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US-Wahl 2020 Donald Trump und Wisconsin – warum dieser Bundesstaat (wieder) die Präsidentschaftswahl entscheiden könnte

Donald Trump Lkw Wisconsin
Donald Trump albert 2017 in einem Lkw made in Wisconsin herum
© Kevin Dietsch / Picture Alliance
Donald Trump will die Polizei in Wisconsin besuchen – obwohl der Gouverneur das für keine gute Idee hält. 2016 hatte er entgegen den Ratschlägen hier Wahlkampf gemacht - und entgegen aller Erwartung den Bundesstaat und die Präsidentschaft gewonnen.

Viele Wege führen im November dieses Jahres ins Weiße Haus, aber nur sehr wenige an Wisconsin vorbei. Der Bundesstaat kurz vor Kanada, halb so groß wie Deutschland, mit nicht einmal sechs Millionen Einwohnern, könnte dieses Jahr wie auch schon 2016 über die US-Präsidentschaft entscheiden. Kein Wunder, dass Donald Trump keine Gelegenheit verpassen will, um dort Präsenz zu zeigen. Für Dienstag hat er sein Kommen angekündigt – obwohl er vom Gouverneur ausdrücklich ausgeladen wurde.

In Kenosha, wo ein weißer Polizist vor einer Woche einem Schwarzen sieben Mal in den Rücken geschossen hatte, will der US-Präsident Polizeivertreter treffen und die Schäden besichtigen, die bei Protesten gegen Polizeigewalt entstanden seien. Ob Trump auch das Opfer Jacob Blake oder dessen Familie sehen wird, ist noch unklar. Dem Gouverneur des Bundesstaates, Tony Evers, hält die Stippvisite jedenfalls für keine gute Idee: "Ich bin besorgt, dass ihre Anwesenheit unsere Heilung behindern wird", schrieb er in einem Brief an den Chef des Weißen Hauses.

Wisconsin hat Trump Glück gebracht

Mutmaßlich dürfte diese Bedenkenträgerei den Wahlkämpfer Trump wenig interessieren. Nicht nur, weil er seine Kampagne ohnehin Richtung Law-and-Order verschiebt, sondern auch, weil ihm Wisconsin schon vor vier Jahren Glück gebracht hat. Mit einem Vorsprung von gerade einmal 22.748 Stimmen oder 0,7 Prozentpunkten hatte er die zehn Wahlmänner des Bundesstaats gewonnen – obwohl niemand damals auch nur einen Pfifferling auf seinen Sieg gegeben hätte. Im Gegenteil. Trump wurde sogar dafür verspottet, dass er überhaupt Wahlkampfauftritte in dem Staat absolvierte.

Bis zum November 2016 gehörte das sowohl landwirtschaftlich als auch postindustriell geprägte Wisconsin zur sogenannten Blauen Mauer, wie die demokratischen Hochburgen in den USA genannt werden. Neben Wisconsin zählen auch das benachbarte Michigan dazu oder Pennsylvania, wo früher ebenfalls die Stahlindustrie boomte. Der prominente US-Umfragen-Experte Nate Silver schrieb vor vier Jahren, dass Donald Trump nur dann eine Chance auf den Einzug ins Weiße Haus habe, wenn er die "Blaue Mauer" durchbreche – was er und viele andere - zwar für möglich, aber unwahrscheinlich hielten. Doch der Republikaner strafte seine Kritiker Lügen.

70.000 Stimmen Vorsprung in drei Staaten

Neben Wisconsin gewann er auch Michigan, was ebenfalls als mittleres Wunder galt, zudem fiel Pennsylvania in die Hände der Konservativen. Insgesamt hatte Trump in allen drei Staaten zusammen nur 70.000 Stimmen mehr bekommen als seine Konkurrentin Hillary Clinton. Aber das reichte für den Einzug ins Weiße Haus. Mit ihren Einschätzungen daneben lagen 2016 allerdings die allermeisten Experten, Politikjournalisten als auch die Strategen der Demokratischen Partei. "Während Trump bei Arbeitern angelsächsischer, italienischer und osteuropäischer Abstimmung durchaus Unterstützung genießt, also in Michigan and Pennsylvania, fehlt ihm diese bei den Wählern skandinavischer und deutscher Herkunft, also in Minnesota and Wisconsin", hieß es etwa im britischen "Economist".

Joel Benenson, Clintons Chefstratege, behauptete damals etwas zu selbstbewusst, dass sich schon andere republikanische Präsidentschaftskandidaten an Michigan und Wisconsin die Zähne ausgebissen hätten. "Herr Trump wird uns in diesen Staaten nicht in die Defensive bringen", so Benenson. Eines seiner Probleme war: Anders als die weitgehend korrekten landesweiten Umfragen, lagen die Demoskopen in den Bundesstaaten Wisconsin und Michigan daneben. Bis zu sieben Prozentpunkte Vorsprung hatten sie für Hillary Clinton errechnet, eine Größenordnung, die deutlich außerhalb der üblichen Fehlerquote von zwei bis drei Prozentpunkten lag.

Experten spotteten über Trumps falsche Prioritäten

Trump aber interessierte sich für diese Zahlen nicht und trat dort dennoch häufig auf, was ihm den Spott vieler Kommentatoren einbrachte – galt es ihnen als Beweis dafür, dass sein Wahlkampfteam die falschen Prioritäten setzte. Denn in den USA konzentrieren sich die Kandidaten üblicherweise auf die "Swing States", in denen es knapp zugeht. Kein Republikaner würde ernsthaft in der Demokraten-Hochburg Kalifornien angreifen genauso wie Demokraten einen Bogen um Alabama oder Mississippi machen. Doch Trump hörte auf sein Bauchgefühl und lag letztlich richtig.

Der Demoskop Nate Silver hat in seiner Vorhersage für den 3. November 100 unterschiedliche Wahlszenarien durchgespielt. Er geht zwar davon aus, dass Biden die höheren Gewinnchancen hat, aber in immerhin 31 Fällen geht Trump als Sieger aus der Abstimmung hervor. Und in fast allen dieser Ausgänge muss der US-Präsident Wisconsin gewinnen, um im Weißen Haus bleiben zu können. Aktuell führen die Demokraten mit ihrem Kandidaten Joe Biden im Umfrageschnitt mit 49 zu 43 Prozent. Allerdings kommt ein Institut zu einem anderen Ergebnis: Die Trafalger Group sieht Trump derzeit knapp vor Biden – und die Demoskopen waren 2016 die einzigen, die in den Bundesstaaten Wisconsin und Michigan richtig lagen.

Quellen: "The Economist", DPA, "New York Times", Fivethirtyeight, US-Election-Atlas, Trafalgar Group auf Twitter, Real Clear Politics


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