VG-Wort Pixel

Skandal in London Boris Johnson wegen Lockdown-Weihnachtsfeier unter Druck – Opposition fordert Rücktritt

Der britische Premier Boris Johnson verlässt die Downing Street Nummer 10
Der britische Premier Boris Johnson verlässt die Downing Street Nummer 10
© Daniel Leal / AFP
Für Boris Johnson ist es ein Albtraum vor Weihnachten: Enge Mitarbeiter sollen im Lockdown eine Party gefeiert haben. Das hatte der britische Premier seit Tagen dementiert. Nun enthüllt ein Video neue pikante Details.

Sie sollen gefeiert haben, als Hunderte starben und Millionen ihre Lieben nicht sehen durften – und Tage später scherzten sie vor laufender Kamera über den eklatanten Regelbruch. Ein explosives Video aus der Downing Street über eine mutmaßliche Weihnachtsfeier von Regierungsbeamten während des Corona-Lockdowns vor einem Jahr setzt den britischen Premierminister Boris Johnson erheblich unter Druck. Im Raum steht, dass Johnson, der demnach nicht an der Party teilnahm, über das Event gelogen hat.

Im britischen Parlament schlug dem Premier am Mittwoch eine aufgeheizte Stimmung entgegen, Buhrufe begleiteten Johnson auf dem Weg zu seinem Platz. Für Oppositionsführer Keir Starmer ist klar: Der Premier hat seinen Laden nicht mehr im Griff. Der Fraktionschef der Schottischen Nationalpartei (SNP), Ian Blackford, forderte Johnson mit emotionalen Worten zum Rücktritt auf. Mehrmals musste Parlamentspräsident Lindsay Hoyle zur Ruhe mahnen.

Johnson: "Ich entschuldige mich"

Vor allem geht es um ein Video, in dem engste Vertraute des Premiers sich offensichtlich lachend überlegen, wie sie die Party schönreden können. Dazu sagte Johnson im Parlament: "Ich entschuldige mich vorbehaltlos für den Anstoß, den es im ganzen Land erregt hat, und entschuldige mich für den Eindruck, den es erweckt." Es werde eine interne Untersuchung geben, und die Regierung werde mit der Polizei kooperieren, versicherte er. Weiterhin aber betonte Johnson, ihm sei wiederholt versichert worden, weder habe es eine Party gegeben, noch seien Corona-Regeln gebrochen werden. Die mögliche Verantwortung schob Johnson den Mitarbeitern zu: Sollten doch Regeln gebrochen worden sein, werde es ernste Konsequenzen geben.

Noch am Mittwoch folgte der erste Rücktritt. Johnsons ehemalige Sprecherin Allegra Stratton entschuldigte sich unter Tränen für ihre Bemerkungen in dem veröffentlichten Video. Johnson hingegen zeigte sich im Parlament demonstrativ unbeeindruckt von den Anschuldigungen und Rücktrittsforderungen. Der Opposition warf er vor, alte Geschichten hervorzukramen, um politische Spielchen zu spielen. Er hingegen blicke nach vorne und führe das Land aus der Coronakrise.

Doch in der Bevölkerung scheint Johnsons Verteidigungsstrategie nicht zu verfangen. Wie eine Umfrage im Auftrag des Nachrichtensender Sky News ergab, sind 63 Prozent der Briten der Ansicht, dass Johnson nicht die Wahrheit sagt. 

Regierungsmitarbeiter witzelten über "Wein und Käse"

In der Tory-Partei mehren sich unterdessen Stimmen, die zweifeln, ob mögliche schärfere Regeln wegen der Omikron-Variante überhaupt durchzusetzen sind, wenn in der Bevölkerung der Eindruck erweckt wird, dass die Regierung mit zweierlei Maß misst. In der Downing Street sollen nach Informationen mehrerer Medien 40 bis 50 Mitarbeiter am 18. Dezember 2020 eng an eng bei Wein und Häppchen gefeiert haben, es sei gewichtelt worden.

Damals galten scharfe Kontaktbeschränkungen, Partys und Versammlungen waren verboten. Die Regierung dementierte die Veranstaltung zwar nicht, betont aber seit Tagen, es seien keine Corona-Regeln verletzt worden – wie nun auch Johnson es erneut tat.

Und das, obwohl der Sender ITV am Dienstagabend ein Video veröffentlichte, das ein paar Tage später, am 22. Dezember 2020, in der Downing Street aufgezeichnet wurde. In der Hauptrolle: Johnsons damalige Sprecherin Stratton, die für eine Pressekonferenz probt. Scherzhaft befragt ein Mitarbeiter Stratton nach einer Feier, die Anwesenden witzeln über "Wein und Käse". "Bei dieser fiktionalen Party hat es sich um ein Geschäftstreffen gehandelt, und es gab keine sozialen Abstandsregeln", antwortet Stratton lachend.

ITV-Moderator: "Sie lachen uns aus"

Das Echo: verheerend. ITV-Moderator Tom Bradby sagte seinem Millionenpublikum: "Sie lachen uns aus. Euch, mich, uns alle." Am schlimmsten dürfte Johnson aber die mittlerweile offene Kritik aus den Reihen seiner eigenen Partei treffen. Der Chef der schottischen Konservativen, Douglas Ross, sagte, sollte Johnson das Parlament getäuscht haben, müsse er zurücktreten. Mehrere Abgeordnete erinnerten daran, dass viele Menschen sich damals nicht von sterbenden Verwandten und Freunden verabschieden durften. Am 18. Dezember 2020 meldete die Regierung 514 Corona-Tote an einem Tag.

Ein führender Vertreter des Gesundheitsdienstes NHS sprach von einem harten Schlag für die Moral. Es werde deutlich schwieriger, dass sich Menschen an Regeln halten, wenn Entscheider diese selbst nicht befolgten, sagte Matthew Taylor dem Sender Sky News. Das ist aktuell umso verheerender, da die Omikron-Variante des Coronavirus sich in Großbritannien schnell verbreitet. Johnson soll derzeit sogar überlegen, entgegen seiner früheren Ankündigung Impfpässe zum Besuch von Großveranstaltungen vorzuschreiben.

Lockdown-Feier auch im Bildungsministerium

Zumal die Feier nicht die einzige gewesen sein soll. So wurde während des Corona-Lockdowns vor einem Jahr ebenfalls eine Weihnachtsparty im Bildungsministerium gefeiert. Etwa zwei Dutzend Mitarbeiter hätten sich am 10. Dezember 2020 in der Cafeteria der Behörde bei Getränken und Häppchen unterhalten, berichtete die Zeitung "Daily Mirror" am Mittwoch. Damals war es Mitgliedern verschiedener Haushalte verboten, sich zu treffen.

Das Bildungsministerium räumte die Veranstaltung ein. Der damalige Ressortchef Gavin Williamson habe sich bei seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihre Leistung während der Pandemie bedanken wollen. Es wäre aber besser gewesen, wenn die Feier nicht stattgefunden hätte, hieß es. Dem "Mirror" sagte eine Quelle, das Vorgehen sei "rücksichtslos" gewesen.

Johnsons Regierung war bereits mehrfach wegen ihres Umgangs mit den Corona-Beschränkungen kritisiert worden. Im Mai musste Gesundheitsminister Matt Hancock zurücktreten. Die "Sun" hatte zuvor ein Bild einer Überwachungskamera veröffentlicht, auf dem Hancock eine Mitarbeiterin in seinem Ministerium küsst. Damals galten in England noch Kontaktbeschränkungen. Zuvor hatte Johnsons damaliger Spitzenberater Dominic Cummings mit mutmaßlichen Verstößen gegen die Corona-Auflagen für einen Skandal gesorgt.

Hinweis: Der Artikel wurde nachträglich aktualisiert.

les / Benedikt von Imhoff DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker