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Bushs Amtseinführung: Der freiheitbringende Kriegspräsident

Machtbewusst beginnt George W. Bush seine zweite Amtszeit. Er lässt keinen Zweifel an seiner Mission: Er will Amerika umkrempeln und der Welt die Freiheit bringen. Mit einer Charmeoffensive will Bush auch die Europäer zurückgewinnen.

Von Katja Gloger, Washington

Es ist zugig und kalt in Washingtons gigantischer Veranstaltungs-Arena MCI. Hier finden normalerweise Basketball-Spiele und Konzerte statt. Doch jetzt marschiert gerade die Armee ein. 6300 Soldaten aller Waffengattungen sind zum Festakt abkommandiert, pünktlich von 14 bis 16 Uhr. Es sind vor allem sehr junge Männer und Frauen, die niedrigen Dienstgrade, alle in Ausgeh-Uniform, die Lackschuhe blitzeblank geputzt, die Gesichter so jung und so ernst. Militärkapellen spielen, die Nationalhymne erklingt, Fahnen wehen, Armee-Sterne funkeln, abgedunkelt liegt die gigantische Halle. Jubelnder Applaus, als Präsident George W. Bush und seine Frau Laura zu ihren Plätzen geleitet werden. Vor ihnen sind weitere hochkarätige Gäste eingetroffen: Vizepräsident Richard Cheney mit Frau sowie das Ehepaar George und Barbara Bush, die Eltern des Präsidenten. Auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sitzt Fernsehkamera-gerecht inmitten seiner Truppen postiert.

"Ein Ehrengruß für die Dienenden" lautet das Motto der Feier und in den kommenden zwei Stunden ist viel von Ehre, Freiheit und Heldentum die Rede. Und doch liegt Trauer über dem Fest, fast duster die Stimmung, und auch das ist gewollt. Denn vor allem ist an diesem Nachmittag von Opfern die Rede und vom Tod für das Vaterland. Briefe werden vorgelesen. Briefe aus 200 Jahren amerikanischer Kriegsgeschichte, Briefe von der Front an die Mütter und Väter und Ehefrauen und Freunde. Und fast immer geht es um den Tod und das Opfer.

Zwei Kinder kommen auf die Bühne, fein herausgeputzt, sie sind nicht älter als zehn Jahre. Sie stehen auf der Bühne, traurig sind ihre kleinen Gesichter. Sie nennen ihren Namen und sie sagen, dass ihre Papas gestorben sind im April 2003, der eine im Irak und der andere in Bahrain. Später hält Präsident Bush eine kurze Dankesrede. "In den kommenden Monaten und Jahren wird noch viel mehr von Euch verlangt werden", sagt er und er klingt, als sei er fest entschlossen.

Natürlich ist es kein Zufall, dass die dreitägigen Feierlichkeiten zur zweiten Amtseinführung des 43. Präsidenten der USA George W. Bush vorgestern mit einer Veranstaltung für das Militär begannen. Die PR-Experten aus dem Weißen Haus hatten verbreitet, diese Veranstaltung werde zu den wichtigsten der diesjährigen Inauguration gehören. Das Land führt Krieg, da ist wenig Platz für oberflächliches Hollywood-Geglitzer wie noch zu Bill Clintons Zeiten. Doch es geht dabei nicht allein um patriotische Pflichtübungen. Denn es ist auch kein Zufall, dass in diesen Tagen öfter von den drei Gips-Büsten großer Männer die Rede ist, mit denen Bush sein Oval Office schmückt: Lincoln, Churchill und Eisenhower - drei machtbewusste Kriegspräsidenten, in deren Tradition sich George Bush sieht. Historische Vergleiche sind erwünscht: da setzt einer die Agenda, mit der er Geschichte schreiben will. Ehrgeiziger könnten die Ziele kaum sein: Er will die Welt neu ordnen. Dem uramerikanischen Auftrag verpflichtet, wie er meint, will er die Freiheit in der Welt verbreiten. Und sein eigenes Land tiefgreifend verändern will er auch noch. Tenor der moralischen Mission Bush: Frieden kommt mit der Verbreitung der Freiheit. "Ihr verteidigt die Verheißung der Freiheit", sprach er zu seinen Truppen. "In den vergangenen vier Jahren konnten sich bereits mehr als 50 Millionen Menschen in die Reihen der Freien einreihen." Er meinte die Menschen in Afghanistan und im Irak.

Voller Selbstvertrauen tritt er auf, sich seiner Verantwortung ganz sicher, gar nicht mehr der radebrechende Sohn eines Ex-Präsidenten, der es nur dank juristischer Tricks ins Weiße Haus schaffte. Seit seinem klaren Wahlsieg am 2. November 2004 verschwendet Bush auch keine Zeit mehr mit Zweifeln oder Kritik, etwa am Vorgehen im Irak. "Es gab diesen Moment, als ich Rechenschaft ablegen musste", sagt er, "es waren die Wahlen. Über die Ereignisse im Irak hat das amerikanische Volk unterschiedliche Einschätzungen gehört. Es hat die beiden Kandidaten geprüft. Und es hat mich gewählt."

Der Mann hat das Kommando, lautet die Botschaft. Er sei bestens informiert, lese alle Vorlagen, erzählen in diesen Tagen seine engsten Berater, stelle stets die richtigen Fragen. "Er ist uns immer drei Schritte voraus", säuselt selbst Chefstratege Karl Rove. Knapp, präzise und, wenn es sein muss, eisenhart. Auch die öffentlich so gelobte Arbeit von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld werde von ihm "fortlaufend überprüft", heißt es mit drohendem Unterton. Als ihn ein enger Freund nach der Wiederwahl fragte, wie viele Mitglieder seines Kabinetts er entlassen werde, da antwortete Bush nur knapp: "Eigentlich alle."

Dieser neue George W. Bush

nimmt seinen Beruf verdammt ernst. Ehrgeizig, rastlos, voller Tatendrang. Es gilt als Sensation, wenn er - wie neulich für ein Foto der Modezeitschrift Vogue - in seinem Büro mal das Jackett ablegt. Das tut er sonst nie, heißt es, aus Respekt vor dem Amt. Dinner im Weißen Haus? Feiern? Saxophon? Nein, danke. In seiner ersten Amtszeit gab es ganze drei Staatsdinner.

Unter Clinton hingegen wurden große Zelte im Garten aufgebaut, um Hunderte Gäste zu bewirten. Für Bush ist das undenkbar. Um 4.30 Uhr morgens steht er auf, um 22.30 Uhr spätestens geht der Präsident zu Bett.

Er hat seine engsten Vertrauten zu Ministern gemacht, es ist die "Konzentration aller Macht", graust es die New York Times. Und er ist sich seiner Sache und seines Amtes so sicher, dass er sich sogar moderate Töne leisten kann. In den letzten Tagen gab er gleich mehrere Interviews, übte sogar Selbstkritik: manchmal sei er in seiner Sprache wohl zu "unverblümt" gewesen - etwa, als er gefordert habe, Osama bin Laden zu fangen, "tot oder lebendig." Seine neue Außenministerin Condoleezza Rice solle der Welt "unsere Motive und unsere Absichten erläutern", so Bush, "denn ganz sicher müssen wir besser erklären, was Amerika wirklich ausmacht."

Selbst die verärgerten Verbündeten in Europa scheint dieser neue Präsident zurückgewinnen zu wollen. Allein im ersten Halbjahr 2005 wird Bush dreimal nach Europa reisen - bereits im Februar zur Nato nach Brüssel, zu Putin nach Bratislava und zu Schröder nach Deutschland. Da könne man ja beinahe ein "Europajahr" ausrufen, freut sich ein hochrangiger EU-Diplomat.

Bei der Vorbereitung des insgesamt sechsstündigen Deutschland-Besuches gebe man sich große Mühe, raunen deutsche Spitzen-Diplomaten zuversichtlich. Bush wolle sein Treffen mit dem Kanzler unbedingt zu einem Erfolg machen. Eventuell könne es dabei sogar zu einem gemeinsamen Besuch bei deutschen und amerikanischen Soldaten kommen, die in Afghanistan im Einsatz waren - ein Wunsch der Deutschen. Bush wiederum will sich bei einem "Townhall-Meeting" sogar möglichen kritischen Fragen eines Publikums stellen.

Selbst im Streit

um die Beendigung des vermuteten Nuklearprogramms des Iran hört man positive Signale: sei doch immer öfter von einer "Änderung im Verhalten des iranischen Regimes" die Rede und immer weniger von einer "Änderung des Regimes". Und Bush unterstütze diplomatische Initiativen - offenbar auch die Verhandlungen der drei europäischen Staaten mit dem widerspenstigen Iran.

Das Ende der Eiszeit? Ein Präsident auf Schmusekurs? Zurück zur Realpolitik? "Die Zeit für Diplomatie ist jetzt", sagt die neue Außenministerin und Bush-Vertraute Condoleezza Rice. Zumindest der Ton wird verbindlicher, Gemeinsamkeiten werden bewusst gesucht - und gemeinsame Verantwortung gefordert.

Denn dieser Präsident will als Befreier Geschichte schreiben, nicht als Krieger. Seine Antrittsrede auf den Stufen des Kapitols werde "eine Freiheitsrede" meint Bush-Sprecher McClellan. Frieden werde durch die Verbreitung der Freiheit in der Welt gesichert. Die Antrittsrede an die Nation soll rund 17 Minuten dauern. Keinesfalls soll es Bush ergehen wie 1841 seinem Vorgänger William Henry Harrison: der redete zwei Stunden in eisiger Kälte, holte sich eine Lungenentzündung und starb.

In diesem Jahr wird drei Tage lang gefeiert - mit Parade und Bällen, mit Hunderten Empfängen, Konzerten und einem Feuerwerk fürs Volk. Auch wenn das Volk nach einem hässlichen Zwischenfall im Jahre 1829 nicht mehr ins Weiße Haus darf: damals hatte Präsident Andrew Jackson die Tore geöffnet. Die Besucher zerschmissen das kostbare Porzellan, verdreckten die Teppiche und schmierten Apfelsinen-Punch auf die kostbaren Sofas.

In diesem Jahr gleicht Washington einer Festung: noch nie waren die Sicherheitsmassnahmen so groß. Bis zu 6000 Polizisten werden allein die traditionelle Parade entlang der Pennsylvania-Avenue bewachen. Tausende Sicherheitskräfte haben Straßen gesperrt und Schreibtische in Büros entlang der traditionellen Strecke kontrolliert, die der Präsident vom Kongressgebäude zum Weißen Haus fährt. In den U-Bahnen sind Chemie-Detektoren angebracht. Wer auch nur einen Blick erhaschen will, muss durch einen von 22 Kontrollpunkten, weder Schirme noch Kühltaschen sind erlaubt. Erwünschter Nebeneffekt: so kann man verhindern, dass Demonstranten die Parade stören. "Es ist die Illusion einer öffentlichen Veranstaltung", klagt die Zeitung Washington Post.

Allein am Abend der Amtseinführung finden zehn Bälle statt, Massenveranstaltungen für republikanische Spender und die zahllosen freiwilligen Wahlhelfer aus dem ganzen Land. Mächtige Roben, Pelz, dicke Klunker und hochgetürmtes Haar sind zu erwarten, Getränke gibt's im Papp-Becher, Tanz obligatorisch. Das Präsidenten-Ehepaar besucht alle Bälle, ein paar Grußworte, ein Tanz, so will es die Tradition. Für bescheidenen Glamour sorgt First Lady Laura Bush in einer für ihre Verhältnisse gewagten blausilbrigen Kreation von Oscar de la Renta, für jugendlichen Sex-Appeal die beiden Töchter Jenna und Barbara mit rückenfreien Roben. Für Partymuffel und Frühschläfer Bush eine Herausforderung: er will bis 23. 25 Uhr wach bleiben.

Rund 40 Millionen Dollar

kosten die Festlichkeiten, organisiert und bezahlt von "präsidialen Inaugurations-Komitee" PIC, dem Großspender der Republikaner vorstehen. Sie treiben Spenden ein: wer 250.000 Dollar zahlt, wie etwa die von der Ölfirma Exxon-Mobil oder von der Hotelgruppe Marriott, der darf mit dem Präsidenten in kleinem Kreis (600 Eingeladene) speisen und erhält 80 Tickets für die begehrten Bälle; wer 100.000 Dollar spendet, wie etwa die von Microsoft oder vom Institut für Nuklearindustrie, der darf immerhin zu noch einem Empfang mit dem Präsidenten und kriegt drei Dutzend Tickets.

Eine halbe Stunde soll das Ehepaar Bush am Donnerstag Abend auch dem "Ball des Oberkommandierenden" beiwohnen, den sich Bush ausdrücklich gewünscht haben soll. 1000 geladene Gäste der US-Armee, viele Heimkehrer aus Afghanistan und dem Irak darunter. Eine halbe Stunde wird ihnen der Präsident widmen, den Verletzten und den Kriegsversehrten, den Überlebenden der ersten Amtszeit des George W. Bush.