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Collin Powell im stern-Gespräch: "Republikaner ignorieren die Realität in Amerika"

Er unterstützte Obama, sieht sich aber als Republikaner: Colin Powell würdigt die USA als führendes Einwandererland und fragt, wann Deutschland bereit ist für einen Kanzler mit türkischen Wurzeln.

Colin Powell, Republikaner und ehemaliger Außenminister der USA, hat seine eigene Partei kritisiert. "Ich fühle mich den republikanischen Werten noch immer stark verbunden. Etwa dass der Mensch für sich selbst verantwortlich ist. Da draußen gibt es ganz viele Republikaner, die genauso denken wie ich. Die auf einen Wandel hoffen, aber nicht so frei sprechen können. Ich glaube auch nicht, dass ich mich von der Partei entfernt habe, sondern die Partei von mir", sagt Powell im Gespräch mit dem stern

Powell ist mit dem Kurs, den die Republikaner in den vergangenen Jahren eingeschlagen haben, nicht einverstanden. Er hat sich für die Schwulenehe ausgesprochen, er hat im vergangenen Wahlkampf den demokratischen Präsidenten Barack Obama unterstützt und befürwortet höhere Steuern für Reiche. Vor allem kreidet er seiner Partei an, nicht auf den demografischen Wandel in den USA einzugehen und sich für ein liberales Einwanderungsgesetz stark zu machen. "Die republikanische Partei ignoriert die Realität in Amerika: In nur einer Generation werden die heutigen Minderheiten, die Afroamerikaner, die Lateinamerikaner und die Asiaten, die Mehrheit stellen. Wir sind eine Nation von Einwanderern“, sagt der frühere Kommandeur des V. US.Armeekorps in Deutschland.

Powell, 76, ist selbst Sohn einer Einwandererfamilie aus Jamaika. Er möchte, dass sich seine Partei wieder auf die Werte des Einwanderungsland USA besinnt. Powell: "Es gibt wenige Länder, die in eineinhalb Generationen einen so weiten Weg zurückgelegt haben wie wir. Wir hatten nie eine homogene Bevölkerung. Für Länder wie Deutschland ist das viel schwerer. Ich bin gespannt, wann ihr bereit seid für einen türkischstämmigen Kanzler."

"Ich habe an die Beweise geglaubt"

Der erste farbige Sicherheitsberater im Weißen Haus stieg beim US-Militär bis zum Vier-Sterne-General auf, diente unter Präsident George W. Bush von 2001 bis 2005 als Außenminister. 2003 hielt er eine Rede vor den Vereinten Nationen, mit der die USA den Angriff auf den Irak rechtfertigten. Powell hielt kleine Röhrchen hoch – die angeblichen Beweise für Saddam Husseins Massen-Vernichtungswaffen. Zehn Jahre nach der US-Invasion in den Irak sagt Powell dazu: "Es war eine der größten Enttäuschungen meines Lebens. Ich habe an diese Beweise geglaubt. Ich war nicht der Einzige, die Engländer haben daran geglaubt, die Italiener, die Spanier. Auch die Deutschen, sie waren nur nicht der Meinung, dass wir deswegen in den Krieg ziehen sollten. Ich war der prominenteste Redner, also derjenige, der diese Beweise präsentierte. Wir hätten es besser wissen müssen."

Powell erzählt im stern, dass er damals selbst zur CIA gegangen sei und vier Tage und Nächte dort verbracht habe. "Ich habe die Informationen benutzt, die unsere Nachrichtendienste für solide hielten. Sie hatten Beweise für 100 bis 400 Tonnen Chemiewaffen, die meisten davon sollten im Jahr zuvor produziert worden sein. 16 Geheimdienste haben diese Erkenntnisse vertreten. Aber sie waren falsch." Powell wünscht sich im Nachhinein, dass er sich mehr Zeit genommen hätte: "Dann hätte ich die Schwachstellen in der Beweiskette vielleicht erkannt."

Giuseppe di Grazia / print