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EU-Beitritt: Jubelstimmung in Ankara

Mit überschwänglicher Freude haben die Türken auf den Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen reagiert. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel zeigte sich indes stolz auf die harte Haltung Österreichs - Außenministerin Plassnik habe eine Tapferkeitsmedaille verdient.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat den formellen Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen am Dienstag als "riesigen Schritt" gewürdigt. "Das ist ein Erfolg für die Türkei, das ist ein Erfolg für alle, das ist ein Erfolg für unser Volk", sagte der Regierungschef in Ankara. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat die Aufnahme der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei begrüßt. "Damit löst die Europäische Union ein Versprechen ein, das der Türkei vor mehr als vierzig Jahren gegeben worden ist", erklärte Schröder in Berlin. Eine Türkei, die zeige, dass der Islam und die Werte der europäischen Aufklärung im Einklang stehen, bedeute einen enormen Zuwachs an Stabilität und Sicherheit für Europa und darüber hinaus.

"Hallo Europa"

Mit überschwänglicher Freude hat die türkische Presse auf den Beginn der Verhandlungen reagiert. "Hallo Europa", grüßte die auflagenstärkste Zeitung "Hürriyet". Unter der Schlagzeile "Wiener Walzer" schrieb das Blatt unter Anspielung auf die Widerstände Österreichs: "Zwei Mal in der Geschichte sind wir vor den Toren Wiens umgekehrt. Jetzt betreten wir Europa auf dem Weg des Friedens und der Zusammenarbeit." Der 42 Jahre alte Traum der Türkei von der EU werde Wirklichkeit.

"Die Reise hat begonnen", titelte die liberale Zeitung "Radikal" und sprach von einem "Happy End: Die Türkei und die EU sitzen am Verhandlungstisch." Von "einem neuen Europa, einer neuen Türkei" schwärmte das Massenblatt "Milliyet". Zum ersten Mal habe sich Europa mit einem islamischen Land an den Tisch gesetzt und damit "einen lebenswichtigen Schritt getan, um eine globale Macht zu werden". Das Massenblatt "Sabah" pflichtete bei: "Die Türkei und die EU haben ihr Schicksal vereint, die Zivilisationen umarmen sich". Mit dem Treffen in Luxemburg habe ein "neues Zeitalter" begonnen.

Sind Sie für einen baldigen EU-Beitritt der Türkei?

Nach tagelangem Streit läuteten die Außenminister der EU und der Türkei in der Nacht den Beginn der Gespräche ein. Die Verhandlungen sollten eigentlich bereits am Montag beginnen. Die Türkei habe "die wichtigste Phase" auf dem Weg zu einem seit 40 Jahren verfolgten Ziel geschafft, sagte Erdogan. Die offizielle Aufnahme der Verhandlungen bedeute eine "gemeinsame Entscheidung zu Gunsten der Verbindung der Kulturen".

Der türkische Außenminister Abdullah Gül war am Montagabend aus Ankara nach Luxemburg gereist, nachdem sich die EU und die türkische Regierung zuvor auf das Verhandlungsmandat geeinigt hatten. Wegen der Blockadehaltung Österreichs stand der Beginn der Verhandlungen lange auf der Kippe. Wien hatte gefordert, dass neben einer Vollmitgliedschaft auch über eine Alternative mit der Türkei beraten werden sollte, konnte sich damit aber nicht durchsetzen. Es wird erwartet, dass die Verhandlungen mit Ankara mindestens zehn Jahre dauern.

Schüssels Stolz

Der österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hat das Verhalten seiner Regierung verteidigt. Er sei stolz auf die harte Haltung Österreichs, sagte Schüssel dem Rundfunksender ORF. Außenministerin Ursula Plassnik habe eine Tapferkeitsmedaille verdient. Auch Vizekanzler Hubert Gorbach von der rechtsgerichteten Partei Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) erklärte, dass Österreich das einzige Land in der EU gewesen sei, das für eine klarere Definition des Verhandlungsmandats eingetreten sei. Österreich übernimmt ab Januar die rotierende Ratspräsidentschaft der Europäischen Union. Nach den schwierigen Verhandlungen zu den Beitrittsverhandlungen mit der Türkei wächst in der EU die Sorge, ob die Mitte-rechts-Regierung in Wien die europäische Integration wirksam vorantreiben kann.

Kroatien hat den Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen mit Erleichterung und Dankbarkeit für Österreich aufgenommen. "Danke Österreich", titelte am Dienstag die Tageszeitung "24 sata" auf Deutsch. Der kroatische Ministerpräsident Ivo Sanader hofft, dass der Beitritt seines Landes bereits 2008 erfolgen kann. Österreich habe hartnäckig darauf bestanden, dass die EU bei der Aufnahme von Beitrittsgesprächen mit Kroatien und der Türkei keine doppelten Standards verfolgen dürfe, sagte der Zagreber Politikwissenschaftler Stojan De Prato. "Man kann nicht massenhafte Menschenrechtsverletzungen in der Türkei unter den Teppich kehren und dann Kroatien wegen eines einzigen Flüchtlings auf Eis legen".

Die EU hatte die Aufnahme von Beitrittsgesprächen mit Kroatien im März ausgesetzt, weil der wegen Kriegsverbrechen gesuchte General Ante Gotovina bislang nicht an das Tribunal in Den Haag ausgeliefert wurde. Chefanklägerin Carla Del Ponte warf der Regierung in Zagreb lange vor, Gotovina zu schützen. Erst am Montag änderte sie ihre Position und erklärte, Kroatien sei bei der Fahndung nach dem General kooperativ.

AP/DPA / AP / DPA