Falluja Augen zu und durch


US-Truppen haben das Zentrum des Aufstands im Irak nach schwerem Kampf eingenommen. Doch dem Ziel, das Land zu befrieden, sind sie ferner denn je.

Es dauerte viele Tage, die Stadt einzunehmen. Dabei war sie nicht einmal sonderlich groß, lag in flachem Land und wurde von unterlegen bewaffneten Aufständischen gegen die machtvollste Militärmaschinerie der Welt verteidigt. Ihr Fall allerdings, verkündete das US-Oberkommando, sei ein vernichtender Schlag für den Gegner, ja bedeute die Wende in diesem Krieg.

Die Rede ist von der Stadt Hue in Vietnam 1968. Der Sieg wäre nur noch eine Frage der Zeit, hieß es damals aus Washington. Nun ist der Irak nicht Vietnam. Aber ob Hue damals oder Falluja heute: Die Realitätsblindheit, mit der die US- Army Schlacht für Schlacht tiefer ins Desaster marschiert, scheint abermals die gleiche zu sein.

Seit Montag vergangener Woche kämpfen sich die Amerikaner mit Luftangriffen, Panzerverbänden und Infanterie durch die Provinzstadt 60 Kilometer westlich von Bagdad, haben Falluja von Wasser-, Strom-, Nahrungsversorgung und dem Rest der Welt abgeschnitten. Weil arabische Namen schwer auszusprechen sind, haben sie den Vierteln die Namen New Yorker Stadtteile gegeben. Den Beschwörungen aus den Lautsprechern der Moscheen sind sie mit Heavy-Metal-Klängen begegnet.

Über die Lage

in der Stadt gibt es kein klares Bild. Ob nun die US-Truppen - wie sie sagen - bis zu 1000 Aufständische getötet haben oder - wie irakische Augenzeugen berichten - Hunderte von Zivilisten, bleibt ebenso umstritten wie die Anzahl der Bewohner, die in der Kampfzone festsitzen. Beide Seiten, US-Offiziere und Aufständische, haben in den vergangenen Monaten groteske Lügen verkündet. Eines aber steht außer Zweifel: dass die Amerikaner Falluja einnehmen werden.

Nur, was für ein Sieg wird das? Ein paar Wochen, ein paar Tage der lauernden Unterwerfung? Bis die irakischen Aufständischen und ausländischen Dschihad-Pilger auf 1001 Schleichwegen wieder zurückströmen? Die meisten Kämpfer, so ein geflohener Einwohner Fallujas gegenüber dem stern, hatten die Stadt ohnehin schon vor den Angriffen verlassen - um andernorts zuzuschlagen. Bereits am zweiten Tag der Offensive fiel Ramadi, die westliche Nachbarstadt Fallujas, für Stunden in die Hände von Aufständischen. In Bagdad besetzten Kämpfer mehrere Tigrisbrücken. Mosul, die Metropole des Nordens, entgleitet Tag für Tag mehr der Kontrolle durch amerikanische und irakische Truppen. Allein neun Polizeistationen wurden dort vergangene Woche gestürmt, viele Polizisten verließen ihre Posten oder wechselten sogar die Seiten, woraufhin die US-Militärs den Polizeichef von Mosul entließen - und der von Samarra zurücktrat. Jener Stadt, die sie nur Wochen zuvor als "befreit" gemeldet hatten und in der an einem Tag vor anderthalb Wochen 33 Menschen bei Selbstmordattacken starben.

Phantom Fury,

zorniges Phantom, taufte das Pentagon seinen Feldzug gegen Falluja. Selten war ein Codename treffender gewählt. Die Truppen jagen einem Phantom nach, das sie nicht töten, sondern nur stärker machen. Vor Monaten schon, im Kampf um Samarra, hat es Captain Todd Brown von der IV. Infanteriedivision in einem Memorandum beschrieben. Brown, einer der klügsten amerikanischen Offiziere im Irak, nannte es "the rule of five", die Regel der fünf. Für jeden getöteten, verletzten, auch nur gedemütigten Iraker stehen fünf auf, ihn zu rächen. Die fünf müsse man bekämpfen. Woraufhin 25 neue aufstünden. Und so weiter. Dass dieser Krieg zu gewinnen sei, behauptet er nicht. Das tun seine Vorgesetzten, und Journalisten beten ihr Diktum nach, wenn sie von der "Entscheidungsschlacht" um Falluja schreiben.

Dabei wird diese Schlacht weder eine Entscheidung noch einen Sieg bringen. Sondern die Amerikaner immer tiefer hineintreiben in den Kampf einer ausländischen Besatzungsmacht gegen einheimische Guerillagruppen - die schon als Sieg ausgeben können, wenn sie die Operationen irgendwie überstehen. Einzelne Niederlagen haben in den vergangenen Jahrzehnten noch kein Volk davon abgebracht, sich weiter gegen ausländische Besatzungstruppen zu wehren: nicht in Indochina, nicht in Algerien, nicht im Libanon, nicht in Tschetschenien.

Kaum vorstellbar erscheint heute, dass Falluja sich vor 18 Monaten in den ersten Tagen des Irak-Kriegs den einrückenden Amerikanern gänzlich kampflos ergab. So wie Hit, eine Kleinstadt etwas weiter nordwestlich, am Euphrat gelegen. Dort hat es bis heute keine schweren Kämpfe zwischen Irakern und den Amerikanern gegeben. Aus einem schlichten Grund: Weil die dort nie einmarschiert sind. In Falluja hingegen haben sie ihr Hauptquartier aufgeschlagen, im Obergeschoss einer Schule im Stadtzentrum. Empört darüber, dass Ungläubige nun in ihre Häuser und ihre Frauen sehen könnten, formierten sich Einwohner der Stadt zu einem Protestzug. US-Soldaten erschossen 17 unbewaffnete Demonstranten. Der Hass war gesät.

Statt Falluja fortan

zu meiden, taten die US-Truppen immer wieder das Gegenteil. Auf Razzien folgten Anschläge, woraufhin es mehr Razzien gab, was neue Anschläge zur Folge hatte. Dazu kam, dass mit der Auflösung der Armee gerade in Städten wie Falluja und Mosul mehrere hunderttausend Familien auf einmal vor dem Nichts standen. Als Ende März vier Söldner, die im Auftrag der US-Armee unterwegs waren, im Zentrum Fallujas nicht bloß umgebracht, sondern ihre Leichen verstümmelt, verbrannt und an einer Brücke aufgehängt wurden, befahl US-Präsident Bush persönlich den Rachefeldzug. Der brachte das Land an den Rand der völligen Anarchie, verwandelte Falluja zu Teilen in eine Trümmerlandschaft und wurde mehrere hundert tote Iraker später abgebrochen, weil die Bilder und Berichte aus dem größten Krankenhaus der Stadt die Militäroperation zu einem PR-Desaster werden ließen.

Um das Begonnene nun zu Ende zu führen, sind die Marines, unterstützt von irakischen Einheiten, diesmal in sechsfacher Truppenstärke angetreten - und haben als Erstes das Krankenhaus einnehmen lassen. Damit sie, wenn schon nicht die Lage, so doch wenigstens die Bilder kontrollieren können.

Dabei ignorieren

sie, dass sie - ebenso wie diese und jede kommende irakische Regierung - vor einem ganz anderen Problem stehen, für das niemand eine friedliche Lösung hat: Ein halbes Jahrtausend lang herrschten in Bagdad Sunniten. Als Statthalter des Osmanischen Reiches, als König von Londons Gnaden, als Diktator. Den Sunniten, obschon nur ein gut ein Fünftel der Bevölkerung, gehörte buchstäblich der Irak. Sie besetzten die Schlüsselstellungen in Staat und Wirtschaft. Mit Saddams Fall haben sie ihre Privilegien verloren, ihre Jobs und, sobald die ersten Wahlen stattgefunden haben, auch endgültig den Staat.

So tief war ihr Sturz, dass sie viele Monate gebraucht haben, um sein Ausmaß zu begreifen. Noch im April empörte sich ein Unternehmer in Ramadi, der zuvor ein Monopol für den Import von Baumaschinen besessen hatte: "Stellt euch vor, jetzt importiert ein Schiit aus dem Süden Bagger! Ein Schiit! Ist das nicht kriminell?!" Die Günstlinge von einst haben vom versprochenen neuen Irak, von Wahlen und einer Herrschaft der schiitischen Mehrheit wenig zu erwarten. Umso offener sind sie für die Predigten der Bin-Laden-Jünger, die dem Kampf der Verlierer eine neue Heimat und einen klingenden Namen geben: Dschihad. Gegen Amerikaner, Christen, Schiiten, Kurden, Polizisten, gegen alle, die anders sind. Falluja wurde nach dem US-Rückzug im April zur Hochburg der Dschihadisten, die dort eine Art Taliban-Regime im Kleinen errichteten, Cafés und Videotheken schlossen, die letzten Alkoholhändler erschossen und untereinander um die Macht kämpften. Seit April sei die Stadt "voller Saddam-Anhänger, Gotteskämpfer und Gauner" gewesen, sagte Ahmed al-Duleimi, der seinen kleinen Laden und sein Haus im Viertel Jolan, Fallujas Hauptkampfzone, lieber verließ.

Ein Irak,

der in Krieg und Chaos versinkt, käme den sunnitischen Kämpfern nur recht. Eine US-Armee, die den Irakern "Freiheit und Demokratie" zu bringen verspricht, indem sie ihre Städte bombardiert, immer mehr Iraker erst gegen sich aufbringt und dann umbringt, spielt ihnen in die Hände. Auch dass sich Premierminister Ijad Allawi, Bagdads neuer starker Mann von Washingtons Gnaden, hinter den Angriff auf Falluja stellt, macht die Lage nicht besser, sondern gefährlicher. Die US-Kommandeure nutzen die neu ausgehobenen irakischen Truppen. Aber es ist längst noch nicht klar, wer hier wen benutzt: Allawi ist Schiit, die mächtigsten Generäle der neuen Nationalgarde sind Schiiten und Kurden, aber angegriffen werden sunnitische Städte.

Die Amerikaner verfolgen die kurzsichtigen Ziele eines Besatzungsregimes, das um jeden Preis erobern will - ohne zu wissen, wofür eigentlich. Saddam zu stürzen war die leichtere Übung. Aber die gesamte irakische Machtstruktur zu zerschlagen bedeutet, dass sie nun unter all den Stämmen, Ethnien, Konfessionen neu ausgehandelt werden muss. Und das wird sie in einem Land voller Waffen und der Tradition der Gewalt im Zweifelsfall auf dem Weg des Bürgerkriegs.

Einerseits verkündet Allawi nun gebetsmühlenhaft, dass die Wahlen Ende Januar auf jeden Fall stattfinden werden - andererseits lässt er sie mit jedem Tag der Kriegsausweitung unmöglicher werden. Die größte sunnitische Partei hat bereits zum Wahlboykott aufgerufen; Allawi wiederum hat alle Grundrechte aufheben und den Notstand ausrufen lassen. Er habe, mutmaßen viele Sunniten, kein allzu großes Interesse an geregelten Wahlen in sunnitischen Städten - denn dort würde er verlieren.

Vor dem Sturm auf Falluja

bot Allawi der Stadt Schonung an, wenn sie denn Abu Musab al-Zarqawi, den Patron vieler Selbstmordanschläge, ausliefere - mitten in der Offensive aber teilten dann die amerikanischen Armeesprecher mit, dass man ja gar nicht wisse, ob Zarqawi sich in Falluja aufhalte. Unter Sunniten macht ein neuer Witz die Runde: Zarqawi, was auf Arabisch auch "der Blaue" heißt, sei nur ein Vorwand. Sollte er doch einmal gefangen werden, werde als nächstes dann eben nach "Hamrawi" gefahndet, dem Roten.

Christoph Reuter print

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