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CIA: Weitere geheime Aktion mit Ulm-Bezug

Ein Jahr vor der Entführung des Deutsch-Libanesen el Masri durch den US-Geheimdienst gab es nach stern.de-Recherchen eine weitere geheime CIA-Aktion mit Bezug zu der Donauregion: Während der Gefangenschaft eines Sudanesen in Jordanien wurde dessen mutmaßlicher Kontaktmann in Neu-Ulm observiert.

Von Rainer Nübel und Hans-Martin Tillack

Wenn sich islamistische Terrorverdächtige in Deutschland trafen, dann besonders gerne an der schönen blauen Donau: in den Städten Ulm und Neu-Ulm. Bin Ladens Finanzchef Mamdouh Mahmud Salim war hier, laut mehrerer Zeugenaussagen auch Mohammed Atta, einer der al-Kaida-Todespiloten bei den Flugzeugattentaten in den USA am 11. September 2001. Zudem soll Mullah Krekar schon an die Donau gereist sein, der geistliche Kopf der Terrorgruppe Ansar al Islam, die im Nordirak zahlreiche Anschläge auf Amerikaner verübt hat. Von hier zogen drei muslimische "Gotteskrieger" los, um in Tschetschenien zu kämpfen. Und der Terrorverdächtige Reda Seyam, der den Bali-Anschlag im Oktober 2002 mitfinanziert haben soll, lebte in der Region.

Kein Wunder, dass die Amerikaner dieses islamistische Zentrum seit Jahren im Visier haben. Und mehr als das. Im Raum Ulm, wo der US-Militärgeheimdienst DIA sitzt, lebt das CIA-Entführungsopfer Khaled el Masri, der Ende 2003 in Mazedonien festgehalten und vom US-Geheimdienst in ein afghanisches Geheimgefängnis verschleppt wurde. Die amerikanischen Kidnapper, die den Deutsch-Libanesen mehrfach verhörten, waren erstaunlich gut über ihn und sein Ulmer Umfeld informiert. Es ist nicht der einzige CIA-Skandalfall mit Donaubezug, wie stern.de-Recherchen jetzt zeigen: Der Raum Ulm, unweit des Stuttgarter US-Militärstützpunkts Eucom, wo Entführungen von Terrorverdächtigen offenbar vorbereitet wurden, steht in Verbindung mit einer weiteren geheimen CIA-Aktion. Sie ereignete sich ein Jahr vor el Masris Entführung.

Im Visier amerikanischer Terrorermittler

Am 12. Januar 2003 befindet sich der Sudanese Omer Behari auf dem Rückflug vom Sudan nach Wien. Der Computertechniker lebt seit 1989 in der österreichischen Hauptstadt. Amerikanische Terrorermittler haben ihn seit längerem im Visier. Sie halten ihn für ein al-Kaida-Mitglied mit prominenten Beziehungen. Nach Erkenntnissen von US-Nachrichtendiensten soll er unter anderem Kontakt zu Ahmed Yousif M. haben, einem sudanesischen Diplomaten, der 1996 von der US-Regierung des Landes verwiesen worden war. M. wird verdächtigt, den Terroranschlag auf das World Trade Center im Jahr 1993 vorbereitet und weitere Attentaten in den USA mitgeplant zu haben. Omer Behari soll ihn in Österreich mehrfach getroffen haben. Unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2001 stand Behari im Verdacht, in Österreich Anschläge gegen US-Botschaften geplant zu haben. Österreichische Behörden ermittelten gegen ihn.

Omer Behari hat damals auch Kontakte zum Raum Ulm, wie aus Unterlagen österreichischer Sicherheitsbehörden hervorgeht: konkret zu Ahmed A., dem Vorsitzenden des Islamistischen Informationszentrums (IIZ) in Ulm - für das sich die Amerikaner stark interessieren. Ahmed A. gilt damals den deutschen Behörden als islamistischer "Gefährder", der die muslimischen "Gotteskrieger" zum Jihad in Tschetschenien aufgestachelt haben soll.

Für Omer Behari ist am 12. Januar 2003 die Rückreise nach Wien in Jordanien plötzlich zu Ende. Bei einem Zwischenstopp in Amman wird er festgenommen. Drei Monate lang wird er nach eigener Darstellung in einem Gefängnis des jordanischen Geheimdienstes festgehalten und verhört. Er sei mehrfach gefoltert worden, wird Behari im Oktober 2006 vor dem CIA-Untersuchungsausschuss des Europaparlaments aussagen.

Präzise Fragen der Jordanier

Jordanien gilt als eines der Zentren, in denen Terrorverdächtige in Zusammenarbeit mit den US-Geheimdiensten verhört werden. Er sei gezielt nach der Wiener Islamistenszene gefragt worden, erklärt Behari nach seiner Freilassung. Die präzisen Fragen der Jordanier ließen den Schluss zu, dass sie von österreichischen und amerikanischen Fahndern Informationen bekommen hätten. Behari bestreitet jedwelchen Kontakt zu al Kaida und betont, dass das Ermittlungsverfahren in Österreich gegen ihn eingestellt wurde.

Anfang April 2003, als Behari in Jordanien noch festgehalten wird, geschehen in Neu-Ulm dubiose Dinge. Beharis mutmaßlicher Kontaktmann Ahmed A. wird observiert - und zwar offenbar von einem amerikanischen Terrorfahnder. Ein bewaffneter Mann mit US-Akzent hat damals Zutritt zur Wohnung eines deutschen Ehepaars verlangt, das gegenüber dem Haus lebt, in dem Ahmed A. wiederholt verkehrte. So jedenfalls versichern es danach die Eheleute auch gegenüber der Polizei, wie stern.de schon im Oktober berichtet hat. Zielgerichtet habe der Amerikaner damals in ihrem Arbeitszimmer Stellung bezogen.

Später hätten auch deutsche Ermittler aus ihrer Wohnung heraus zu observieren begonnen, berichtet das Ehepaar. Tatsächlich ermittelt die Ulmer Staatsanwaltschaft damals gegen Ahmed A., wegen des Verdachts der "Werbung für einen fremden Wehrdienst" - für den Kampf in Tschetschenien. Anfang Juli 2003 wird das Verfahren eingestellt. Der Vorwurf lässt sich nicht beweisen. Ein Jahr später verlässt Ahmed A. den Raum Ulm - Richtung Saudi-Arabien.

Der Kreis schließt sich

Ahmed A. hatte nach Erkenntnissen deutscher Behörden auch Kontakt zum CIA-Entführungsopfer Khaled el Masri. Damit schließt sich der Kreis. Zwei illegale Aktionen des US-Geheimdienstes mit Donau-Bezug - zwei parallel gelagerte Fälle. Geschah dies ohne Genehmigung der Berliner Regierung, würde es einen massiven Verstoß gegen deutsche Hoheitsrechte bedeuten.

Mehrere hohe Sicherheitsbeamte bestätigen stern.de, es sei seit längerem ein "offenes Geheimnis", dass amerikanische Terrorfahnder auf deutschem Boden ermittelt haben - auch und besonders im Raum Ulm. Im Berliner Untersuchungsausschuss wurde jetzt der ehemalige Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND), August Hanning, gefragt, ob es Aktivitäten von US-Geheimdiensten im Raum Ulm gab. Er könne es nicht bestätigen, antwortete Hanning. Aber er wolle es auch "nicht ausschließen".

Von:

Rainer Nübel und