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Endlager für Atom-U-Boote: Die strahlenden Reste russischer Rüstung

Die USA und Russland unterzeichnen einen Vertrag zur atomaren Abrüstung. Aber wie kann das Erbe des Kalten Krieges beseitigt werden? Ein Besuch im weltgrößten Atommülllager an der Barentssee.

Von Verena Diethelm, Murmansk

Ein 15 Meter langer Zylinder mit einem Durchmesser von rund zehn Metern ist alles, was von Wasgen Ambarzumjans einstigem Arbeitsplatz noch übrig ist. Manchmal gehe er an dem 1600-Tonnen-Koloss vorbei und streichele liebevoll über die rostbraune Oberfläche, erzählt der frühere Marinesoldat Besuchern mit einem Augenzwinkern.

25 Jahre diente der Armenier als Offizier in der sowjetischen Nordflotte auf einem von zwei Kernreaktoren angetriebenen U-Boot. Mittlerweile arbeitet er für die Entsorgungsfirma Sewrao, eine Tochter der russischen Staatsholding Rosatom. Die Sowjetunion ist längst Geschichte und damit auch ihr einstiger Stolz: Die meisten Atom-U-Boote wurden in ihre Einzelteile zerlegt. Von 1955 bis zum Zerfall der UdSSR im Jahr 1991 produzierte die Sowjetunion mehr als 240 Schiffe mit Nuklearantrieb - so viele wie kein anderes Land der Erde. Heute wird die russische Atom-U-Boot-Flotte auf nur noch 30 Einheiten geschätzt.

Der Atommüllberg wächst

Die Überreste von Ambarzumjans Schiff liegen aufgebockt auf einer mehr als einen Meter dicken Betonplatte in der Sajda-Bucht, rund 50 Kilometer von der russischen Hafenstadt Murmansk entfernt. Dort, nördlich des Polarkreises, wo es im Winter nicht richtig hell wird und im Sommer nicht richtig dunkel, entsteht ein Langzeitzwischenlager für die Reaktorsektionen der ausgemusterten Schiffe.

Wenn der russische Präsident Dmitri Medwedew und sein amerikanischer Amtskollege Barack Obama am Donnerstag in Prag das Nachfolgeabkommen des Start-Vertrags unterzeichnen, ist zwar ein weiter wichtiger Schritt zur Abrüstung der Atomwaffenarsenale getan. Gleichzeitig wächst aber der Atommüllberg. Dann müssen nicht nur die abgerüsteten Sprengköpfe, sondern auch die Trägersysteme, also Raketen, Langstreckenbomber, Abschussrampen und weitere U-Boote entsorgt werden - die Kosten sind bislang kaum abschätzbar.

20 Milliarden Dollar im Kampf gegen die Strahlung

In Murmansk wird sichtbar, welch große Aufgabe den ehemaligen Atommächten noch bevorsteht. Als Moskau nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion rund 200 Atom-U-Boote ausmusterte, wurden die schwimmenden Reaktoren einfach in den Buchten der Kola-Halbinsel verankert und mithilfe von Pressluft und Schwimmdocks an der Wasseroberfläche gehalten. Doch die Bewegungen der Eisplatten und das Salzwasser setzten den Booten bald zu, radioaktives Material drohte zu entweichen.

Erst Jahre später schreckten Berichte über auslaufende Tanks mit radioaktiven Flüssigkeiten, in der Barentssee verklappte Brennstäbe und gesunkene Atom-U-Boote die weltweite Öffentlichkeit auf. 2002 verabschiedeten die G8-Staaten in Kanada schließlich ein 20-Milliarden-Dollar- Programm gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und -materialien. Ein Großteil des Geldes kommt Russland zugute.

Das Misstrauen reiste mit

Die Anlage in der Sajda-Bucht ist Teil dieser globalen Partnerschaft. Mit 600 Mio. Euro finanziert Deutschland im Rahmen des G8-Programms den Bau des Langzeitzwischenlagers und eines Entsorgungszentrums. Etwa 40 Prozent der Summe fließen über Aufträge an deutsche Unternehmen zurück. Ein Konsortium der Konzerne Hochtief und MAN errichtet die Reparaturhalle, das Rostocker Maschinenbauunternehmen IMG lieferte ein Schwerlastsystem, sogar das Zementwerk kommt aus Deutschland.

Über die Verwendung der Millionen am Polarmeer wachen die Energiewerke Nord (EWN) aus Mecklenburg-Vorpommern. Zuhause hat das Unternehmen im Bundesbesitz bereits Erfahrungen beim Rückbau von DDR-Reaktoren russischer Bauart in Rheinsberg und Greifswald gesammelt.

Projektleiter Detlef Mietann kommt mit den Russen gut zurecht. Er spricht nicht nur ihre Sprache fließend, er teilt auch ihre Leidenschaft fürs Angeln. Trotz dieser Gemeinsamkeiten war der Anfang nicht leicht. Die deutschen Projektmitarbeiter mussten sich das Vertrauen ihrer russischen Kollegen erarbeiten, erzählt Mietann, der mit seiner beigen Strickmütze und der Pfeife im Mundwinkel an einen Seemann erinnert. Nur zweimal pro Monat darf der Projektleiter aus Lubmin anreisen und die Baustelle inspizieren. In den ersten Jahren wurden die EWN-Mitarbeiter bei jedem Besuch in dem streng bewachten militärischen Sperrgebiet von Mitarbeitern des russischen Geheimdiensts FSB begleitet. Dass gerade Deutsche die Entsorgung der sowjetischen Nordflotte übernehmen, sei für einige Russen schon "gewöhnungsbedürftig" gewesen, räumt Mietann ein. Auch das Prinzip "Zuerst die Arbeit, dann das Geld" wurde zunächst nur widerwillig akzeptiert.

Endlagerung verursacht immense Kosten

Neben dem 5,5 Hektar großen Zwischenlager, wo bereits 33 Reaktorsektionen abgewrackter U-Boote aufgebockt sind, entsteht das Fundament für das Entsorgungszentrum, das einmal den Atommüll aus dem gesamten Nordwesten Russlands aufnehmen soll. Die Arbeiten gehen nur langsam voran. Schnee und Minusgrade gibt es fast das ganze Jahr über. Die Arbeiter stellen mit riesigen Heizstrahlern beheizte Wärmezelte auf. 2014 soll alles fertig sein.

Bis dahin müssen die rund 170 Meter langen U-Boote zunächst in die nahe gelegene Nerpa-Werft geschleppt und dort in ihre Einzelteile zerlegt werden. Das Zersägen eines Schiffs kostet allein rund sechs Millionen Euro. Abgebrannte Brennstäbe werden ins Atommülllager nach Majak in der Region Tscheljabinsk transportiert, die stark verstrahlten Reaktorsektionen in einer Art Sarkophag konserviert und mit Speziallack geschützt. Alle zehn Jahre muss dieser Lack erneuert werden.

Tausende Brennstäbe warten auf Entsorgung

Wie es mit dem neuen Entsorgungszentrum nach dem Auslaufen der globalen Partnerschaft in zwei Jahren weitergehen soll, ist unklar. "Bisher hat noch keiner der Partner erklärt, sich weiter engagieren zu wollen", sagt Mietann. Angesichts der russischen Pläne, in den nächsten 20 Jahren 1500 Milliarden Rubel (rund 43,5 Milliarden Euro) in den Ausbau der Atomenergie zu stecken, ist die Motivation der internationalen Partner gering, weiter die Entsorgung des russischen Atomschrotts zu finanzieren.

Zu tun gäbe es genug: Die Kola-Halbinsel ist wohl die größte Atommüllhalde der Welt. Schätzungen zufolge sollen sich dort 20 Prozent aller Kernreaktoren weltweit befinden - vor allem aus U-Booten, aber auch aus anderen atomgetriebenen Marineschiffen oder Leuchtfeuern. In der Andrejewa- und der Gremicha-Bucht ticken Tausende Zeitbomben. Nach den Angaben der Umweltschutzorganisation Bellona lagern allein in der Andrejewa-Bucht noch immer 21.000 ausgebrannte Brennstäbe.

Mit der Bergung des Versorgungsschiffs "Lepse" im Hafen von Murmansk soll jetzt ein drängendes Problem gelöst werden. Der über 70 Jahre Dampfer diente lange als mobiles Zwischenlager für die schwer beschädigten und abgebrannten Brennstäbe des Atom-Eisbrechers "Lenin". 2008 sicherte die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung der Staatsholding Rostam rund 40 Mio. Euro zu, damit sie die Entsorgung in Angriff nimmt.

"Rosatom ist wie ein dunkler Wald"

"Wie hoch die Kosten tatsächlich sein werden, weiß niemand", sagt Bellona-Experte Andrej Solotkow, der einst als Chemiker auf der "Lepse" arbeitete. Und unklar ist nach Einschätzung der Kritiker auch, ob die Millionen der Bank ihr Ziel erreichen. Denn die russische Atomindustrie ist kaum zu durchblicken. "Rosatom ist wie ein dunkler Wald. Es fließt eine Menge Geld, aber keiner weiß genau, wohin", sagt Solotkow. Externe Kontrolle gibt es praktisch nicht, unabhängige Experten erhalten keinen Zugang zu den Objekten. Auch die Sajda-Bucht ist für sie gesperrt. "Dort wird zwar sehr viel Geld investiert, aber der Prozess geht nur langsam voran", moniert der 23-jährige Atomkraftgegner Witali Serwetnik von der Murmansker Organisation "Umwelt und Jugend". Die Zutrittsbeschränkungen sollen nicht nur Umweltschützer abhalten, sondern auch andere unliebsame Besucher. Nicht erst seit den Anschlägen auf die Moskauer Metro Ende März ist die Terrorgefahr ein Thema. Das Zwischenlager ist von einer hohen Mauer mit Stacheldraht und Wachtürmen umgeben. Und es sei so angelegt, dass es auch den Absturz einer Boeing aushalte, versichert Anatoli Warnawin vom physikalisch-technischen Kurtschatow-Institut in Moskau, das ebenfalls an dem Projekt in der Sajda-Bucht beteiligt ist. Terroristen hätten keine Chance. "Unsere Leute können innerhalb von drei Sekunden auf einen Anschlag reagieren", sagt Warnawin, der früher ebenfalls auf einem Atom-U-Boot diente.

Die Entsorgung der Altlasten des Kalten Krieges wird noch Jahrzehnte dauern. Die Anlage in der Sajda- Bucht ist für 100 Jahre angelegt: 30 Jahre sind für die Entsorgung veranschlagt, 70 Jahre für die Zwischenlagerung, dann erst kann die Endlagerung vorbereitet werden. "Wir haben damals nur darauf geschaut, das Land zu verteidigen", erinnert sich Ex-Sowjet-Offizier Ambarzumjan. "Über die Entsorgung hat sich kein Mensch Gedanken gemacht."

FTD