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Covid-19-Krise in Brasilien Bolsonaros Modellstadt für umstrittene Behandlungsmethode versinkt im Corona-Chaos

Sieben Männer in weißen Schutzanzügen senken einen hellen Holzsarg mit einem Corona-Toten in ein Grab
Sehen Sie im Video: 300.000 Tote – Brasilien wird zum globalen Epizentrum der Corona-Pandemie.




300.000 Tote durch das Coronavirus - diese traurige Marke hat Brasilien am Mittwoch überschritten. Damit wird das größte Land Lateinamerikas zum globalen Epizentrum der Pandemie. Berichten zufolge kommt, global gesehen, derzeit jedes vierte Todesopfer aus Brasilien. Begünstigt durch eine aggressivere Variante, eine nur sporadische Impfstoffverteilung sowie inkonsequente Schutzmaßnahmen erreicht der Ausbruch sein bisher schlimmstes Stadium. Infektiologe Alexandre Barbosa. "Der Anstieg der täglichen Todesrate in den letzten Monaten läuft auf eine Prognose von 500.000 Todesfällen gegen Ende des Jahres hinaus. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Brasilien sogar die USA überholt und das Land mit den meisten Todesfällen wird." Immerhin trägt Präsident Jair Bolsonaro bei öffentlichen Auftritten mittlerweile eine Maske. Anfangs war er vor allem dadurch aufgefallen, Abriegelungsmaßnahmen zu blockieren, Zweifel an Impfstoffen zu säen und stattdessen für unbewiesene Heilmittel wie Hydroxychloroquin zu werben. Seitdem sich die Pandemie verschlimmert hat, zeigt Bolsonaro Anzeichen, sie ernster zu nehmen. Doch die Aussichten bleiben düster. Das Gesundheitsministerium sieht sich aktuell mit Vorwürfen konfrontiert, es habe versucht, die Zahl der Todesopfer zu manipulieren.
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Statt auf die Wissenschaft setzt Jair Bolsonaro im Kampf gegen Corona auf die sogenannte Frühbehandlung. Als Beleg für ihre Wirkung feiert Brasiliens Präsident die Stadt Chapecó – doch dort steht das Gesundheitssystem vor dem Kollaps.

In Brasilien verschärft sich die Coronakrise immer weiter. Erstmals seit Ausbruch der Pandemie registrierten die Behörden mehr als 4000 mit Sars-Cov-2 infizierte Tote an einem Tag. Innerhalb von 24 Stunden seien 4195 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben, teilte das Gesundheitsministerium am Dienstag mit. Medienberichten zufolge wurden allerdings zahlreiche Todesfälle aus den Osterfeiertagen nachgemeldet.

Rund ein Jahr nach ihrem Ausbruch ist die Corona-Pandemie im größten Land Südamerikas weitgehend außer Kontrolle geraten. In vielen Teilen Brasiliens steht das Gesundheitswesen vor dem Zusammenbruch. Auch Chapecó im Bundesstaat Santa Catarina hat die Grenze seiner medizinischen Leistungsfähigkeit erreicht.

Bolsonaro schwärmt von sogenannter Frühbehandlung

Dabei hat Brasiliens ultrarechter Präsident Jair Bolsonaro die Stadt gerade erst als Erfolgsbeispiel für die sogenannte Frühbehandlung von Covid-19 in höchsten Tönen gelobt. Bei der umstrittenen Therapie, die Bolsonaro immer wieder verteidigt und bewirbt, werden Hydroxychloroquin, Ivermectin und anderen Medikamenten gegen die Krankheit eingesetzt. Für ihre Wirksamkeit gibt es keinerlei wissenschaftliche Beweise.

Chapecós Bürgermeister João Rodrigues, Verteidiger der "Frühbehandlung", habe "außergewöhnliche" und "fan­tas­tische Arbeit" geleistet und sei ein "Beispiel, dem man folgen sollte", schwärmte Bolsonaro am Montag bei einem öffentlichen Auftritt. Er werde die Stadt deshalb noch in dieser Woche persönlich besuchen, nicht nur, um sich dort umzusehen, "sondern um ganz Brasilien zu zeigen, dass das Virus ernst ist und dass seine Auswirkungen bekämpft werden können".

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Was den Staatschef in der 224.000-Einwohner-Stadt erwartet, passt allerdings so gar nicht zu dem Bild, das er von Chapecó gezeichnet hat: Bereits Ende 2020 habe es dort erste Anzeichen einer unkontrollierten Ausbreitung des Coronavirus gegeben, berichtet das brasilianische Magazin "Veja". Seit dem 7. Februar seien 100 Prozent der Intensivbetten der Gemeinde aufgrund der Pandemie belegt. 414 der 537 Todesfälle, die in der gesamten Gesundheitskrise verzeichnet wurden, seien registriert worden, seit Bürgermeister Rodrigues im Januar sein Amt angetreten habe. Und von den bislang insgesamt 33.853 Covid-19-Infektionen seien allein 12.284 in diesem Jahr aufgetreten.

Laut dem brasilianischen Sender Globo starben in Chapecó im März sogar Menschen, während sie auf ein freies Intensivbett warten mussten. Und im Februar machte die Stadt landesweit Schlagzeilen, nachdem ein Bewohner in der Nacht von seiner eigenen Familie auf der Ladefläche eines Autos ins Krankenhaus transportiert werden musste, weil kein Krankenwagen kam.

Bolsonaro hat das Coronavirus von Anfang an als "eine kleine Grippe oder ein Schnüpfchen" verharmlost. Strenge Restriktionen für die Bevölkerung lehnt er aus wirtschaftlichen Gründen ab. Auch die Wirksamkeit von Masken und Impfungen stellt der Präsident immer wieder in Frage. Kritiker werfen dem 66-Jährigen deshalb eine große Mitschuld an der katastrophalen Coronalage in Brasilien vor.

Quellen: "Veja"Globo, CNN


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