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EU-Studie: Sturm auf die Botschaften

Eine halbe Million Israelis verfügen über den Pass eines EU-Staates. Weitere 700.000 können ihn beantragen, weil sie selbst oder ihre Eltern aus einem Mitgliedstaat stammen. Vor den Botschaften bilden sich bereits Warteschlangen.

Mehr als 1,1 Millionen Israelis könnten bald den Pass eines EU-Landes besitzen, wenn sie dies wünschen. Eine Mitgliedschaft des Staates Israel im "exklusivsten Club der Welt", wie die israelische Zeitung "Maariv" die Europäische Union beschrieb, liegt zwar in weiter Ferne. Jeder fünfte Israeli könnte diesen Schritt aber mit der EU-Erweiterung zum 1. Mai um acht Staaten aus Mitteleuropa sowie Zypern und Malta individuell vollziehen, wie eine EU-Studie jetzt ergab.

Sechs Prozent der mehr als sechs Millionen Israelis verfügen bereits über den Pass eines EU-Staates. Weitere 14 Prozent, etwa 700 000 Israelis, können ihn beantragen, weil sie selbst oder ihre Eltern aus einem der alten oder der neuen Mitgliedstaaten stammen. Nach Medienberichten stürmen seit Monaten Tausende von Israelis die Botschaften der betroffenen Staaten, um einen der begehrten Ausweise zu bekommen. Der Ansturm sei "so extrem, dass manche Botschaften ihm einfach nicht mehr gewachsen" seien, schrieb die Zeitung "Jediot Achronot". Vor den Botschaften Polens, Ungarns und Tschechiens seien immer wieder lange Warteschlangen zu sehen.

Wöchentlich mehr als 120 Anfragen

Allein in der polnischen Botschaft gehen wöchentlich mehr als 120 Anfragen ein. 2003 wurden dort insgesamt mehr als 6000 Passanträge eingereicht. In Israel leben nach Schätzungen 300 000 Menschen, die ein Recht auf einen polnischen Pass geltend machen können.

Ungeachtet der immer wieder aufkommenden politischen Spannungen unterhalten Israel und die EU seit Jahren rege Handelsbeziehungen. Sie hatten 1995 ein Assoziationsabkommen unterzeichnet, das fünf Jahre später in Kraft trat. Die EU ist Israels wichtigster Handelspartner: Etwa 40 Prozent der israelischen Importe kommen aus Unionsländern, und Israel exportiert dorthin 30 Prozent seiner Waren.

Die EU-Studie zeigte aber auch die tiefe Ambivalenz Israels Europa gegenüber auf. So glauben danach drei Viertel der Israelis, die EU sei im Nahost-Konflikt einseitig pro-palästinensisch eingestellt. Bei vielen schwinge im Zusammenhang mit Europa immer noch der Gedanke an jahrhundertelange Judenverfolgungen und den Holocaust mit.

Europäischer Pass als "Versicherungspolice"

Ein europäischer Pass scheint dennoch für viele Israelis angesichts der instabilen politischen Lage eine Art "Versicherungspolice" zu sein. "Es kann nicht schaden, einen ausländischen Pass zu haben", sagte der 54-jährige Mordechai Gil, der einen polnischen Pass beantragt hat. "Ich liebe Israel, aber man kann nie wissen, was morgen sein wird." Andere erhoffen sich von dem Pass Erleichterungen für Reisen oder Studien in Europa und auch den USA. Israelis mit Pass eines EU-Landes können auch in Staaten reisen, die ihnen normalerweise versperrt bleiben würden.

Zu einem Zeitpunkt, an dem Israel eine mehr als 600 Kilometer lange Sperranlage im Westjordanland baut, blickt so mancher Israeli mit leisem Neid auf die fallenden Grenzen in Europa. Ein Kommentator der Zeitung "Maariv" meinte: "Viele Israelis schauen mit sehnsüchtigen Augen auf das erweiterte Europa und wollen mit auf der Party tanzen".

Sara Lemel/DPA / DPA