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Corona-Welle "Wir wollen Freiheit": Chinesen protestieren weiter gegen Corona-Regeln – zahlreiche Festnahmen

China: Größte Proteste seit Jahrzehnten
Sehen Sie im Video: Größte Proteste seit Jahrzehnten: Chinas Bürger demonstrieren gegen die Corona-Maßnahmen.




STORY: In China ist es am Sonntag in mehreren Städten erneut zu Protesten gegen die Corona-Politik der Regierung gekommen. In Schanghai hatten sich Hunderte Demonstranten versammelt. Die Polizei nahm zahlreiche Personen fest. Darunter auch ein Reporter der BBC. Er wurde erst nach Stunden wieder freigelassen. Auch in der Hauptstadt Peking gingen Menschen gegen die strengen Corona-Maßnahmen auf die Straße. Auslöser für die Proteste war ein Feuer in einem Hochhaus in Urumqi, der Hauptstadt der Provinz Xinjiang. Es war am Donnerstagabend ausgebrochen, zehn Menschen kamen dabei ums Leben. In sozialen Netzwerken verbreitete sich die Ansicht, dass das Gebäude wegen der Corona-Beschränkungen teilweise verschlossen war und es viele Bewohner deshalb nicht rechtzeitig heraus schafften. Vertreter der Stadt erklärten, dass die Maßnahmen Entkommen und Rettung nicht behindert hätten. China verzeichnet nach Angaben der Nationalen Gesundheitskommission mit mehr als 40.000 neuen Fällen pro Tag die höchste Zahl an Neuinfektionen seit dem Ausbruch der Pandemie. Die Zahl der Corona-Toten in China beträgt nach offiziellen Angaben 5233 Menschen.
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Solche Demonstrationen hat China seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt: Im Milliardenvolk wächst die Wut über die Ausweitung der strikten Maßnahmen gegen die schwerste Corona-Welle seit Pandemie-Beginn. Es wird "eine sehr harte Reaktion des Regimes" befürchtet.

Bei der größten Demonstrationswelle seit Jahrzehnten in China haben die Sicherheitskräfte zahlreiche Menschen festgenommen. Die Proteste vom Wochenende dauerten in vielen Städten bis in die Nacht zum Montag an. Der Unmut im Volk richtet sich gegen die rigorosen Maßnahmen der chinesischen Null-Covid-Politik, darunter wiederholte Lockdowns, Massentests und Zwangsquarantäne. Noch in den frühen Nachtstunden ging ein Großaufgebot der Polizei in der Hauptstadt Peking gegen Hunderte protestierende Menschen nahe dem Diplomatenviertel vor.

BBC-Reporter nach eigenen Angaben misshandelt

Als Symbol des Widerstands und des Protests gegen die Zensur hielten viele Demonstranten unbeschriebene weiße Blätter hoch. Es wurden Parolen wie "Hebt den Lockdown auf" und "Wir wollen keine PCR-Tests, wir wollen Freiheit" gerufen. Protestmärsche gab es auch in anderen Millionenstädten wie Shanghai, Chengdu, Chongqing, Wuhan, Nanjing und Guangzhou. Auch an Hochschulen wie der Tsinghua-Universität in Peking regt sich Unmut. Wie viele Menschen festgenommen wurden, ist unklar. In China herrscht praktisch eine Nachrichtensperre.

In Shanghai wurde der BBC-Reporter Ed Lawrence festgenommen und nach eigenen Angaben von Polizisten misshandelt. "Die BBC ist extrem besorgt über die Behandlung unseres Journalisten Ed Lawrence, der festgenommen und in Handschellen gelegt wurde, während er über die Proteste in Shanghai berichtete", sagte ein Sprecher des britischen Senders. Lawrence sei bei der Festnahme von Polizisten geschlagen und getreten worden, obwohl er eine Akkreditierung als Journalist habe. Erst Stunden später sei er wieder freigelassen worden.

Es sind die größten Proteste in China seit der Demokratiebewegung 1989, die das Militär am 4. Juni jenes Jahres blutig niedergeschlagen hatte. Soziale Medien waren voll mit Videoaufnahmen, die von der Zensur aber schnell wieder gelöscht wurden. Auslöser der seltenen öffentlichen Unmutsbekundungen war ein Wohnungsbrand in der Metropole Ürümqi in Xinjiang in Nordwestchina am Donnerstagabend mit mindestens zehn Toten. Viele äußerten den Verdacht, dass die Rettungsarbeiten durch die strengen Corona-Maßnahmen behindert worden seien.

Wohl Hunderte Millionen Menschen in China von Lockdowns betroffen

Durch die extrem rigiden Maßnahmen der Behörden im Kampf gegen das Coronavirus nimmt der Unmut in der Bevölkerung seit Wochen immer mehr zu. Viele Millionenstädte sind weitgehend lahmgelegt. Die Menschen stören sich an ständigen Tests, Ausgangssperren, Zwangsquarantäne, lückenloser Überwachung durch Corona-Apps und Kontaktverfolgung, mit denen die Behörden versuchen, die sich leicht verbreitenden Omikron-Varianten des Virus in den Griff zu bekommen.

Schon bei einzelnen Infektionen oder Verdachtsfällen werden ganze Wohnblöcke und Wohnanlagen abgeriegelt. Verärgerte Bewohner rissen in Peking und anderswo errichtete Absperrungen nieder. In der Hauptstadt sind Geschäfte, Restaurants und Schulen geschlossen. Ein Fünftel der zweitgrößten Volkswirtschaft und damit Hunderte Millionen Menschen dürften landesweit von Lockdowns betroffen sein, schätzen Experten. Viele Unternehmen stoßen an ihre Grenzen. Beschäftigte und gerade Wanderarbeiter müssen häufig schmerzhafte Lohneinbußen hinnehmen.

Trotz des rigorosen Vorgehens gegen das Virus wird das Milliardenvolk gegenwärtig von der schlimmsten Corona-Welle seit Beginn der Pandemie vor knapp drei Jahren heimgesucht. Die Gesundheitskommission meldete am Montag mit rund 40-000 Neuinfektionen wieder einen Höchststand im Land. In Peking waren es knapp 3900 Fälle.

Der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Alexander Graf Lambsdorff sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Ich glaube schon lange, dass die Null-Covid-Politik der Kommunistischen Partei Chinas zum Scheitern verurteilt ist. Der Druck in der Bevölkerung steigt wie in einem Dampfkessel und bricht sich nun erstmals Bahn." Die Verbindung von Corona-Protesten mit Forderungen nach Freiheit und Demokratie im Hochschulwesen habe "eine neue Qualität".

In Politbüro und Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas könne das nur als Bedrohung des eigenen totalen Herrschaftsanspruchs gewertet werden, sagte Lambsdorff. "Man muss daher eine sehr harte Reaktion des Regimes befürchten. Die Proteste stehen noch ganz am Anfang. Es wäre naiv zu glauben, dass sie in diesem Stadium bereits zu fundamentalen Veränderungen führen könnten."

mad DPA

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