EU-Gipfel Rollmöpse als Doping für Europa


Offizielle Fortschritte gab es am ersten Gipfeltag noch nicht, aber hinter den Kulissen haben die EU-Staatenlenker in Brüssel begonnen, über die Zukunft Europas zu streiten, zu feilschen und zu verhandeln. Sie stellten die Weichen für die alles entscheidende Nacht.
Von Florian Güßgen, Brüssel

Das Wichtigste zuerst: Zunächst gab's an diesem ersten Gipfelabend Rollmops vom Seesaibling mit Frankfurter Grüner Soße. Als Hauptgericht folgten mit Artischocken gefüllte Rinderrouladen, begleitet von glasierten Karotten und Kartoffel-Schnittlauchpüree. Nach der gepflegten Käse-Auswahl erwartete die EU-Staatenlenker eine Werderaner Kaltschale von Sauerkirschen mit Vanille-Milchreispudding. Gereicht wurde ein Weißwein aus der Pfalz. Ein Burgunder, Spätlese anno 2006.

"Das ist eine harte Verhandlung"

Nein, viel mehr harte, belastbare Nachrichten gibt es von diesem ersten Gipfeltag in Brüssel, vom Auftakt dieser für Europa so wichtigen Verhandlungen kaum zu berichten. Noch ist die heiße Phase nicht erreicht. Am Donnerstag machten sich die 27 Staats- und Regierungschefs lediglich warm, plusterten sich ein wenig auf, knufften sich, plänkelten, ohne sich weh zu tun. Den Beitritt Zyperns und Maltas zur Eurozone beschlossen sie, sie lauschten bedächtig den mahnenden Worten des EU-Parlamentspräsidenten Hans-Gert Pöttering. Und beim Abendessen (siehe oben) im obersten Stockwerk des festungsartigen Gebäudes des Europäischen Rates in Brüssel durften alle noch einmal ihre Positionen darstellen.

Es war deshalb kaum verwunderlich, dass auch die Ratsvorsitzende Angela Merkel noch nichts Weltbewegendes verkünden konnte, als sie um halb zwölf Uhr nachts im rappelvollen Pressesaal vor die Journalisten trat. "Es ist heute nicht der Zeitpunkt, an dem man sagen kann, dieser oder jener Kompromiss ist ausgearbeitet", beschied sie lakonisch. Ob eine Übereinstimmung zwischen den Staaten am Ende möglich sei, das könne man jetzt noch nicht sagen. Die Streitpunkte seien bekannt. Dass sie kompliziert seien, sei auch kein Geheimnis. Nun ja. Kommissionschef Jose Manuel Barroso fügte fast schon lyrisch hinzu. "Das ist eine harte Verhandlung. Wir haben zwar zu Abend gegessen, aber eigentlich war das nur das Entrée." Ans Eingemachte, richtig ernst, soll das heißen, wird es erst am Freitag und vermutlich am frühen Samstagmorgen. Dann wird sich entscheiden, ob die Deutschen die widerspenstigen Polen zum Einlenken bewegen kann, ob die Briten nachgeben - und ob am Schluss ein Ergebnis erzielt werden kann, dass der EU wirklich nutzt. Nur Super-Optimisten hoffen auf eine Einigung am Freitagabend. Realisten rechnen mit einem Kompromiss spät in der Nacht zum Samstag. Skeptiker glauben an ein Scheitern am frühen Samstagmorgen.

Hinter den Kulissen wird gestritten, gefeilscht und verhandelt

Dass es offiziell noch keine harten Neuigkeiten gibt, bedeutet jedoch keineswegs, dass nichts passiert wäre im Herzen des Brüsseler Europaviertels. Im Gegenteil. Hinter den Kulissen wurde auch am Donnerstag zäh über die Reform der EU gestritten, gefeilscht, verhandelt. Mal zu zweit. Mal zu dritt. Spielräume wurden ausgelotet, Kompromissmöglichkeiten, Brücken wurden gesucht. "Die Atmosphäre war heute nicht eine der Drohung, sondern eine Atmosphäre von Verständnis", berichtete Merkel, die Chefin, den Journalisten im besten Diplomatendeutsch. Sie wirkte erschöpft. Es schien, als habe sie einen langen Abend vor sich. Auch im Erdgeschoss des Gebäudes, dort, wo die Journalisten an langen Tischreihen arbeiten, wo überall Telefone, Laptops und Kameras stehen, summte und surrte es bereits. In unzähligen Sprachen. Es ist ein Jahrmarkt von Gerüchten und Spekulationen. Gedealt wird im klassischen EU-Chinesisch. "Schon gehört? Die Franzosen haben angeblich einen Vorschlag zur doppelten Mehrheit! Die Polen sind ungefähr auf Linie." -"Ach, wirklich? Wie könnte das denn aussehen? Was sagen die Deutschen?" Vereinzelt kamen bereits die Spin-Doktoren hinunter, die Sprecher der Bosse, um Informationshappen an die Medien zu verfüttern. Schlagartig, spontan bildeten sich Menschentrauben, Blöcke wurden gezückt und Mikrofone aufgefahren. "Was hat der gesagt? Gibt's was Neues?" Gipfelspielchen, Verhandlungsgeplänkel.

Die Ministerin mit den Perlmuttohrringen

Der größten Unterhaltungswert hatte dieser erste Gipfeltag noch, als Merkel und ihr Außenminister Frank-Walter Steinmeier die werten Kollegen Staatenlenker nebst Außenministern und Außenministerinnen am späten Nachmittag persönlich empfingen, wie diese vorfuhren, dann an den spießrutenähnlichen Mikrofonen vorbeiliefen, um den beiden Deutschen die Hände zu schütteln oder sie sogar, jawohl, mehr oder weniger herzlich zu küssen. Der polnische Präsident Lech Kaczynski, der Pariah unter den Gästen, schüttelte Merkel etwa nur kurz die Hand. Seine Außenministerin guckte so grimmig, als wolle sie Merkel eine Quadratwurzel verschlucken lassen. Der Franzose Nicholas Sarkozy stürmte dagegen in fast schon Stoiberscher Manier zackig - und als einziger mit Akten unterm Arm - auf "Chère Angela" zu, um sie dann überschwänglich zu herzen. Den Vorzeige-Europäer Jean-Claude Juncker, den Luxemburger, empfing Merkel für ihre Verhältnisse auffallend herzlich. Man konnte beobachten, wie die österreichische Außenministerin Ursula Plassnik, ganz in Weiß und mit unendlich langen Perlmuttohrringen, Steinmeier um einen Kopf überragte, und dass ihn mit der griechischen Kollegin dasselbe Schicksal ereilte.

Und vor allem konnte man ein heiteres Staatschef-Raten starten, weil die EU mittlerweile so viele Mitglieder hat, dass man selbst als politisch interessierter Mensch die Gesichter und Namen aller entscheidenden Politiker merken kann. War der mit der dicken Nase der Lette? Oder war das der Grieche? Und muss man die Jungs aus Malta nicht eigentlich am Teint erkennen. Zur fröhlichen Auflösung hat der Deutsche Vorsitz vorsichtshalber ein Heftchen verteilen lassen: In dem befinden sich alle Chefs und Chefinnen - mit Bild.


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