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Jesidinnen im Nordirak: Gerettet aus den Fängen des Islamischen Staats

Tausende Jesidinnen sind in den Händen des Islamischen Staats. Sie werden verkauft, verschenkt, vergewaltigt. Chalil, 38 und Jurist, versucht sie zu befreien. Der stern hat ihn begleitet - Andrea Ritter über die Recherche in Kurdistan.

Erin Trieb in Dahuk

Fotografin Erin Trieb mit Kindern aus dem Flüchtlingslager

Dahuk ist eine Stadt, in der schon lange mehr Flüchtlinge als Einwohner leben. Ein Zurück gibt es für die meisten schon lange nicht mehr. Dicht an dicht stehen die weißen Zelte, jedes von ihnen ein Floß, ein Schutzraum für Gestrandete. Hier, im kurdischen Teil des Irak, lebt auch Liya, 16 Jahre alt. Sie ist Jesidin und war bis vor Kurzem noch Gefangene des Islamischen Staats. Eine von zahllose Frauen und Mädchen, die die Dschihadisten als Sklavinnen halten, als Lustmädchen, als Geschenke für die Krieger, als Beute.

Chalils Telefon steht nie still

Als sie in den Händen des IS war, wollte sie sich umbringen. Doch sie konnte fliehen - mit Hilfe von Chalil - einem Vertrauensmann der Jesiden, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, möglichst viele Frauen aus ihrer Gefangenschaft zu befreien. Die stern-Reportinnen Andrea Ritter und Theresa Breuer waren zusammen mit der Fotografin Erin Trieb in Kurdistan und berichten in ihrer Reportage "Am Leben" von den fürchterlichen Schicksalen der Frauen und ihrem Retter Chalil, 38 Jahre alt und Jurist, dessen Telefon nie stillsteht. 

Ritter Breuer im Nordirak

Chalil wurde von Theresa Breuer, Andrea Ritter, Erin Trieb und Übersetzer Hasan Ashwor (v.l.) bei der Befreiung verschleppter Jesidinnen begleitet


Andrea Ritter über Chalil und die Recherche im Nordirak:

Die Frauen und Mädchen, die wir bei unseren Recherchen getroffen haben, leben in den Flüchtlingslagern ringsum Dohuk. Nach Erbil ist der Ort die zweitgrößte Stadt in der autonomen Region Kurdistan. Das von kurdischen Peshmerga geschützte Gebiet ist eine sichere Zone in der Region. 

Theresa Breuer hatte bei ihren Vorrecherchen im Nordirak schon vor längerer Zeit von einem Anwalt gehört, der von Dahuk aus Befreiungsaktionen im Gebiet des Islamischen Staates durchführt. Chalil al Dachi koordiniert ein Netzwerk von Männern, die vom Islamischen Staat entführte Frauen und Mädchen über die Frontlinien nach Kurdistan schmuggeln, wo ihre Familien warten. 

Es wird immer schwieriger, die Frauen zu befreien

Chalil hatte nichts dagegen, dass wir ihn für eine Reportage begleiten, sofern wir sensible Informationen über Standorte und Personen geheim halten. Wann und ob eine Befreiungsaktion stattfinden kann, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab: Die Situation an der Front, die Wachsamkeit der Wärter vor den Häusern der IS-Kämpfer, dem Grad der Bestechlichkeit von Taxifahrern oder Kioskbesitzern, die im IS-Gebiet wohnen und wegschauen oder schweigen sollen. Chalil organisiert alles mit seinem Handy, das unentwegt klingelt. Oft erlebten wir ihn nervös oder abgeschlagen, denn es wird immer schwieriger, die Frauen zu befreien.

Frau vor Zelt

Ein Moment der Ruhe im Flüchtlingslager von Dahuk


Aber, auch das erlebten wir: Chalil ist ein Mann, der sich seiner Sache bedingungslos hingibt. Er müsste all das nicht machen, er ist verheiratet, hat eine kleine Tochter. Aber er kennt viele der verschleppten Frauen persönlich; er kennt ihre Familien. Und was jene, die zurückgekehrt sind, berichten, ist schrecklich. Die Frauen erzählen von Vergewaltigungen, von Schlägen mit Stöcken und Kabeln, von den Selbstmorden ihrer Mitgefangenen. Und während sie erzählen kann man sehen, wie der Horror des Erlebten in ihren Köpfen weitergeht.

Am Leben - Mithilfe von Schmugglern entkommen Jesidinnen dem Islamischen Staat. Lesen Sie die Reportage im neuen stern