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Dmitrij Medwedjew: Der Zar und sein Zimmermann

Seit Wladimir Putin den 42-jährigen Mitstreiter aus St. Petersburg zum Nachfolger im Kreml erkoren hat, fragt sich die Welt, ob die beiden Russlands Traumteam oder ein Duo infernale abgeben werden. Denn ab Sonntag regieren sie das Land gemeinsam. Als Premier und als Präsident.

Von Andreas Albes

Dmitrij Medwedjews Lächeln ist selten geworden. Dabei war dieses jugendliche Lächeln, von einer Kolumnistin einmal das russische Kennedy-Lächeln genannt, sein Markenzeichen. Doch nun, zu seiner neuen Rolle als Wladimir Putins Erbe, passt es nicht mehr. Denn der lächelt auch nicht. Und so steht Medwedjew an diesem Tag mit ernster Miene in der Hochschule für Öl- und Gasindustrie in Tjumen im Ural. Wenn er spricht, legt er den Kopf leicht schief, die Augen mustern scharf sein Gegenüber. Er steht da, wie Putin dastehen würde.

Der 42-Jährige, den Russland am 2. März zum neuen Kreml-Chef wählen wird, ist zum Gespräch mit Professoren und Studenten gekommen. Die Frauen tragen hochgeschlossene Blusen und knielange Röcke, die Männer Anzug und Krawatte. Das Kollegium hat in einer Reihe Aufstellung genommen. Der Linoleumboden glänzt, die Kaugummis unter den Tischen wurden entfernt. Medwedjew fragt nach Sorgen, Wünschen. Die Antworten sind immer gleich. Alles gut, besser könnte es kaum gehen. So muss es gewesen sein, als früher die Parteifunktionäre kamen, um die Erfüllung des Plansolls abzufragen.

Zum einzig menschlichen Zwischenfall kommt es, als Medwedjew auf dem Flur so plötzlich vor dem Foto einer hochgewachsenen Blondine stoppt, dass ihm sein Leibwächter fast in die Hacken tritt. Das Bild zeigt Miss Russland 2007. "Ach, die ist auch von hier", sagt er, und ein franzö sischer Kameramann freut sich: "Na, wenigstens ein bisschen Sarkozy."

Medwedjew galt als zu jung

Seit Medwedjew zum Nachfolger Wladimir Putins auserkoren wurde, argwöhnen die Journalisten aus dem Westen, er sei nicht mehr als eine Marionette. Und die aus Russland umgarnen ihn pflichtgemäß. Bis dahin hatte ihn niemand wirklich auf der Rechnung. Man wusste, Putin und er kennen sich aus St. Petersburg, doch im Grunde galt Medwedjew als zu jung, zu nett. Ein Jurist ohne Geheimdienstvergangenheit, nicht mal in der Armee hat er gedient.

Seine Kandidatur war kaum verkündet, da tauchten im Internet die ersten Witze auf. "Bei einer Versammlung der Einheitspartei Einiges Russland wurde abgestimmt, ob Medwedjew bei den Präsidentschaftswahlen antreten soll. 478 Delegierte stimmten mit Ja, einer mit Nein. Das war Medwedjew, er hatte Angst."

Die Soziologin Olga Kryschtanowskaja beschreibt Medwedjew als Musterschüler, der für die Premiere im Schultheater probt, weil er Putin darstellen soll. Angeblich soll er jetzt sogar Sakkos mit extrabreiten Schulterpolstern tragen, damit er wie Putin rüberkommt, kräftiger.

Korruption als Volkskrankheit

Auch inhaltlich gibt sich der Kandidat als Vertreter der Linie Putins, als Befürworter des starken Staates. Man muss schon genau hinhören, um festzustellen, dass da einer redet, der womöglich mehr will. Medwedjew beklagt den Nihilismus im Land, das mangelnde Unrechtsbewusstsein, wenn es darum geht, die Steuer zu hinterziehen und Beamte zu bestechen. "Die Korruption ist die schwerste Krankheit unserer Gesellschaft", sagt er. Er fordert ein neues Justizsystem, "das wirklich unabhängig von der Exekutive ist". Beim Thema Gasprom, dessen Aufsichtsratsvorsitzender er noch einige Wochen sein wird, betont er, dass es eine "Einbahnstraße" wäre, wenn sich Russland nur auf seine Energieressourcen verließe. Und in Sachen Pressefreiheit, so versichert einer seiner Berater, rechne Medwedjew damit, dass der Kreml die Kontrolle über die Medien verliere, wenn sich erst mal das Digitalfernsehen ausbreitet.

Am 11. Dezember hielt der Kandidat seine erste Fernsehansprache. Da klang er schon wie Putin: scharf, monoton und mit den langen Kunstpausen. Damals schlug er den Präsidenten als künftigen Premierminister vor. Seitdem beschäftigt Russland die Frage: Warum?

In den staatlichen Medien werden die beiden als Dream-Team gefeiert. Jene, die Putin näherstehen, glauben jedoch, dass der die Macht tatsächlich abgeben will. "Ein Jahr", sagt ein Mitarbeiter, "länger wird Putin nicht Premier bleiben." Er wolle Medwedjew einen sicheren Start gewährleisten, auch um sein politisches Erbe zu sichern.

Ein langer Gang mit teuren Ölgemälden und polierten Messingschildern an schweren Holztüren führt zum Büro von Alexander Woloschin, dem Aufsichtsratsvorsitzenden des Stromkonzerns RAO UES. Im Vorzimmer liegt noch immer ein Schwung Neujahrspräsente aus dem Kreml. Früher trug Woloschin den Beinamen "der graue Kardinal". Als Chef der Präsidialverwaltung war seine Macht legendär. Vor acht Jahren wurde Dmitrij Medwedjew sein Stellvertreter, 2003 sein Nachfolger. Woloschin musste gehen, weil er die Verhaftung des Oligarchen und Putin-Kritikers Michail Chodorkowski für einen Fehler hielt.

Geduldig und hartnäckig

Woloschin gilt als guter Freund Medwedjews. Er beschreibt ihn als ehrlich, verlässlich, pingelig. "Ein typischer Jurist, in Gedanken immer mit dem Gesetzbuch unterm Arm." Er besitze Geduld, Hartnäckigkeit und Selbstkontrolle. Als Medwedjew erfuhr, dass er Putins Erbe antreten würde, habe er keine große Gefühlsregung gezeigt.

Vier Jahre saßen die beiden Tür an Tür. Medwedjew mit Aquarium im Büro und Notenständer auf dem Schreibtisch fürs Aktenstudium. "Viele in der Administration hatten ihre Feinde", sagt Woloschin, "nur Dmitrij nicht. Sein großer Vorteil ist, dass er sich keiner Gruppe angeschlossen hat."

Dennoch gibt es viele, denen Medwedjews Ernennung nicht passt. Monatelang tobte hinter den Kulissen des Kremls ein erbitterter Kampf um die Macht nach Putin. Von bis zu einem Dutzend sich bekriegender Clans aus Spitzenbeamten, Ministern und Oligarchen ist die Rede. Sie lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Auf der einen Seite die "Silowiki", die Geheimdienstler, die für einen harten Kurs gegenüber dem Westen stehen. Sie hätten gern den ehemaligen Verteidigungsminister Sergej Iwanow als Präsidenten gesehen, einen Putin-Freund aus KGB-Zeiten mit strengem Seitenscheitel und Kalaschnikow-Krawattennadel. Das andere Lager sind die Liberalen, die wollen, dass Russland sich dem Ausland mehr öffnet. Sie setzen auf Medwedjew.

Machtkampf im Land

Lange galt die Clan-Theorie als Legende. Bis es im Herbst auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo fast zu einer Schießerei gekommen wäre, als ein vermummtes FSB-Kommando einen General der Antidrogenbehörde festnahm. Dabei ging es angeblich um die Kontrolle des Geheimdienstes. Russlands oberster Drogenbekämpfer Wiktor Tscherkessow warnte in einem Brief in der Tageszeitung "Kommersant", dem Land drohe der Untergang, sollte der Krieg zwischen den Diensten nicht enden. Nie zuvor hatte jemand so offen über den Machtkampf gesprochen.

Der nächste Skandal folgte kurz darauf. Ein Fondsmanager erzählte im "Kommersant", er verwalte ein Vermögen von 3,2 Milliarden Dollar für Familienmitglieder von Kremlbeamten mit Geheimdiensthintergrund. Außerdem habe er den Auftrag, Privatfirmen weit unter Wert zu verstaatlichen. Beide Vorfälle haben den "Silowiki" geschadet. Die sind mit Putins Entscheidung für Medwedjew ausgebremst. Vorübergehend zumindest. "Medwedjew muss im Kreml aufräumen", sagt ein Berater. "Dazu braucht er Putins Hilfe."

Die beiden kennen sich aus der Stadtverwaltung in St. Petersburg. Dort arbeiteten sie als Berater für Bürgermeister Anatolij Sobtschak und saßen sich am Schreibtisch gegenüber. Sobtschak, einst Juraprofessor, hatte beide unterrichtet. Als Putin gerade zum Vize-Bürgermeister ernannt worden war und ihn Stadträte beschuldigten, Gelder veruntreut zu haben, hielt Medwedjew zu ihm. Er habe, so berichten Zeitungen, damals viel für die Rettung von Putins Karriere getan. Der sagt heute: "Ich vertraue ihm grenzenlos."

Als Kind ein kleiner Erwachsener

Medwedjews Eltern hätten es damals lieber gesehen, wenn ihr Sohn eine Universitätskarriere eingeschlagen hätte. Die Mutter war Philologin, der Vater Professor für Maschinenbau. Medwedjew wuchs als Einzelkind auf. In Kuptschino, einer typischen Schlafstadt am Stadtrand von Leningrad, teilte sich die Familie eine Zweizimmerwohnung. Seine ehemalige Klassenlehrerin Vera Smirnowa sagt: "Er saß ständig über seinen Büchern und benahm sich wie ein kleiner Erwachsener."

Später, an der Leningrader Universität, besuchte Medwedjew die Vorlesungen in Anzug und Krawatte, und er besaß, damals Luxus schlechthin, einen Parker-Kugelschreiber. Seine Freunde gehörten zu einem elitären Kreis von Sobtschak-Schützlingen, die fast alle im Staatsdienst Karriere machten. Medwedjew war Mitglied der Jugendorganisation Komsomol und spielte im Uni-Kabarett "Gesellschaft für die guten zukünftigen Diener der Sowjetunion".

Über ihn gibt es weder Geschichten von Trinkgelagen noch von Liebschaften. Seine Frau Swetlana lernte Medwedjew schon in der ersten Grundschulklasse kennen. Sie heirateten 1989 und haben einen elfjährigen Sohn. Swetlana Medwedjewa sieht man gelegentlich bei der Moskauer Modewoche. Sie ist Trägerin des Frauenordens der orthodoxen Kirche und leitet ein Kuratorium für "geistig-moralische Kultur von Heranwachsenden". Die russische Boulevardpresse träumt bereits von einer neuen Raissa Gorbatschowa.

Nur ein blinder Fleck in der Biografie

Wenn es in Medwedjews Vergangenheit überhaupt so etwas wie dunkle Flecken gibt, dann während seiner kurzen Unternehmerkarriere in den 90er Jahren. Damals gründete er mit Freunden eine Consulting-Firma und gehörte zugleich zur Geschäftsführung von "Ilim Pulp", das in großem Stil mit Holz und Cellulose handelt - in Russland ein Millionengeschäft. Es gibt keine Hinweise auf illegale Vorgänge, dennoch steht darüber kein Wort in Medwedjews offizieller Biografie. Womöglich, weil es in Russland immer anrüchig klingt, wenn die Begriffe "90er Jahre" und "Privatwirtschaft" zusammenfallen - die Jahre der hemmungslosen Bereicherung weniger und des Chaos für den Rest der Bevölkerung.

In einer öffentlich zugänglichen Steuererklärung gibt Medwedjew an, dass ihm zwei Eigentumswohnungen gehören, eine davon im Moskauer Elite-Wohnkomplex "Goldener Schlüssel 1", 364 Quadratmeter groß. Als Regierungsmitglied bewohnt er die Datscha des ehemaligen Staatschefs Andropow am Moskwa-Ufer, gleich gegenüber von Präsident Putin. Im Schwimmbad zieht er dort zweimal täglich seine Bahnen, er hört Led Zeppelin und Deep Purple, surft im Internet und macht Yoga, um mit möglichst wenig Schlaf auszukommen.

Im Westen halten viele Medwedjew für den besten aller möglichen Kandidaten. Investoren hoffen auf eine sanfte Modernisierung unter ihm ohne das Gepolter der letzten Putin-Jahre. Dessen Beliebtheit ist ungebrochen und zieht Medwedjew mit. Ihm werden 75 Prozent aller Stimmen bei den Wahlen prognostiziert. Allein die dramatisch steigenden Lebensmittelpreise hätten den Sieg noch verhindern können. Doch die hat Putin bis nach der Amtseinführung im Mai einfrieren lassen. Die übrigen Bewerber sind chancenlos.

Keine Wahlbeobachter

Der einzig liberale Kandidat, Ex-Premier Michail Kasjanow, wurde wegen angeblicher Unterschriftenfälschungen von der Wahl ausgeschlossen. Die Anhänger des Kommunisten Sjuganow werden von Jahr zu Jahr weniger, und der Rechtspopulist Schirinowski steht im Ruf eines vom Kreml tolerierten Politclowns. Die OSZE verzichtete, wie schon bei den Parlamentswahlen, aus Protest gegen die Behinderung ihrer Arbeit darauf, Wahlbeobachter zu schicken.

Beim "Ersten Kanal" entfallen 51 Prozent der Sendezeit über die Präsidentschaftskandidaten auf Medwedjew, im zweiten Programm "Rossija" 48,6 Prozent, bei "Zentrum TV" 58 Prozent. Irgendwo läuft immer Medwedjew. Und wenn man die Augen schließt, hat man den Eindruck, da redet Putin. Das könnte sein großer Trumpf sein - und bald seine große Schwäche.

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