David H. Petraeus Der General und sein Bericht


Der US-Oberkommandierende im Irak, David Petraeus, wird heute seinen mit Spannung erwarteten Fortschrittsbericht vorlegen. Darin empfiehlt er offenbar keinen raschen Truppenabzug - entgegen der Forderung der Demokraten. Ein Porträt jenes Diplomaten in Uniform, der ein Desaster als ein Projekt der Zukunft verkaufen muss.
Von Katja Gloger, Washington

Es wird einer der wichtigsten Auftritte seines Lebens, und er wäre nicht David Petraeus, General David H. Petraeus, wenn er sich nicht haarklein vorbereitet hätte. Am vergangenen Dienstag kam er aus Bagdad, nahm Quartier in Fort Myer, einer der traditionsreichen Garnisonen des Landes, von hier kann man über ganz Washington sehen. Und Fort Myer liegt nur ein paar Schritte vom nationalen Heldenfriedhof Arlington entfernt. Hier beerdigt man die Gefallenen des Irakkrieges.

Er hat seine engsten Vertrauten mitgebracht, seine Musketiere. Vier Verschworene, drei davon Irak-Veteranen mit Doktortitel, Männer, die wissen, wie er denkt. Männer, die ihm die Stirn bieten können. Seit vergangenem Donnerstag haben sie sich über drei hochgeheime Ordner voller Zahlen, Graphiken und Statistiken gebeugt. Diese Ordner sollen die Wahrheit erfassen über die Lage im Irak, und wenn es nur die einer widersprüchlichen Momentaufnahme ist. Darüber wird er an diesem Montag dem US-Kongress berichten. Er wird seine Sache gut machen. General David H. Petraeus gilt als begnadeter Verkäufer.

Keine Presse vorab, kein Auftritt in den Talkshows, mit denen man solche Ereignisse normalerweise einleitet. Auch kein Händeschütteln mit dem Präsidenten, nur ein paar sehr private Spaziergänge mit seiner Frau Holly. Und einen Ausflug nach Fort Benning in Georgia, um den Fallschirmsprung seines Sohnes Stephen zu beobachten. Der Politik-Student wird dort zum Offizier bei einer Spezialeinheit ausgebildet.

Probelauf mit bohrenden Fragen

Der Sonntag war schließlich für das "murder board", die "Anklagetafel", reserviert, eine Art Generalprobe, während der er mit allen nur erdenklichen fiesen Fragen bombardiert wurde. Wahrscheinlich hatte man sich auch noch einmal die Schaubilder angesehen, die es zu präsentieren gilt. Darunter sind zwei Stadtpläne von Bagdad. Der eine mit großen, blutroten Flecken. Bagdad vorher. Vor der Truppenerhöhung. Und der andere fast ganz grün, nahezu friedlich grün. Bagdad heute. Das Bagdad des General David H. Petraeus.

Natürlich ist der Inhalt seines Berichtes geheim, noch nicht einmal der Präsident soll ihn gelesen haben. Doch selbstverständlich sickerten in den Wochen zuvor einige wichtige Schlussfolgerungen durch. Und die besagen: "The surge" , die von Bush im Alleingang durchgesetzte Truppenerhöhung um 30.000 Soldaten war im Prinzip richtig. Das damit verbundene neue Sicherheitskonzept bietet die Chance auf einen Erfolg. Das ist viel weniger als ein Sieg. Aber mehr als erwartet. Eine winzige Hoffnung - und die reicht offenbar aus, man über den Abzug einiger Tausend Soldaten nachdenken kann. Vielleicht sogar schon Ende dieses Jahres.

Jetzt , so wird Petraeus dem Kongress berichten, braucht es mehr Zeit, damit sein Sicherheitskonzept auch Wirkung entfaltet. Und vor allem muss die irakische Regierung jetzt Verantwortung für ihr eigenes Land übernehmen. "Militärisch ist dieser Krieg nicht zu gewinnen", hatte er ja immer wieder gesagt.

"Dieser Krieg ist nicht verloren."

Trotz aller Einschränkungen könnte dieser Bericht George W. Bush jenen Satz liefern, mit dem er seinen desaströsen Feldzug, vielleicht gar einen guten Teil seiner Präsidentschaft legitimieren kann: "Dieser Krieg ist nicht verloren." Dieser Krieg, so die Botschaft, geht nur verloren, wenn die Politiker in Washington ihn weiterhin verloren geben - all die besserwisserischen Kriegsgegner bei den Demokraten, und auch all´ die wankelmütigen Republikaner, die es wagten, ihn zu kritisieren. Dann endlich könnte er all' die Zweifler, Kritiker auf die Plätze verweisen. Und er könnte derjenige sein, der die ersten Soldaten wieder nach Hause bringt.

Natürlich weiß General David Petraeus, dass sein Auftritt Höhepunkt einer penibel inszenierten Politshow ist. Denn am 15. September muss der Präsident der Nation berichten. Mit einer 15 Millionen Dollar teuren PR-Kampagne wird das Weiße Haus seine Botschaft auch landesweit ins rechte Licht setzen. "Freedom Watch" heißt die Gruppe, die in den kommenden Tagen in 20 Bundesstaaten Fernseh-Werbespots schaltet, "Beobachter der Freiheit". Die Truppe untersteht einem Profi: Ari Fleischer, während des Irak-Krieges Sprecher des Weißen Hauses.

Dabei ist David Petraeus, 54, eigentlich ein Glücksfall für Politiker. Er, der Professor in Uniform, ein Diplomat in Kampfanzug. Ein Karrieresoldat aus dem amerikanischen Bilderbuch. Sein Vater war nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Niederlanden in die USA ausgewandert, er fuhr als Kapitän zur See. David absolvierte die Militärakademie West Point, Kaderschmiede der militärischen Elite. Er war einer der Besten, er heiratete die Tochter eines hochrangigen Generals, später war er der Beste seines Jahrgangs in der Kommandeursausbildung. Er machte seinen Doktor mit einer Arbeit über den Vietnamkrieg an der renommierten Princeton-Universität - an jenem Institut für Internationale Beziehungen, an dem Joschka Fischer gerade sein akademisches Lehrjahr verbrachte. "Die Universität führt einen heraus aus der Denkfaulheit", sagt Petreaus gerne. "Es geht ja darum, den Blick über die Reichweite eines Sturmgewehres hinaus zu heben."

Solche Männer", schwärmt der neokonservative Kommentator William Kristol, "werden Amerikas Führungspersonen für die Epoche nach dem 11. September sein."

Mann mit unbändigem Siegerwillen

Dabei kommt er beinahe schüchtern daher, zurückhaltend, dünn. Doch wenn man von ihm spricht, fallen stets Adjektive wie: "Smart". "Ehrgeizig". "Sehr ehrgeizig." Ein "politischer General". " Er habe die phänomenale Fähigkeit, das Beste aus seinen Untergebenen herauszukitzeln, heißt es. Vor allem aber gilt er als Mann von unbändigem Siegeswillen.

Vor vielen Jahren wäre beinahe ums Leben gekommen, als er bei einem Manöverunfall einen Steckschuss in die Brust erhielt. Er konnte in einer fünfstündigen Notoperation gerettet werden. "Er wollte früher entlassen werden", erinnert sich sein Arzt. "Er sagte: Ich bin eben nicht die Norm. Ich werde es beweisen. Er ließ sich die Infusionsschläuche ziehen, stieg aus dem Bett und machte 50 Liegestütze." Er wurde vorzeitig entlassen. Später brach sich Petraeus bei einem Fallschirmabsprung das Becken, bis heute leidet er unter Schmerzen, geht leicht gebeugt. Doch er läuft, nein, er rennt jeden Morgen seine 12 Kilometer, und die 17 Kilometer-Strecke schafft er in 63 Minuten. Einmal forderte e, über 50 Jahre alt, einen jungen Soldaten, kaum 20, zum Liegestützwettbewerb heraus. Er machte 75 in einer Minute. Und gewann.

Es sind die Szenen, aus denen Drehbücher für große Karrieren geschrieben werden. Klug und ehrgeizig hatte er sich in den Generalstäben nach oben gedient. Doch ohne Kampferfahrung war er für seine Kritiker nur einer dieser "parfümierten Prinzen". Ein Stubenhengst, politisch ein bisschen zu geschmeidig. Beim Einsatz der US-Armee auf Haiti war er Verbindungsoffizier, diente später als Brigadegeneral auch mal in Bosnien.

"Herzen und Seelen" der Iraker gewinnen

Dann begann der Krieg im Irak, er marschierte als Kommandeur der 101. Luftlande-Division in den Norden, nach Mosul. Und dort begann er mit jener Revolution, die er am liebsten der ganzen Armee verordnen würde: US-Soldaten als Friedensstifter, als Nationen-Baumeister, die ebenso Brunnen bohren wie Terroristen jagen können. Er befahl seinen Soldaten, sich höflich zu entschuldigen, bevor sie mit Hausdurchsuchungen begannen. In den Kasernen seiner Division ließ er Plakate aufhängen: "Was hast Du heute getan, um Herzen und Seelen der Iraker zu gewinnen?" Er initiierte Radio-Sendungen und Fernseh-Shows, und vor allem schaffte er Geld herbei, das er großzügig verteilen ließ. Er machte seinen Soldaten klar: Schlachten können mit der überlegenen Feuerkraft der US-Militärmaschinerie gewonnen werden. Aber Siege werden anders errungen. Damals sagte er: "Geld ist die beste Munition."

Bald portraitierte man ihn als "Retter des Irak" als "Pascha Petraeus", gar als neuen "Lawrence von Arabien". "Wo wird das nur enden?", fragte er während des Feldzuges immer wieder die Journalisten, die in seiner Division "eingebettet" waren. Das klang kumpelig, aber es war schon damals die verstecke Kritik an der Kriegsführung von Rumsfeld und Co., die sich arrogant überzeugt gaben, dass die US-Truppen den von ihnen befreiten Irak schon nach einigen Monaten verlassen würden. Siegreich natürlich.

Das wusste er besser, von Anfang an. Er hatte die Dimension dieses neuen, asymmetrischen Krieges erkannt. Um Aufständische zu bekämpfen, Sicherheit zu schaffen, reichen Waffen nicht. Als er vor zwei Jahren zum Leiter der Offiziersausbildung der US-Armee nach Fort Leavenworth befördert wurde, schrieb er die neue Bibel der US-Armee, das "Handbuch FM 3-24". COIN, "Counterinsurgency". Es ist seine, die Petraeus-Doktrin über Aufstandsbekämpfung, eine Gebrauchsanweisung für die Kriege, die die US-Armee in Zukunft führen wird. "Der Kampf gegen Aufständische ist der Kampf um die Herzen der Bevölkerung", sagt er. "Meine Soldaten müssen Fünfkämpfer sein. Sie müssen eigentlich alles können."

Die Truppenerhöhung um 30.000 Mann würde ihm das Material für sein Sicherheitskonzept liefern. Und den vierten Generalsstern. Seine Nominierung zum Oberkommandierenden im Irak wurde einstimmig bestätigt. Es war eine der wenigen unumstrittenen Personalentscheidungen von Präsident Bush. Noch nicht einmal sein offener Brief hing Petraeus nach, in dem er 2004 viel zu voreilig einen Erfolg beim Aufbau der neuen irakischen Armee verkündet hatte - passend zu den letzten Präsidentschaftswahlen, wie Kritiker bissig anmerkten.

Jetzt schickt seine Soldaten auf kleine Außenposten überall in Bagdad, gemeinsam mit Soldaten der irakischen Armee patrouillieren sie, helfen, zeigen Dauerpräsenz. Nach einem halben Jahr ist das Ausmaß der Gewalt zwar immer noch horrend, viel höher als noch 2004. Doch die Zahl der Toten sinkt, es werden weniger Bomben gezündet, weniger Menschen entführt. Und so kann Petraeus an diesem Montag melden, dass Bagdad im Moment ein bisschen sicherer geworden ist. Um zugleich zu betonen: "Es gibt keine militärische Lösung für den Irak. Mit unserem Einsatz kaufen wir Zeit, damit sich die Iraker versöhnen können." Denn natürlich kennt er die kritischen Berichte der vergangenen Wochen. Berichte, die den Bürgerkrieg beschreiben und eine dunkle Zukunft für den Irak. Weiß, dass es noch lange nicht um Versöhnung geht.

Doch General David H. Petraeus will gewinnen. Es nur versucht zu haben, reicht ihm nicht.


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