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Flächenbrand in Nahost Volkes Zorn ist Herrschers Angst


Nicht nur in Ägypten brennt es, nicht nur in Kairo ist das Volk wütend. Der Überblick über eine Region in Aufruhr, in der die Massen ihre Langzeitherrscher in Panik versetzen.

Die Revolution in Tunesien hat die arabische Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Ausgelöst vom raschen Sturz des tunesischen Präsidenten Zine al Abidine Ben Ali gehen in vielen Ländern die Menschen auf die Straßen - nicht nur in Ägypten brodelt es. Dort allerdings mit Abstand am heftigsten. Auslöser ist stets eine Mischung aus wirtschaftlicher Not bis hin zur Nahrungsmittelknappheit und jahrelang aufgestauter Frustration über eine Machtelite, die ihre Herrschaft und Pfründe autokratisch sichert und nötigenfalls brutal von Polizei und Armee sichern lässt. Die Revolten haben Auswirkungen auf das politische Machtgleichgewicht in einer bedeutsamen Region. Die USA drohen an Bedeutung in der Region zu verlieren - die Regierung Mubarak in Ägypten ist genau wie andere Regime in der Region ein treuer Verbündeter. Ein Überblick über die Aufruhr in den ägyptischen Nachbarländern.

Tunesien

64 000 Quadratkilometer, 10,4 Millionen Einwohner.

Den Tunesiern gehen die Veränderungen in ihrem Land nicht weit genug. Der verhasste Ex-Präsident Ben Ali ist auf der Flucht und wird wegen illegaler Bereicherung per internationalem Haftbefehl gesucht. Trotz einer weitgehenden Regierungsumbildung halten die Proteste aber an. Die Figur des Anstoßes: Ministerpräsident Mohammed Ghannouchi, der als einer von drei alten Gefolgsleute von Ben Ali in der Übergangsregierung verbleibt. So forderten am Freitag mehr als 1000 Demonstranten vor dem provisorischen Regierungssitz in Tunis seinen Rücktritt. Die einflussreiche Gewerkschaft UGTT hat immerhin signalisiert, dass sie ihn zwar nicht unterstützt, aber tolerieren würde.

Am Vortag hatten die meisten Vertreter der alten Garde nach tagelangen Protesten die Übergangsregierung verlassen. Schlüsselressorts wie Verteidigung, Inneres, Äußeres und Finanzen werden neu besetzt. Sie waren bisher mit Gefolgsleuten Ben Alis besetzt, die sich - neben Ghannouchi - jetzt nur noch in untergeordneten Rollen im Industrie- und Planungsministerium finden.

Die Übergangsregierung soll das Land nach der Flucht des autoritären Ex-Präsidenten auf Neuwahlen vorbereiten.

Für Ben Ali, der zunächst in Saudi-Arabien unterkam, wird die Luft währenddessen immer dünner. Kanada will seinen Angehörigen kein Asyl gewähren. "Sie sind nicht willkommen. Lassen Sie es mich ganz klar sagen: Wir würden sie nicht hier in unserem Land begrüßen", zitierte die "Montreal Gazette" den kanadischen Premierminister Stephen Harper.

Algerien

2,38 Millionen Quadratkilometer, 33 Millionen Einwohner.

Im zwischen den Protesthochburgen Tunesien und Ägypten eingekeilten Land gab es zu Beginn des Monats in vielen Städten, darunter der Hauptstadt Algier, tagelange Unruhen. Sie wurden ausgelöst durch eine Anhebung der Lebensmittelpreise. Seit Januar zündeten sich in dem Land mindestens neun Menschen an. In Tunesien begann die Protestwelle mit einer Selbstanzündung. Um die Lage zu entschärfen, beschloss die Regierung eine Erhöhung der Weizenlieferungen an die Provinzen. So orderte Algerien am Mittwoch 800.000 Tonnen Weizen. Mit Erfolg: Große Proteste gibt es derzeit nicht, auch wenn die Opposition die Freilassung von politischen Gefangenen sowie der Wiederherstellung der in der Verfassung garantierten individuellen Freiheiten fordert.

Präsident Abd al-Aziz Bouteflika herrscht seit 1999 in dem Land, und bei seiner Wiederwahl kam er auf ein Ergebnis, das an alte Ostblock-Wahlen erinnert: Mehr als 90 Prozent der Stimmen konnte der Algerier auf sich vereinen. Astrein geht es unter Bouteflika - wie in der Region üblich - nicht zu. Seine Wahl vor zwölf Jahren soll durch Manipulationen durch das Militär möglich geworden sein. Bewiesen wurde das nie. Allerdings findet seine Politik der "Nationalen Aussöhnung" mit der Wiedereingliederung von Ex-Terroristen in die Gesellschaft breite Zustimmung.

Jordanien

89 000 Quadratkilometer, 5,7 Millionen Einwohner.

Auch in Jordanien gehen derzeit tausende Menschen für politische Reformen auf die Straße. Sie forderten die Entlassung der Regierung von Premierminister Samir Rifai.

Die größte Demonstration ging am Freitag von der großen Husseini-Moschee im Zentrum der Hauptstadt Amann aus. Ähnliche Proteste wurden von Augenzeugen auch aus den Städten Irbid, Ajloun, Mafraq und Aqaba gemeldet. Die Demonstranten trugen Transparente und riefen in Sprechchören König Abdullah II. auf, die Regierung Rifai zu entlassen. Diese habe die Erwartungen der Menschen enttäuscht.

Dabei hatte die Staatsführung bereits auf Proteste reagiert: Die Preise für Benzin und Grundnahrungsmittel wurden eilig gesenkt.

Jemen

536.869 Quadratkilometer, 22,9 Millionen Einwohner

Hier ist die Lage ohnehin fragil - und nun demonstrierten Tausende gegen die Regierung und forderten einen Machtwechsel. Die Regierungspartei organisierte Gegenkundgebungen, die ebenfalls tausende Menschen anzogen.

Die Menschen fordern mehr Freiheiten vom Regime in Sanaa, dem auch vorgeworfen wird, den USA zu viel Freiheiten zu geben. Die Amerikaner jagen in Jemen nach Angehörigen des Terrornetzwerks Al-Kaida. Terroristen haben sich in dem Staat breit gemacht. Ein Umsturz wäre für die USA gerade im Jemen besonders problematisch.

Präsident Ali Abdallah Saleh war 1978 an die Macht gelangt. Erst 21 Jahre später wurde zum ersten Mal demokratisch gewählt. Der heute 68-Jährige siegte und wurde 2006 für weitere sieben Jahre gewählt. Eigentlich wäre 2013 Schluss für den Langzeitherrscher, doch Saleh will jetzt die Verfassung ändern - ein weiterer Grund für den Volkszorn.

Das Land ist tief gespalten, der Süden versucht sich immer wieder abzusetzen, 1994 gab es einen Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd. Im Norden ist die Elite des Landes zuhause, der Süden bietet den Terrorsten Unterschlupf. Jemen steht an der Grenze zu einem gescheiterten Staat wie Somalia.

ben/DPA/Reuters DPA Reuters

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