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Covid-19-Pandemie Corona-Drama in Brasilien: Begräbnisse im Akkord, ein ignoranter Präsident und ein unerwarteter Hoffnungsträger

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro wurde positiv auf das Coronavirus getestet
Sehen Sie im Video: Vier Gesundheitsminister seit Pandemiebeginn  Bolsonaro heftig in der Kritik.




Er muss seinen Job als brasilianischer Gesundheitsminister räumen. Der General Eduardo Pazuello soll nach dem Willen von Präsident Jair Bolsonaro abgelöst werden. Er habe den derzeitigen Präsidenten der Brasilianischen Gesellschaft für Kardiologie Marcelo Queiroga eingeladen, das Gesundheitsministerium zu übernehmen, schrieb Bolsonaro. Der Kardiologe ist bereits der vierte Gesundheitsminister in der Pandemie. Eine seiner Hauptaufgaben dürfte es sein, die Impfungen in dem Land zu beschleunigen. Bolsonaro kündigte an, dass die Regierung die Bemühungen verdoppeln werde, Massenimpfungen gegen das Coronavirus durchzuführen. Bolsonaro steht für seinen Umgang mit der Pandemie in der Kritik. Er hatte das Coronavirus von Anfang an verharmlost. Viele seiner Anhänger fordern die Lockerungen von Corona-Beschränkungen, erst am Wochenende hatte es deswegen Massenkundgebungen gegeben. Brasilien, das erst im Januar mit Impfungen begann, ist eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder. Mehr als 11 Millionen Menschen haben sich nachweislich mit dem Coronavirus infiziert, rund 280.000 sind im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. In der vergangenen Woche erfasste das Land erstmals mehr als 2000 Coronatote an einem Tag. Das Gesundheitssystem ist vielerorts zusammengebrochen.
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Brasilien ist schon lange ein Corona-Hotspot. Doch in den vergangenen Wochen wurde die Lage noch dramatischer. Für Präsident Jair Bolsonaro könnte das gefährlich werden, ebenso wie ein plötzlich wieder aufgetauchter, alter Rivale.

Mehr als 11,6 Millionen Infizierte, über 282.000 Tote: Das ist die traurige Bilanz der bisherigen Coronapolitik von Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro. Erst vor wenigen Tagen hat die größte und bevölkerungsreichste Nation Lateinamerikas Indien als Land mit den zweitmeisten Covid-19-Fällen weltweit überholt. In der vergangenen Woche erfasste Brasilien erstmals mehr als 2000 Corona-Tote an einem Tag.

Alle fünf Minuten ein Corona-Toter

In der Amazonas-Metropole Manaus, der Anfang des Jahres der Sauerstoff zur Beatmung von Intensivpatienten ausging, erlebte stern-Korrespondent Jan Christoph Wiechmann im Februar Beerdigungen im Akkord. Mittlerweile ist das Gesundheitssystem an mehreren Orten Brasiliens gleichzeitig zusammengebrochen oder steht vor dem Kollaps, auch in Städten und Regionen im Südosten und Süden, die über eine stärkere Infrastruktur verfügen als die Amazonas-Region.

So haben die Intensivstationen für Covid-19-Patienten laut dem Nachrichtenportal "G1" in 53 Städten des reichen Bundesstaates São Paulo ihre Auslastungsgrenze erreicht. Im gesamten Bundesstaat liegt die Belegungsrate der Intensivbetten demnach bei 88,4 Prozent. Mindestens 60 Patienten mit Corona oder Verdacht auf Corona seien bis vergangenen Samstag gestorben, während sie auf ein Intensivbett gewartet hätten. In den ersten beiden Märzwochen verzeichnete der Bundesstaat São Paulo laut "G1" alle fünf Minuten einen neuen Todesfall in Verbindung mit Covid-19.

Die Behörden von São Paulo haben auf die dramatische Entwicklung reagiert und die sogenannte Notfallphase ausgerufen. Seit dieser Woche gilt dort von 20 Uhr bis fünf Uhr morgens eine Ausganssperre. Parks, Bars, Restaurants, Museen und nicht lebensnotwendigen Geschäfte sind bereits seit dem 6. März geschlossen.

Reagiert hat auch Bolsonaro: Inmitten der schlimmsten Phase der Pandemie tauschte der Präsident am Montag seinen Gesundheitsminister aus – bereits zum dritten Mal, seit das Virus das Land erreichte. Marcelo Queiroga solle anstelle von Eduardo Pazuello das Gesundheitsministerium übernehmen, verkündete Bolsonaro via Twitter. Pazuello war vor seiner Berufung ins Kabinett General der brasilianischen Armee gewesen und verfügte über keinerlei Erfahrung im medizinischen Bereich. Queiroga ist immerhin Präsident der Brasilianischen Gesellschaft für Kardiologie. Vor den beiden waren seit Beginn der Pandemie Luiz Henrique Mandetta und Nelson Teich im Amt.

Bolsonaro fordert: "Schluss mit dem Gejammere"

Strenge Restriktionen für die Bevölkerung lehnt Bolsonaro, der das Coronavirus von Anfang an als "eine kleine Grippe oder ein Schnüpfchen" verharmlost hat, aus wirtschaftlichen Gründen weiter ab. "Ihr seid nicht zu Hause geblieben. Ihr seid nicht feige gewesen", lobte der 65-Jährige Medienberichten zufolge erst kürzlich bei der Einweihung eines Eisenbahnlinienabschnitts in São Simão im Bundesstaat Goiás die anwesenden Arbeiter. "Schluss mit dem Gejammere."

Bei vielen Brasilianern kommt das sogar gut an. Vor allem die ärmsten Bevölkerungsgruppen des Landes sind froh, wenn das öffentliche Leben so gut wie möglich weiter pulsiert, damit sie ihren Lebensunterhalt verdienen können. Tagelöhner und Straßenverkäufer etwa können es sich schlichtweg nicht leisten, zu Hause zu bleiben, um sich und andere vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen.

Dennoch ist Bolsonaros Popularität laut dem Meinungsforschungsinstitut Datafolha von 37 Prozent Zustimmung im Dezember auf 31 Prozent im Januar abgesackt. Zwar dürfte der Grund dafür vor allem das Auslaufen der Corona-Hilfsgelder für die Allerärmsten sein, doch auch ein plötzlich wieder aufgetauchter, alter Rivale setzt den Rechtspopulisten unter Druck: der ehemalige Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva.

Lula, wie der immer noch beliebte Politiker in Brasilien genannt wird, war 2018 wegen Korruption und Geldwäsche zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt worden, deshalb durfte er trotz eines Vorsprungs in den Umfragen nicht bei der folgenden Präsidentenwahl gegen Bolsonaro antreten. Vergangene Woche jedoch hob ein Richter am Obersten Gerichtshof Brasiliens die Urteile auf. Brasiliens Staatsanwaltschaft hat die Entscheidung angefochten, sollte sie aber Bestand haben, könnte Lula auf die politische Bühne zurückkehren und erneut bei Wahlen kandidieren.

Lula kritisiert "schwachsinnige Entscheidungen Bolsonaros

Für Bolsonaro wäre das eine ernsthafte Bedrohung: Laut einer Umfrage des Ipec-Instituts vom vergangenen Sonntag wäre Lula, der sich selbst als "Opfer der schlimmsten Justizlüge in 500 Jahren" in Brasilien bezeichnet, bei der im Oktober 2022 anstehenden Wahl der einzige ernstzunehmende Herausforderer des Amtsinhabers und könnte sogar mehr Stimmen erhalten als dieser.

Die linksgerichtete Ikone der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung des Landes brachte sich nach dem Urteil des Obersten Richters denn auch gleich in Stellung gegen Bolsonaro: "Das Leiden, das das brasilianische Volk durchmacht, ist unendlich größer als jedes Verbrechen, das gegen mich begangen wurde", kritisierte Lula am vergangenen Mittwoch in einer im Fernsehen übertragenen Rede am Sitz der Metallarbeiter-Gewerkschaft in São Bernardo do Campo die Corona-Politik der Regierung. "Viele dieser Toten hätten verhindert werden können", wenn die Regierung grundlegende Maßnahmen ergriffen hätte.

Luiz Inácio "Lula" da Silva, ehemaliger brasilianischer Präsident

Und während Bolsonaro den Sinn von Impfungen in Zweifel zieht und diejenigen, die die Regierung zum Kauf von Vakzinen auffordern, schon mal öffentlich als "Idioten" bezeichnet, ermahnte Lula die Menschen: "Folgen Sie nicht den schwachsinnigen Entscheidungen des Präsidenten der Republik oder des Gesundheitsministers: Lassen Sie sich impfen."

Am vergangenen Wochenende ging der 75-Jährige mit gutem Beispiel voran und ließ sich an einem Impf-Drive-Thru in São Bernardo do Campo das Coronavakzin des chinesischen Unternehmens Sinovac in den rechten Arm spritzen. Zugleich postete er ein Video in den sozialen Netzwerken, in dem er Bolsonaro erneut angriff: "Alles, was die Menschen wollen, ist ein Impfstoff, um dieses Monster namens Coronavirus loszuwerden", sagt Lula in dem Clip. "Der Präsident muss aufhören, ignorant zu sein. Sie müssen lernen, die Gefühle des brasilianischen Volkes zu respektieren und Impfstoff für alle sicherzustellen."

Lula hat damit einen wunden Punkt Bolsonaros getroffen: Auch die Berater des Präsidenten sehen "G1" zufolge das Fehlen von Impfdosen als die größte Bedrohung für die politische Zukunft des Rechtspopulisten. Ob die Ablösung des unerfahrenen Gesundheitsministers durch einen Mediziner aber einen Kurswechsel in Bolsonaros Corona-Politik bedeutet, ist zweifelhaft. Nach Ansicht von "G1"-Kommentator Gerson Camarotti will sich der Regierungschef damit angesichts der Corona-Katastrophe nur selbst aus der Schusslinie bringen. Außerdem sei es ohnehin egal, wer an der Spitze des derzeit wohl wichtigsten Ministerium des 210-Millionen-Einwohner-Landes steht, meint Camarotti: "In Wahrheit bleibt Bolsonaro der Gesundheitsminister."

Quellen: "G1", "G1" Datafolha, Johns-Hopkins-Universität, NTV, SRF, DPA, AFP


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