täuschung, Propaganda, Lüge, das alles hat es immer gegeben, auch in absurder Form, wie nicht zuletzt der Podcast "Faking Hitler" über die im stern veröffentlichten gefälschten Tagebücher zeigt. Traditionelle Medien hat Täuschung immer wieder erschüttert, wie jüngst der Fall Relotius den "Spiegel". Aber das Internet ist ein besonderer, nie dagewesener Resonanzkörper. Dort kann nicht nur jeder etwas reinrufen, ob über Facebook, Youtube, oder irgendeine Kommentarspalte. Da kann auch jede Glaubensgemeinschaft ihre Weltsicht schnell zur scheinbaren Wahrheit adeln, durch Likes und Retweets. Die digitalen Produktionsmittel, hurra, sind jetzt in den Händen aller, das Internet hat allen eine Stimme gegeben. Aber das hat eben auch dafür gesorgt, dass selbst die Wahrheit scheinbar demokratisiert wird, dass sich nun scheinbar über Fakten abstimmen lässt. Die Brexiteers haben von Fake News und ihrem Echo profitiert, Donald Trump freilich, aber auch der Brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, wie die "New York Times" vor ein paar Wochen berichtete. Es gibt unzählige Geschichten von der mitunter grausamen Macht der Lüge.

Zahlreiche Fake-Videos

Blickt man auf dieses Jahrzehnt zurück, so sind die Lügner gegenüber den Wahrheitssuchern zumeist im Vorteil gewesen, vor allem technisch. Wer konnte sie schon erhaschen, die russischen Trolle im US-Wahlkampf? Wer konnte schon nachvollziehen, wer da was mit welcher Absicht in die Welt gesetzt hat? Journalisten kamen da oft nicht hinterher. und Facebook, Youtube oder Twitter, die "Plattformen", die neuen Medien, hatten lange kein Interesse daran, genau hinzugucken, was auf ihren Seiten nun echt oder falsch war. Reichweite, egal womit, war ja gut fürs Geschäft. Unvergessen der Ausruf von Facebook-Chef Marc Zuckerberg, dass es doch eine "ziemlich verrückte Idee" sei zu glauben, Fake News auf Facebook hätten den Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen beeinflusst. Pah!

Die Phase der Ignoranz ist vorbei

Diese Phase der Ignoranz ist nun immerhin vorbei. Die Medien haben auf die Welle der Lügen reagiert. Als die Bluewater-Affäre die DPA erschütterte, versprach die Agentur noch, neue Richtlinien für die Überprüfung von Fakten und Behauptungen einzuführen. Mittlerweile ist das fachgerechte "Fact Checking" zu einer Disziplin geworden, zu einer Dienstleistung. Die ehrwürdige BBC hat jüngst sogar angekündigt, einen Verbund von traditionellen Medien und Plattformen zu schaffen, um Fake News zu bekämpfen. Falsche oder irreführende Nachrichten seien wie "Gift im Blutstrom unserer Gesellschaften" sagte BBC-Chef Tony Hall. Recht hat er: Wo es keine allgemein anerkannten Fakten gibt, kann es keine Gesellschaften geben, keine Argumente, keinen Streit, denn es fehlt jede Basis. In so einer Welt ohne anerkannte Fakten kann es nur Glaubensgemeinschaften geben – Sekten.

Donald Trump und Kim Kardashian werden durch "Deepfakes" Worte in den Mund gelegt

Weil das offenbar viele Menschen erkannt haben, wird derzeit wieder Boden gutgemacht. Die Plattformen versuchen, Lügen früher zu entdecken, mal mit menschlichem Verstand, vor allem aber mit künstlicher Intelligenz. Sie machen das zum einen, weil ihnen sonst – wie im Fall von Youtube – Werbekunden davonlaufen, aber auch, weil die Politik ihnen mit Gesetzen droht. Das deutsche Netzwerkdurchsetzungsgesetz, so problematisch das in der Praxis ist, war da ein Weckruf. Und die Politik will mehr. In Brüssel überwachte eine Einheit die Verbreitung von Fake News im Europawahlkampf und vermeldete Lügen, wenn sie sie entdeckte. Im nächsten Jahr wird die neue EU-Kommission sich an ein Gesetz machen, das festlegen soll, wie groß die inhaltliche Verantwortung der Plattformen sein soll.

Bluewater als Denkmal

Wie hältst Du's mit der Wahrheit? Dass bei jedem gesetzlichen Eingriff die Gefahr der Zensur besteht, einer staatlich verordneten Wahrheit, ist dabei offensichtlich. Nach der Hochphase der Scharlatane droht nun eine Übermacht von Wahrheitsministern. Man mag das beklagen, man muss es auch kritisieren. Positiv daran ist, dass jetzt immerhin intensiver denn je darüber verhandelt wird, was Wahrheit ist – und was nicht, dass so langsam klar wird, dass sie der Boden ist, auf dem Menschen sich annähern können. Läuft es gut, könnte auf das Zeitalter der Täuschung wieder ein Zeitalter der Aufklärung folgen. Mit der Bluewater-Affäre als Denkmal, zumindest als kleines.

Twitter: @florianguessgen