Bush und 9/11 Nur Nixon war unbeliebter


Der 11. September ist auch ein Tag des Rückblicks für George W. Bush. Noch nie war ein US-Präsident in seiner letzten Amtszeit derart unbeliebt. Der Zorn der Wähler entzündet sich keineswegs nur am Anti-Terror-Kampf.
Von Katja Gloger

Natürlich ist auch das Trauern für ihn minutengenau durchgeplant an diesem Tag. Kein Zögern, kein Innehalten. Morgens um 7.40 Uhr Frühstück mit New Yorker Feuerwehrleuten, eine erste Schweigeminute um exakt 8.46 Uhr, die zweite um 9.03 Uhr; es folgen Kranzniederlegungen in Shanksville, Pennsylvania und Washington und dann, um punkt 21.01 Uhr und 30 Sekunden Ortszeit wird sich der Präsident mit einer Rede an die Nation wenden. Es steht zu vermuten, dass es dabei wieder einmal um Krieg gehen wird. Denn diese Nation, wird der Präsident mahnen, sie steht im Krieg. Und ihr Oberkommandierender heißt George W. Bush.

Würde der Präsident an diesem traurigen 11. September 2006 eine ehrliche Bilanz seiner Außenpolitik ziehen, jeder weiß, er müsste sein Scheitern eingestehen. Immer noch fahndet man nach Osama bin Laden, im Irak eskaliert der Bürgerkrieg und nebenan, im Iran, schwelt der Konflikt um das vermutete geheime Atomwaffenprogramm. Eigentlich sieht es nicht gut aus für George W. Bush. In den vergangenen Wochen wurde immer wieder ein Foto des Präsidenten gezeigt. Es ist ein Jahr alt, es zeigt den Präsidenten kurz nach dem verheerenden Hurrikan Katrina. Er fliegt in seiner Air Force One, er schaut aus dem Fenster. Bleibt hoch über allem, suggeriert das Foto, desinteressiert, am Ende.

Als sich die Politberater, Redenschreiber und PR-Experten vor drei Monaten im Weißen Haus trafen, um eine politische Strategie für den Herbst festzulegen, wurde rasch klar: Mit einem großen Thema, seinem EINZIGEN großen Thema, würde der Präsident die Initiative an sich reißen. Sein Krieg gegen den Terror. Die Mission der Freiheit. Ein Kampf auf Leben und Tod. Wer den nicht führen will, im Irak und anderswo, der wird schuld sein, wenn der Feind Amerika angreift.

Wer Kritik übt, wird als Landesverräter abgestempelt

Und wer Kritik übt? Wer auf das Desaster im Irak aufmerksam macht, wie etwa die Demokraten? Der will Amerikas Niederlage. Der verrät die Ideale dieses Landes. Der republikanische Parteichef Ken Mehlmann predigt: "Es geht um die Herausforderungen unserer Generation. Darum, ob man die Politiker wählt, die anerkennen, dass wir im Krieg stehen. Und dass wir alles tun müssen, um diesen Krieg zu gewinnen."

"Defeatocrats" - "Niederlagen-Partei"- höhnen die Republikaner über die Democrats. Das riecht nach Verantwortungslosigkeit. Und vielleicht soll es ein bisschen auch nach Vaterlandsverrat riechen.

Seit gut zwei Wochen vollzieht der Präsident den rhetorischen Quantensprung, unterstützt von Vizepräsident Richard Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Außenministerin Condoleezza Rice. Sie bemühen die Geschichte, vergleichen Osama bin Laden mit Hitler und Lenin, sprechen von den "Islamo-Faschisten", vom drohenden Weltenkrieg des Terrors. Im Kriegsgetrommel geht auch unter, dass man jetzt gar nicht mehr den Sieg im Irak propagiert. Jetzt geht es nur noch um die Kosten des Scheiterns: Eine Niederlage im Irak, sagt Bush, "führt die Schlacht um die Freiheit in die Strassen unserer eigenen Städte".

Politik mit Angst und Schrecken

Vor allem Bushs politischer Mastermind Karl Rove, der einstige Marketing-Experte und Architekt seiner Wahlsiege, setzt jetzt auf diese besondere Form der Polit-Propaganda, die gemeinhin als "Negativ-Werbung" bezeichnet wird. Denn kurzfristig gilt es, die drohende Wahlniederlage bei den wichtigen midterms, den im November anstehenden Senats- und Kongresswahlen zu verhindern.

Seit Monaten zeigen die Umfragen nur Grässliches: die Wähler sind wütend über steigende Benzinpreise, verunsichert über die Schreckensmeldungen aus dem Irak. Keines der Probleme gelöst - weder die Frage der illegalen Einwanderer, noch die der Reform des Rentensystems. Noch nie hatte ein US-Präsident in der zweiten Hälfte seiner zweiten Amtszeit so schlechte Umfragewerte. Noch wie war ein US-Präsident so unglaubwürdig, so unbeliebt. Mit einer Ausnahme: Richard Nixon, der Watergate-Präsident.

Selbst republikanische Stammwähler wenden sich ab. Zum ersten Mal seit elf Jahren droht die satte republikanische Mehrheit im Kongress verloren zu gehen. Ganze 15 zusätzliche Sitze brauchen die Demokraten im Abgeordneten-Haus, sechs im Senat. Doch ein Sieg der Demokraten ist keineswegs ausgemacht. Noch 60 Tage dauert es bis zu den Wahlen, eine kleine Ewigkeit, in der sich alles ändern kann. Mindestens 45 Millionen Dollar werden die Republikaner für Wahlwerbung ausgeben, vielleicht auch 60; ganze zehn Millionen haben die Demokraten. Die Taktik ist klar: Schlammschlacht. Der politische Gegner soll verleumdet werden, persönlich diskreditiert. Die Republikaner haben über jeden demokratischen Kandidaten ausführliche Dossiers mit privaten Details anlegen lassen. Unbedachte Äußerungen, Jugendsünden, Geld-Geschichten. "Oppositions-Recherche" heißt das Denunzieren vornehm. "Es wird einer der negativsten Wahlkämpfe überhaupt", meint der US-Politikwissenschaftler John Geer. Es gilt um jeden Preis zu vermeiden, dass diese Wahl eine Abstimmung über den Präsidenten und sein Irak-Fiasko wird.

Bush arbeitet an seinem Vermächtnis

Doch Bush weiß auch, dass es schon jetzt um sein politisches Vermächtnis geht. Deswegen versucht er auch, die grässliche Debatte um Guantanamo und CIA-Geheimgefängnisse zu beenden - auch auf Anraten seiner Vertrauten Condoleezza Rice, wie es heißt. Doch je schlechter die Popularitätswerte, desto eiserner sein Durchhaltewillen. Fest glaubt er an seinen finalen Triumph. Auch wenn er vielleicht erst von der Geschichte verstanden wird. So wie einst auch Winston Churchill, als der vor Hitler warnte. Eine Marmorbüste des Briten ließ Bush in seinem Büro aufstellen.

Längst denkt er an die Zeit danach. Und George W. Bush möchte mehr hinterlassen als die übliche Präsidenten-Bibliothek mit Namensschild, voll gestopft mit Amtspapieren. Er möchte vielmehr eine 200 Millionen Dollar teure Denk-Fabrik der Freiheit gründen, die seinen Namen trägt. "Ich möchte einen Ort schaffen, an dem die Menschen über Freiheit und Unabhängigkeit diskutieren können", sagt er.

An Wochenenden strampelt er sich gerne auf seinem Mountainbike ins Schwitzen. Fährt vornweg, bittet seine Leibwächter, hinter ihm zu bleiben. Quält sich Berge hinauf, hört Musik aus dem I-Pod. "Dann ist es, als wäre ich allein", sagte er einmal. "Und vor mir liegt nur noch der leere Raum." Sein Land muss ihm folgen. Wohl noch zwei Jahre lang.


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