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Medienkritik: Trump hörte Italiens Ministerpräsident nicht zu? Was wirklich dahintersteckt

Hat Donald Trump tatsächlich nicht zugehört, als der italienische Ministerpräsident Paolo Gentiloni beim G7-Gipfel sprach? Bilder, die um die Welt gingen, legen das nahe. Das schien so schön in das Bild von Trump als Regierungstrampel zu passen - war aber falsch.

Donald Trump: Ein kleiner Knopf im Ohr, kein großes Headset

Ein kleiner Knopf im Ohr, kein großes Headset - das kann natürlich schon einmal schnell übersehen werden - was viele verleitete davon auszugehen Donald Trump habe Paolo Gentiloni nicht zugehört

Manches ist einfach zu schön, um wahr zu sein: Sei es Wladimir Putin, der nach der Krim-Annexion beim G20-Gipfel in Brisbane ganz einsam beim Mittagessen sitzt, weil sich niemand zu ihm setzen will oder Donald Trump, der beim G7-Gipfel so gar kein Interesse an dem hat, was der italienische Regierungschef Paolo Gentiloni äußert und als einziges Staatsoberhaupt der Runde nicht über Kopfhörer den Simultanübersetzungen lauscht. Beides ein gefundenes Fressen für die Presse. Doch beides stimmt so nicht.

Am Wochenende wurde ein Tweet mit einem Videomitschnitt tausendfach geteilt. Im Clip zu sehen ist Gentiloni bei einer Rede und neben ihm sämtliche Regierungschefs des Gipfels mit einem Muschelkopfhörer - bis auf Trump: Dessen Ohr ist nackt, der US-Präsident blickt in den Raum. Dazu schrieb der BBC-Korrespondent James Landale: "Ein kurzer Clip, der den G7-Gipfel zusammenfasst: Schaut mal, wer entschieden hat, sich die Übersetzung der Rede des Gastgebers nicht anzuhören #G6".

Der Trampel aus den USA, der nicht einmal zuhört?

Klar, das passt ja genau ins Bild: Der Trampel aus den USA wird Präsident, klagt schon nach den ersten Wochen über die harte Arbeit und hört auf seiner ersten Auslandsreise noch nicht einmal zu, wenn der italienische Ministerpräsident in einer Fremdsprache zu ihm spricht. Doch wie das Medienmagazin "Über Medien" berichtet, war hier bei vielen Medienvertretern, die aus dem Clip einen Artikel machten, der Wunsch stärker als die Wirklichkeit: "Die Aufnahmen davon sind offenbar unwiderstehlich – und die perfekte Illustration für ein Gipfeltreffen, bei dem einer sich partout weigerte zuzuhören", schreibt Medienjournalist Stefan Niggemeier dort.

Obwohl Trumps Pressesprecher Sean Spicer das Missverständnis via Twitter bald aufklärte - "Wie üblich trägt der Präsident für die Übersetzungen einen einzelnen Kopfhörer in seinem rechten Ohr" - berichteten viele Medien weiter über den US-Präsidenten, der offenbar keine Lust auf die Rede des italienischen Gastgebers hat.

Auf eine Erklärung von Spicer ist schließlich nicht immer Verlass.

Andere Bilder zeigen: Sean Spicer hat Recht

Doch auch, wenn das Bild des desinteressierten Trump so herrliche Seitenhiebe und Überschriften erlaubt: Andere Fotos aus unterschiedlichen Blickwinkeln von derselben Situation zeigen, dass Spicer die Wahrheit geschrieben hat. Auch das Foto über diesem Artikel zeigt: Vor dem tunesischen Präsidenten Beji Caid Essebsi liegt ein schwarzer Kopfhörer - doch auch vor Donald Trump ist ein Kabel zu sehen, das zu seinem In-Ear-Kopfhörer gehört - zu erkennen hinter dem Wasserglas des Präsidenten.

Trump konnte Gentilonis Rede also auch in seiner Sprache verfolgen, der Knopf war im Ohr. Ob er denn auch zugehört hat, ist freilich trotzdem nicht ersichtlich.

jen