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Fordern statt fördern: Experten erwarten strengere Vorschriften für die Erdölindustrie

Die Ölpest im Golf von Mexiko wird Branchenkennern zufolge spürbare Konsequenzen für die Erdölindustrie zur Folge haben. Ein Blick in die Zukunft.

Mit der Ölpest im Golf vom Mexiko infolge der Havarie einer BP-Bohrinsel ist offenbar geworden, wie lax die Vorschriften für die Erdölindustrie sind und wie wenig sie auf den schlimmsten Fall vorbereitet ist. Das, so erwarten Experten, wird sich ändern.

Die Aufsichtsbehörden dürften in Zukunft strenger sein mit Genehmigungen, Inspektionen und den technischen Anforderungen. Die Politik will die Unternehmen stärker für die Kosten künftiger Säuberungsaktionen zur Kasse bitten. Und die Versicherungen werden die Prämien für solche riskanten Unternehmungen wohl saftig erhöhen.

Sorgfältigere Überwachung und höhere Kosten sind die Sache wert, findet der Branchenkenner Fadel Gheit von der Investmentberatung Oppenheimer & Co. "Das ist ein wesentlicher Industriezweig, und wir dürfen einfach nicht zulassen, dass er sich selbst zerstört."

Drosselung der Offshore-Förderung nicht zu erwarten

Was sich nach Ansicht der Fachleute nicht ändern wird, ist die zunehmende Ausbeutung von Öl- und Gasvorkommen in der Tiefsee. Die weltweite Offshore-Fördermenge hat sich im vergangenen Jahrzehnt verdreifacht und wird sich in den kommenden fünf Jahren voraussichtlich verdoppeln. Aus einem einfachen Grund: Unter dem Meeresgrund liegen die besten Vorkommen.

Seit dem Unglück auf der "Deepwater Horizon" am 20. April strömen zehntausende Tonnen Öl ins Meer, ohne dass es BP bislang gelungen ist, das Leck abzudichten. Der US-Kongress und Ermittler versuchen sich noch immer Klarheit über die genaue Ursache der Explosion zu verschaffen.

Höhere Steuer, bessere Sicherheitsventile

Konsequenzen der Behörden und der Branche selbst für die Zukunft stehen noch aus. Doch Experten erwarten folgende Schritte:

- Strengere Genehmigungsverfahren und Inspektionsvorgaben. Die Aufsichtsbehörden könnten von den Bohrunternehmen konkretere Notfallpläne für einen sogenannten Blowout verlangen, einem explosiven Ausbruch von Erdöl oder -gas bei Tiefbohrungen, wie er zum Untergang der "Deepwater Horizon" führte. Nach Beginn der Bohrung könnten häufigere Inspektionen Pflicht werden.

- Höhere Steuersätze und Versicherungsprämien. Die Regierung von Präsident Barack Obama will die Abgabe pro Barrel erhöhen, die die Mineralölunternehmen in einen Haftungsfonds zahlen. Das könnte die Branche etliche Millionen Dollar jährlich kosten. Zudem könnten die Prämien für die Sachversicherung um 25 bis 30 Prozent und für die Haftpflichtversicherung bis zu 200 Prozent erhöht werden, wie der Versicherungsexperte Jay Gelb von Barclays Capital vermutet.

- Zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen auf Bohrinseln. Auf der "Deepwater Horizon" versagte der Blowout Preventer, die Schutzvorrichtung, die bei plötzlichem Überdruck einen Öl- oder Gasausbruch verhindert. Die Hersteller könnten verpflichtet werden, diese Sicherheitsventile so zu verbessern, dass sie auch unter hohem Druck in großer Tiefe sicher funktionieren. Möglicherweise werden auch mehr doppelte Sicherungssysteme verlangt wie fernbediente Schalter, wie sie in Norwegen üblich sind, um sicherzustellen, dass das Ventil auch schließt.

Kosten verkraftbar

Neue Sicherheitsmaßnahmen werden Bohrungen noch teurer machen, doch Ölmultis wie BP dürften nach Einschätzung von Fachleuten keine Probleme damit haben. Die zusätzliche Sicherheitsausrüstung beispielsweise, wie sie auf Bohrinseln vor Norwegen die Regel ist, kann 30.000 bis 50.000 Dollar mehr kosten als das im Golf von Mexiko übliche Gerät. Zum Vergleich: Allein das Leasen einer Bohrinsel kostet die Ölfirmen bis zu 500.000 Dollar jeden Tag.

Mehr lästige Vorschriften allerdings könnten für manche Unternehmen abschreckend wirken. Ein griechisches Tankerunternehmen ließ deshalb diese Woche Pläne fallen, ins Bohrgeschäft einzusteigen. Doch die großen Firmen wie BP, Chevron oder Royal Dutch Shell werden wohl nicht so bald die Segel streichen. "Im nächsten Jahrzehnt werden nicht weniger Autos auf den Straßen fahren", sagt John Hoffmeister, der frühere Shell-Präsident und Autor eines Buchs mit dem Titel "Warum wir Ölgesellschaften hassen".

Keine sofortige Alternative

Weltweit werden dem Beratungsunternehmen IHS CERA zufolge derzeit fünf Millionen Barrel Öl pro Tag aus der See gefördert. Das sind sechs Prozent der weltweiten Nachfrage - im Jahr 2000 waren es noch zwei Prozent. In den USA stammt ein Drittel der heimischen Förderung aus dem Golf von Mexiko, wo BP das vorherrschende Unternehmen ist.

Im Kongress hat die Begeisterung für Offshore-Bohrungen seit dem Unglück nachgelassen. Doch Präsident Obama bleibt dabei, dass eine Ausweitung der Tiefsee-Förderung ein wichtiger Bestandteil der US-Energiepolitik ist. Die Ölförderung sei mit großen Risiken verbunden, räumt der Biotechnologie-Professor Greg Stephanopoulos ein, "aber wir haben keine Alternativen, die morgen schon eingesetzt werden könnten".

Chris Kahn, APN / APN