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Bombenexplosion: Moskau als Angriffsziel

Mindestens acht Menschen sind bei einem Anschlag in Moskau getötet worden, als eine Bombe zur Hauptverkehrszeit im Stadtzentrum explodierte. Die Behörden gehen von einem Selbstmordattentat aus.

Eine Bombenexplosion in der Nähe einer belebten U-Bahn-Station in Moskau hat am Dienstagabend nach Polizeiangaben mindestens acht Menschen in den Tod gerissen. Mehr als 20 weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, wie ein Polizeisprecher erklärte. Die Explosion sei von einer Selbstmordattentäterin ausgelöst worden, berichteten russische Nachrichtenagenturen unter Berufung auf den Inlandsgeheimdienst FSB. Ein Augenzeuge berichtete von einer gewaltigen Detonation, gefolgt von einer schwächeren.

Blutüberströmte Menschen

Die Explosion ereignete sich gegen 20.15 Uhr Ortszeit zwischen dem Eingang zur U-Bahn-Station Rischskaja im Nordosten der russischen Hauptstadt und einem Einkaufszentrum. Zahlreiche Krankenwagen und Rettungskräfte eilten zum Schauplatz der Detonation. Fernsehbilder zeigten blutüberströmte Menschen, ein ausgebranntes, weißes Auto und zerbrochene Glasscheiben vor der Station. Der leitende Moskauer Staatsanwalt Anatoli Sujew erklärte vor Journalisten, seine Behörde habe Ermittlungen wegen des Verdachts auf Terrorismus und Mordes aufgenommen.

Moskau war in den vergangenen Jahren mehrfach Ziel von Anschlägen, für die tschetschenische Rebellen verantwortlich gemacht wurden. Im Februar kamen 41 Menschen bei einer Explosion in der U-Bahn ums Leben, bei der es sich nach Behördenangaben um einen Terroranschlag handelte. Vor einer Woche stürzten zwei in Moskau gestartete Passagiermaschinen nahezu gleichzeitig ab. Insgesamt 90 Menschen kamen bei den Abstürzen ums Leben, die von tschetschenischen Separatisten herbeigeführt worden sein sollen. Am Sonntag wurde in Tschetschenien ein neuer Präsident gewählt, zum Sieger der von Manipulationsvorwürfen begleiteten Abstimmung wurde der vom Kreml favorisierte Politiker Alu Alchanow erklärt.

Schröder ohne Bedenken

Unterdessen hat Bundeskanzler Gerhard Schröder keine Bedenken über den Ablauf der umstrittenen Präsidentschaftswahl in Tschetschenien geäußert. "Soweit ich das übersehe, hat es eine empfindliche Störung der Wahlen nicht gegeben", sagte Schröder am Dienstag im russischen Sotschi auf die Frage, was er von der Wahl in der Kaukasus-Republik halte. Schröder, der sich zuvor mit den Präsidenten Russlands und Frankreichs, Wladimir Putin und Jacques Chirac, in dem Badeort am Schwarzen Meer getroffen hatte, fügte hinzu, die weitere Entwicklung werde in kritischer Solidarität begleitet. CDU und FDP warfen Schröder vor, von Putins Politik in Tschetschenien abzulenken.

Der russlandtreue Politiker Alu Alchanow war am Sonntag mit fast drei Vierteln der abgegebenen Stimmen zum neuen Präsidenten der seit Jahren umkämpften russischen Kaukasus-Republik gewählt worden. Insbesondere die USA haben den Wahlablauf kritisiert. Nach ihrer Darstellung entsprach er nicht den internationalen demokratischen Standards. Die USA kritisierten vor allem den Ausschluss eines aussichtsreichen Kandidaten.

"Ich sehe so ein Stück Doppelmoral"

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel warf Schröder Doppelmoral vor. "Ich finde es beschämend, dass der Bundeskanzler nicht die Kraft hat, einmal öffentlich und laut in Russland zu sagen, dass es zu Unregelmäßigkeiten bei der Wahl in Tschetschenien gekommen ist, dass es schlecht um die Pressefreiheit und um die Menschenrechte steht", sagte Merkel dem Fernsehsender N24. "Ich finde, dass muss unter Freunden auch einmal gesagt werden können. Das vermisse ich." In der Außenpolitik dürfe nicht mit zweierlei Maß gemessen werden. "Ich sehe so ein Stück Doppelmoral."

Der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Fraktion im Bundestag, Wolfgang Schäuble (CDU), erklärte, es sei richtig, dass Deutschland großes Interesse habe an einem stabilen Russland als Partner und dass Terrorismus verurteilt und bekämpft werden müsse. "Richtig ist aber auch, dass die harte Hand Moskaus im Kaukasus nicht absichtlich übersehen werden darf, schon gleich gar nicht vom deutschen Bundeskanzler."

"Feigenblatt für Putins Politik"

Der stellvertretende Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Werner Hoyer, warf Schröder vor, sich zum Feigenblatt für Putins Politik machen zu lassen. Schwere Menschenrechtsverletzungen und Wahlmanipulation durch die russische Regierung würden durch die Präsenz Schröders und Chiracs mit dem Mantel der internationalen Terrorbekämpfung zugedeckt. Putins Politik werde so vor der Weltöffentlichkeit gerechtfertigt.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters