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Bürgerkrieg in Syrien Vom Glück des Kämpfens


Scharenweise flüchten Syrer in die Nachbarländer. Einige von ihnen ruhen sich dort nur für ihren Kampf gegen die Assad-Schergen aus. Ein Besuch bei Rebellen im türkisch-syrischen Grenzgebiet.
Von Raphael Geiger, Antakya

Endlich nicht mehr flüstern müssen, wenn man über Assad spricht. Endlich schreien, sich aufregen. In der Türkei hört kein Spitzel Telefonate ab, niemand klopft an der Tür. Für Meschid bedeutet das: Freiheit. Er darf alles sagen. Er muss keine Angst mehr haben.

Meschid sitzt am Boden seiner Wohnung in Antakya, südliche Türkei, eine Dreiviertelstunde entfernt von der syrischen Grenze. Auf seinen Beinen ein Laptop, er klickt sich durch sein Fotoalbum. Bilder der Revolution. "Das ist ein Assad-Panzer", sagt Meschid. "Die Besatzung haben wir umgebracht. Alle." Meschid, 24, ist Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA). In die Türkei kam er, nachdem ein Kampfhubschrauber das Haus seiner Familie zerbombt hatte. Es gibt Videos vom Hubschrauber, der klein wie eine Mücke am Himmel fliegt. Ein paar Momente später liegt das Haus in Trümmern und in der Schläfe von Meschids Vater steckt ein Schrapnellsplitter.

Syrer flüchten in Massen über die Grenzen

Meschid ist einer von mindestens 120.000 Syrern, die seit Beginn der Aufstände gegen Diktator Baschar al Assad in die Nachbarländer geflüchtet sind. In den Irak, in den Libanon, nach Jordanien, oder, wie der 24-Jährige, in die Türkei. Meschid und seine Familie wohnten in Latakia am Mittelmeer, nur gut 50 Kilometer von der Grenze entfernt. Nach dem Angriff ließen sie alles zurück, setzten sich ins Auto und wollten bloß weg, so schnell es geht. Er, sein Bruder und die Eltern schafften es irgendwie durch die Berge. Doch die nächste Klinik in der Türkei konnte dem verletzten Vater nicht helfen. Sieben Stunden warteten sie dort, dann sagte ihnen ein Arzt, sie sollten in zwei Wochen wiederkommen.

Später fanden sie eine Privatklinik, die den Vater operierte, 3000 Dollar kostete das, Meschid verkaufte dafür sein Auto. Eine französische Hilfsorganisation vermittelte der Familie die Wohnung in Antakya. Immerhin, auch wenn sie nichts haben außer ein paar Schaumstoffmatten, sie mussten nicht in ein Flüchtlingslager. Die Camps, die die Syrier aufnehmen, sind hoffnungslos überfordert. Es fehlt an Unterkünften, an Wasser, an Medikamenten, an Nahrungsmitteln. Aber: Die Flüchtlinge leben. Sie sind in Sicherheit, während die Zurückgebliebenen den immer heftigeren Kämpfen in der Heimat ausgesetzt sind.

Wer überleben will, muss kämpfen

Früher leitete Meschid ein kleines Kaufhaus. Jetzt ist er Krieger. Einer in Basketball-Hose und T-Shirt. Er zeigt Bilder von sich in Uniform. Stolz sieht er aus, er spricht vom Kämpfen, Töten, Siegen. Alles für die Freiheit. Was passiert, wenn die Freiheit in Syrien angekommen ist? Meschid sagt: "Egal. Wichtig ist erst einmal, dass Assad weg kommt."

Nicht weit entfernt, im letzten türkischen Ort vor der Grenze zu Syrien, erholt sich Mahmud, er trägt seinen rechten Arm in einer Binde, ein Maschinengewehr hat ihn getroffen. Früher hat der 28-Jährige in einer Fabrik gearbeitet. Türklinken vom Fließband. Dann begann in Nordafrika der arabische Frühling und kurz darauf die Revolution in Syrien. Aus der Revolution wurde ein Bürgerkrieg. Mahmud mochte den Präsidenten noch nie. Jetzt hasste er ihn. Er schloss sich der FSA an.

Es war eines Nachts im Juli, sie fuhren in ihrem Kia durch Aleppo, vier Mann, und näherten sich einem Checkpoint. Als sie ins Scheinwerferlicht der Soldaten gerieten, drehten sie um. Aber es war zu spät, sie wurden mit Salven aus Maschinengewehren beschossen. Drei der Kämpfer rannten weg so schnell wie möglich, zwei von ihnen sind tot, der Dritte ist verschwunden. Mahmud nahm seine Waffe und feuerte auf zwei Soldaten, dann rannte auch er, und wurde von MG-Kugeln am rechten Arm verletzt.

"Wenn du merkst, dass du getroffen bist, das ist wie in einem Traum", sagt er. "Als würdest du in der Luft laufen. Du läufst, und weißt gar nicht, wie du laufen sollst, aber gleichzeitig hast du so viel Kraft."

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Regimegegner wollen Freiheit nach Syrien bringen. Sie meinen es nicht kitschig, sie meinen es ernst. Und sie haben keine Angst.

In der Privat-Reha des frommen Mannes

Mahmud hat Unterschlupf im Haus eines "frommen Mannes" gefunden. Der nimmt Syrer auf, die aus dem Krankenhaus kommen und noch nicht zurückkehren können. 20 bis 30 Männer liegen in einem der Räume, in die vielleicht drei Krankenbetten passen würden. Einige der Männer haben durchschossene Knie, andere Schrapnells in der Brust. Einer sitzt im Rollstuhl: Während eines Massakers in der Nähe von Homs haben ihn Soldaten mit einem Messer attackiert. Sie stachen ins Rückenmark und durchtrennten wichtige Nerven.

Auf ihren Handys finden sich Videos der Gräueltaten: Assad-Soldaten, die einen Gefangenen blutig schlagen. Soldaten, die einen Toten treten, der am Boden liegt. Ein Film ist von unwirklicher Brutalität: Zwei Männer der berüchtigten Shabiha-Miliz nehmen eine Kettensäge und halten sie einem Gefangenen an den Hals. Blut spritzt. Dann drücken sie die Säge durch den Hals. Der Kopf fällt ab.

Freiheitskämpfer bis in den Tod

Die Regimegegner hier in der Türkei wollen Freiheit nach Syrien bringen. Sie meinen es nicht kitschig, sie meinen es ernst. Die Kämpfer erinnern sich an den Bombenanschlag im Herzen von Damaskus, bei dem Mitte Juli der Verteidigungsminister und andere Mitglieder der Führungsriege gestorben sind. Die Bewegung gegen das Regime sei so stark geworden, dass sich Soldaten fürchteten. Sie fühlen sich dem Widerstand nicht mehr gewachsen. Und selbst Assad-Anhänger desertieren inzwischen, weil sie nicht auf der falschen Seite stehen wollen, wenn der Krieg vorbei ist.

"Es ist nur wenige Tage her, da haben sich zehn Soldaten bei uns gemeldet", sagt ein Rebellenkommandant, der sich am Telefon Mister Alchick nennt. "Sie wollten desertieren und baten um Hilfe." Alchicks Kämpfer, rund 30 Männer, machten sich durch die Berge auf den Weg zum Grenzübergang Bab al Hawa. Die Aktion war schnell vorüber, die Deserteure am Ziel. Aber nun? Sich wieder zurückziehen? Den Grenzposten der Armee überlassen? Alchick entschied, dass sie Bab al Hawa erobern würden, obwohl das eigentlich nicht geplant war. "Der Überraschungseffekt war unser großer Vorteil", sagt er. Nur eine Stunde habe der Kampf gedauert, dann waren 30 Soldaten der Armee tot und Bal al Hawa in Rebellenhand.

Glücksgefühl des Krieges

Vom Glück des Kampfs, davon sprechen sie alle: Meschid, Mahmud, Mister Alchick. "Allah ist bei uns", sagt der Kommandant. Mahmud, dass er schnell zurück nach Syrien wolle, "sobald ich wieder eine Waffe tragen kann." Genauso Meschid, er wird nur noch ein paar Tage bei seiner Familie bleiben. Dann geht es zurück zu seiner Einheit. Sie sind sind jetzt Krieger. Sie schießen, als hätten sie nie etwas anderes getan. Sie lächeln während sie über den Krieg reden. Ob es nicht ein seltsames Gefühl ist, wenn man auf Menschen zielt? Meschid sagt: "Nein, es ist ein großartiges Gefühl. Wir sind wie Mel Gibson in 'Braveheart'." Und Mahmud, der schon einmal getroffen wurde, fürchtet er sich nicht? "Nein, ich habe keine Angst vor dem Tod."


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