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Brexit: Totgesagt und immer noch am Leben: der erstaunliche Überlebenskampf der Theresa May

Die britische Premierministerin Theresa May kann jeden Tag nachlesen, dass sie politisch erledigt ist. Für eine Scheintote schlägt sie sich aber erstaunlich wacker. Noch jedenfalls.

Theresa May

Ist noch jemand da? Die britische Premierministerin Theresa May kann jeden Tag nachlesen, dass sie politisch erledigt ist

Getty Images

Die Lektüre englischer Zeitungen, speziell am Wochenende, ist ein zuweilen zweifelhaftes Vergnügen. Abgesehen vom Sportteil vielleicht. Seit Monaten wird vor allem in den Sonntagszeitungen gepoltert und spekuliert und unverblümt gehetzt.

Am vergangenen Sonntag erreichte das einen vorläufigen Tiefpunkt. Dem geneigten Leser wurde mitgeteilt, dass Premierministerin Theresa May diese Woche vermutlich nicht überleben werde, glücklicherweise nur politisch. Nicht wahr, May betrete nun die "Killing zone", die Todeszone, hieß es in der "Sunday Times". Ein Kritiker aus der eigenen Partei ließ verlauten, dass "das Messer bereits erhitzt würde", mit dem sie erdolcht werde. Er schloss bündig: "Sie ist bald tot." Obendrein wurde ihr geraten, zu einem Treffen mit einem mächtigen Komitee von Hinterbänklern die eigene Schlinge mitzubringen. Sie erwarte dort nichts anderes als ein Schauprozess.

Selbst Labour hat Mitleid mit Theresa May

So ging das in einem fort, und selbst die Labour-Opposition hatte Mitleid und geißelte die widerwärtige Sprache der - natürlich - anonymen Feiglinge.

Die gute Nachricht ist: May lebt noch, sie überstand ihren Auftritt vor den Hinterbänklern, und einer sprach danach, es sei dort eher zugegangenen "wie im Streichelzoo".

Die schlechte Nachricht ist: Die Messer der Beckmesser bleiben gewetzt.

Es geht erstens um Brexit, zweitens um Brexit und drittens um Brexit. Es ist nämlich so auf der Insel: Die politische Arbeit liegt weitgehend brach, weil der EU-Austritt alles absorbiert, obschon es jenseits davon genügend zu tun gäbe – Reformstau überall, das Gesundheitssystem bettlägerig, die Wirtschaft schwindsüchtelt im europäischen Vergleich und wächst pro Quartal lediglich noch um magere 0,3 Prozent. Sein Land sei gleichermaßen polarisiert wie paralysiert, sagt der Labour-Abgeordnete Stephen Kinnock.

Briten verlieren Zutrauen in die politische Klasse

Das Alarmierendste aber ist, dass die Briten das Zutrauen in die politische Klasse verlieren – und offenbar auch langsam Geduld und Interesse. Der auf Nachrichten fokussierte Radiosender BBC 4 büßte binnen eines Jahres fast 800.000 Hörer ein. Man könnte es auch so sagen: Die Briten haben die Schnauze voll. Und man kann es ihnen nicht mal verübeln.

May kämpft gleich an mehreren Fronten – in Brüssel mit der EU um einen Deal, vor allem aber daheim und dort insbesondere mit ein paar Dutzend Renegaten aus der eigenen Partei, die kein Interesse an einem Deal haben, einen krachenden Abgang aus der EU in Kauf nehmen würden und offenbar ein Misstrauensvotum gegen sie planen. Dazu müssten sich 15 Prozent der konservativen Abgeordneten schriftlich bekennen, was übersetzt auf 48 Briefe hinausläuft. Seit Monaten geistern diese Zahlen durch den Äther, passiert ist nichts. Noch nicht. Und falls es wirklich passierte, würde das nicht zwangsläufig bedeuten, dass May verlieren würde.

Erschwerend kommt hinzu, dass ihre Regierung seit den kolossal verpatzten Neuwahlen im vergangenen Jahr auf Gedeih und Verderb vom Wohlwollen der nordirischen Democratic Unionist Party (DUP) abhängig ist, einem knallkonservativen Trupp von zehn Parlamentariern, die – man kann es nicht anders sagen – eine Malefiz-Politik betreiben und etwa bei der Lösung der irischen Grenzfrage alles andere als hilfreich sind. Die Nordiren, das wird leicht vergessen, stimmten beim Referendum im Übrigen für den EU-Verbleib. Ihre Repräsentanten in Westminster indes ignorieren das geflissentlich.

Das ist die Gemengelage ein knappes halbes Jahr vor dem Brexit. Unübersichtlich wäre geprahlt. Am vergangenen Samstag etwa gingen in London 700.000 Menschen auf die Straße und demonstrierten gegen den EU-Abschied. Organisiert und choreographiert von der überparteilichen Graswurzel-Bewegung "People's Vote", die ein zweites Referendum fordert. Es entbehrt allerdings nicht einer gewissen Ironie, dass die meisten der "People's Vote"-Anhänger das erste Referendum für veritablen Blödsinn hielten, nunmehr aber ein zweites wollen, um das erste rückgängig zu machen.

Klingt kompliziert? Tja, ist es auch. Schließlich ist nicht mal gesagt, dass eine Wiederholung anders ausfallen würde als das Original, das Land nach wie vor gespalten. Und kaum wäre ein solches Votum über die Bühne, würde pronto der Wahlkampf über ein drittes einsetzen, der Beginn einer unendlichen Geschichte, eines Neverendums.

Wer kann das wollen?

Der Brexit kommt!

Auf dem Kontinent, auch in Deutschland, wird solcher Protest wie der in London gern umgedeutet in einen großen Stimmungswandel. Ist aber nicht so. Der Brexit, das sei hier allen Romantikern noch mal versichert, der Brexit kommt. Ob hart oder weich, ob Freihandelsvertrag nach kanadischem Muster, den die Brextremisten favorisieren? Kein Deal gar?

Alles möglich. Ein Exit vom Brexit aber eher nicht.

Die nächsten Wochen werden nun turbulent und aufreibend. In Brüssel und in London. May sagte im Unterhaus, 95 Prozent der Abmachungen mit der EU seien in trockenen Tüchern. Mag sogar sein. Die restlichen fünf Prozent aber haben es in sich. Die knifflige irische Grenzfrage bleibt vorerst ungelöst. Das kleine Nordirland rückt zusehends in den Mittelpunkt. Man hört immer wieder diesen einen Satz: "Niemand hat die Absicht, eine harte Grenze zu errichten." Für deutsche Ohren klingt er reichlich vertraut. Und man weiß, wie die Chose damals ausging.