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Sputnik um jeden Preis Corona-Horror: In Russland wütet die dritte Welle – und der Kreml greift zum Impf-Zwang

Russland, Moskau: Die Kliniken im Land sind mit Corona-Patienten überfüllt 
Russland, Moskau: Die Kliniken im Land sind mit Corona-Patienten überfüllt 
© Vladimir Gerdo / Picture Alliance
Die Krankenhäuser sind überfüllt. Jeden Tag wird ein neuer Rekord an Corona-Toten vermeldet. Die Lage in Russland verschlimmert sich rasant. Doch die Regierung weiß sich nicht anderes zu helfen, als den Menschen Sputnik V aufzuzwingen. 

Während Europa etwas aufatmet, wütet in Russland die dritte Corona-Welle heftiger als je zuvor. Es vergeht kaum ein Tag, an dem kein neuer trauriger Rekord vermeldet wird. Die Behörden in Moskau meldeten am Sonntag 144 Todesfälle binnen 24 Stunden – laut den russischen Nachrichtenagenturen so viele wie noch in keiner anderen Stadt im Land seit dem Beginn der Pandemie. Die EM-Austragungsstätte St. Petersburg hatte erst am Samstag mit 107 Todesfällen einen Höchststand verzeichnet.

Die Infektionszahlen übersteigen mittlerweile die 20.000-Marke pro Tag. Dabei dürften die reellen Zahlen bei Weitem höher ausfallen als die offiziellen Angaben. Getestet wird nach wie vor wenig, vor allem in den Regionen außerhalb der Großstädte. Die Behörden und Krankenhäuser geben zudem ihr bestes, um die Statistiken zu schönen. Immer wieder entlarven sie sich selbst der Fälschung, indem verschiedene Instanzen äußerst unterschiedliche Zahlen verlautbaren lassen.

So teilte am vergangenen Donnerstag das Ministerium für digitale Entwicklung, Kommunikation und Massenmedien der Russischen Föderation mit, man wolle bis zum 30. Juni alle Bürger, die bereits eine Corona-Erkrankung überstanden haben und genesen sind, mit QR-Codes ausstatten, die etwa bei Besuchen von Restaurants vorgezeigt werden können. Dabei bezifferte der Vize-Minister Oleg Kachanow der Zahl der Genesenen mit "ungefähr neun Millionen", unter Berufung auf das Register des russischen Gesundheitsministeriums. 

Eine erstaunliche Zahl – wo doch nach offiziellen Angaben der für das Coronavirus zuständigen Behörde die Zahl der Genesenen am Sonntag, den 27. Juni, mit 4.956.714 angegeben wurde. 

Krankenhäuser hoffnungslos überfüllt – Patienten auf den Fluren einquartiert 

Dass das tatsächliche Infektionsgeschehen nicht den offiziellen Statistiken entspricht, verrät auch ein Blick in die Krankenhäuser und Kliniken des Landes. Diese sind hoffnungslos überfüllt. Mancherorts werden Patienten auf Klappbetten in den Fluren der Kliniken einquartiert, wie etwa Marina Alawerdjan. Für die 49-Jährige hat man in dem Covid-Krankenhaus von Nowosibirsk sonst nirgendwo einen Platz gefunden, wie die lokale Ausgabe der Zeitung "Argumente und Fakten" berichtete.

Die Lage verschlechtert sich rasant. Und das obwohl kaum ein Tag vergehet, ohne dass die Eröffnung eines neuen Corona-Zentrums verkündet wird. Ob Tomsk, Twer, TscheljabinskNowosibirsk oder Moskau – überall in Russland werden neue Covid-Kliniken eingerichtet. Doch diese füllen sich innerhalb weniger Stunden. 

Ein Fall aus Wladimir sorgte für besonderes Aufsehen. Dort brachte ein Rettungswagenteam einen Patienten mit Verdacht auf das Coronavirus vor das Gebäude der Regionalverwaltung und schaltete das Blaulicht ein, berichtete die Lokalzeitung "7x7". So wollten die Ärzte eine Krankenhauseinweisung des Mannes erreichen, dem alle Krankenhäuser der Region die Aufnahme zuvor verweigert hatten – obwohl sich der Patient in kritischem Zustand befand. Nach Angaben der Ärzte versagte bei ihm eine Lunge und er konnte nicht selbstständig atmen. 

Die Aktion hatte jedoch Erfolg. Nachdem das Blaulicht vor der Regionalverwaltung die Presse anzog, fand man für den Patienten einen Platz in einem Krankenhaus in Murom, 130 Kilometer von Wladimir entfernt.

Regierung in Russland greift zum Impf-Zwang 

Die Regierung reagiert auf die erschreckende Pandemie-Lage mit einer aggressiven Impfkampagne. Obwohl Wladimir Putin einst versprochen hatte, es werde keine Impfpflicht geben, wurde genau diese bereits in 15 Regionen des Landes eingeführt: darunter in den Regionen Moskau, Murmansk, Kemerowo, Sachalin, Leningrad, Tula, Twer, Nischni Nowgorod und Krasnodar. 

Wer sich einer Impfung verweigert, dem drohen Sanktionen. Der Minister für Arbeit und Soziales der Russischen Föderation, Anton Kotjakow, stellte die offizielle Position der Regierung klar: "Ein Arbeitnehmer, der die obligatorische Impfung nicht erhalten hat, kann freigestellt werden." Diese könne genauso lange dauern, wie die Impfpflicht besteht. Dabei wird während der Freistellung kein Lohn bezahlt. Für viele wird also die Impffrage zu einer Existenzfrage. 

Die Strafen für die Impfunwilligen sind vielfältig. In Moskau droht Unternehmen, wo weniger als 60 Prozent der Arbeitnehmer geimpft sind, die Schließung. In Jakutien werden Bürger, die sich nicht impfen lassen, mit Geldstrafen von bis zu 40.000 Rubel belegt – für den durchschnittlichen Bürger sind es zwei Monatsgehälter. 

In der Hauptstadt sind ab sofort "medizinische Routineversorgungen, beispielsweise Operationen, für Personen verboten, die vor dem Krankenhausaufenthalt nicht gegen das Coronavirus geimpft worden sind", teilte das Gesundheitsministerium mit.  "Die Impfung in Russland wird zur freiwilligen Pflicht", titelte dazu die Moskauer Tageszeitung "Nesawissimaja Gazeta".

Russen wollen sich nicht mit Sputnik impfen lassen

Die Impfskepsis bleibt in Russland ungeachtet aller drohenden Konsequenzen groß. Trotz intensiver Propaganda für die eigenen Impfstoffe wollen sich viele Russen partout nicht impfen lassen. Neben Sputnik V werden noch die Präparate zweier weiterer staatlicher Produzenten eingesetzt, Epivakorona und Kovivak, allerdings deutlich seltener als Sputnik V. 

Russland bewirbt Sputnik V mit dem Slogan "Ein Impfstoff für die ganze Menschheit": Doch bislang bleibt das Vakzin knapp, auch in Russland selbst. In der vergangenen Woche meldeten etwa die Städte Chabarowsk, Komsomolsk und Udmurtien, dass die Impfungen gegen das Coronavirus wegen des Mangels an Impfstoffen ausgesetzt werden müssen – obwohl dort eine Impfpflicht besteht. 

Experten sehen in dem Impf-Unwillen der Russen vor allem ein Zeichen des Misstrauens gegenüber der eigenen Regierung. "Lügen sind die Hauptursache für die Ablehnung einer Impfung", erklärte der oppositionelle Politiker Wladimir Ryzhkow in einem Interview. Das ganze Land habe noch deutlich die Erklärung des Kremls im Kopf, man habe das Coronavirus besiegt. "Wenn der Präsident verkündet, wir hätten Covid besiegt und dann stellt sich raus, dass Covid uns besiegt, ist die Lüge offensichtlich." 

Will das Regime die Bevölkerung Russlands gegen Corona impfen? Oder will das Regime die Bevölkerung mit Sputnik V impfen?

Während sich die Lage zuspitzt, bleiben Vakzine aus dem Ausland weiter verboten. "Es stellt sich die Frage: Will das Regime die Bevölkerung Russlands gegen Corona impfen? Oder will das Regime die Bevölkerung mit Sputnik V impfen?", gibt der russische Journalist und Publizist Alexander Newsorow zu denken und liefert selbst die Antwort. "Wenn es darum geht, die Bevölkerung zu schützen, warum nur mit Sputnik, der einen skandalösen Ruf genießt und von der zivilisierten Welt nicht als Vakzin anerkannt wird?" Eine Frage, die sich in Russland viele stellen. 


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