HOME

Fußball-Katastrophe von Ägypten: Ultras im Krieg

Ägyptens Fußball-Ultras gehörten zur Speerspitze der Revolution. Und beim Massaker von Port Said bekamen einige den Hass des alten Systems zu spüren. So der Verdacht im Volk.

Von Niels Kruse

Woche für Woche liefern sich Fans rund um die Fußballstadien Ägyptens Schlägereien - entweder untereinander oder mit der Polizei. Die Aggression ist keine Erfindung der Nach-Mubarak-Ära. Ex-Bundesliga-Coach Rainer Zobel erinnert sich an seine Zeit als Trainer beim Vorzeigeverein Al Ahli, dessen Fans jetzt zu Opfern wurden: "Wir mussten mit gepanzerten Autos aus dem Stadion gebracht werden, denn für die Ägypter ist Fußball wie eine Religion." Unrühmlicher Höhepunkt: November 2009. Damals, beim alles entscheidenden WM-Qualifikationsspiel zwischen Ägypten und Algerien, stürmte eine Horde ägyptischer Hooligans auf Anhänger und Mannschaft Algeriens zu und bewarf sie mit Steinen und anderen Gegenständen. Bilanz der unseligen Abends: Mehr als 30 Verletzte, davon 20 Algerier. Die Polizei war damals anwesend und ließ den Mob großzügig gewähren.

Zumindest dieser Umstand erinnert an das viel größere Unglück, das sich nun in Port Said abgespielt hat. In einer fürchterlichen Gewaltorgie ist das Spiel zwischen den Topfavoriten al Ahli aus Kairo und al Masri ausgeartet, das der Underdog mit 3:1 gewann. Die Zuschauer hatten sich nach dem Schlusspfiff regelrecht in einen Blutrausch gesteigert, und bewaffnet mit Stangen, Steinen, Flaschen und Messern Jagd auf Spieler und gegnerische Fans gemacht. Bilanz der blutigen Ausschreitungen: 71 Tote, rund 1000 Verletzte. Und erneut gerät die Polizei in die Kritik, der von so gut wie allen Seiten vorgeworfen wird, zugeschaut und nichts gegen den Exzess getan zu haben.

Die Ultras kennen Schlagstöcke und fürchten sie nicht

Die offensichtliche Untätigkeit der Sicherheitskräfte nährte schon wenige Stunden nach der Katastrophe den Verdacht, dass die Gewalt kein spontaner Massenwutausbruch war, sondern eine geplante Aktion. Al Ahlis Mannschaftsarzt sagte der Zeitung "Al Masry Al Youm": "Das ist Krieg und kein Fußball." In den sozialen Netzwerken werden die Menschen deutlicher: "Es ist die Rache des Systems", schreibt ein Ägypter und meint damit: Die alten Schergen des gestürzten Diktators Husni Mubarak schicken ihre Leute ins Feld gegen die Revolution. Denn die ist durchaus in den Fußballstadien zu Hause, wie etwa bei den Ultras von al Ahli. Vor ziemlich genau einem Jahr, als die Kairoer begannen, zu Tausenden auf dem Tahrir-Platz zu demonstrieren, waren die jungen Fans mittendrin: "Wir haben keine Angst vor der Polizei, denn schwingende Knüppel und Tränengas sind für uns nichts Neues. Es war ganz selbstverständlich, dass wir ganz vorne mit dabei waren, als die Menschen auf der Straße kämpften", erzählte der Ultra Amr Fahmy dem Fußballmagazin "11 Freunde".

Die fanatischen Anhänger gelten seitdem als "Speerspitze der ägyptischen Revolution" und sind vielen Anhängern des alten Systems ein Dorn im Auge - auch weil sie sich weiterhin in die tägliche Politik einmischen und regelmäßig gegen die Militärregierung protestieren. Viele Ägypter glauben deshalb, dass das Blutbad von Port Said eine Rache der Generäle sei. Die Oppositionspartei 6. April ging das Militär scharf an und machte es für das Massaker verantwortlich. Die Militärs verursachten Chaos, um die Ägypter davon zu überzeugen, dass das Land ohne den Militärrat nicht zu regieren sei, wie ein Oppositioneller sagte. Dazu, so die Vermutung vieler Ägypter, hätten sie die Hilfe bezahlter Schläger in Anspruch genommen und sie auf die Stadionränge beordert.

Handgelder für Schlägertrupps

Für die Ägypter wäre auch das nichts Neues. Berufsschläger werden seit Jahren immer wieder eingesetzt, um für "Ordnung zu sorgen". Wie etwa bei den Protesten auf dem Tahrir-Platz, als sie regelmäßig zur Einschüchterung der Bürger eingesetzt wurden. Besonders in Wahlzeiten unter Mubarak wurde das Volk auf diese Art gefügig gemacht. Dabei muss nicht einmal der regierende Militärrat dahinter stecken. Berichte machen die Runde, dass alte Kader der früher regiernden Nationaldemokraten und mit dem alten Regime verbundene Geschäftsleute Handgelder an Unruhestifter zahlen.

Auch Jürgen Stryjak, freier Journalist in Kairo glaubt, dass hinter den jüngsten Ausschreitungen Kräfte stecken, die den gesellschaftlichen Umbruch im Land in ein schlechtes Licht rücken wollen. "Sie manipulieren die Menschen, in dem sie ihnen zeigen, dass die Revolution nur zu Anarchie und Chaos, Unsicherheit und Instabilität führt. Und bei Ahmed Normalverbraucher funktioniert diese Taktik auch ganz gut." Der Ausdruck, der im Ausland entsteht: Der arabische Frühling hat ein Jahr später ein trauriges Ende genommen, #link;ägyptischhttp://www.stern.de/politik/ausland/parlamentswahlen-in-aegypten-arabischer-herbst-1756250.html;ist erst zum arabischen Herbst# und jetzt endgültig zum arabischen Chaos geworden.

Rainer Zobel, der auch andere ägyptische Vereine trainiert hat, gibt allerdings auch zu bedenken: "Mit Verschwörungstheorien ist man im arabischen Raum schnell bei der Hand. Ich kann mir auch vorstellen, dass es banale Dinge waren, die die Situation so eskalieren ließ."

Schließen die Ultras nun einen Burgfrieden?

Die in der Kritik stehenden Generäle haben keine 24 Stunden nach den Ausschreitungen nun erste Konsequenzen gezogen: Zum einen wurde der Gouverneur von Port Said abgelöst - der überraschend und ausnahmsweise nicht beim Spiel anwesend war. Zudem wurde kurzerhand die Führung des ägyptischen Fußballverbandes abgesetzt. Das riecht zwar nach Bauernopfer, allerdings hat sich schon im Sommer vergangenen Jahres ein Großteil der Profivereine von dem Verband abgewandt.

Krawalle auch am Donnerstagabend

Offen ist noch, wie die Ultras reagieren werden. Weil die Polizei ihr gemeinsames Feindbild ist, ist nicht auszuschließen, dass sie eine Art Burgfrieden schließen werden. Schon vor einigen Tagen gab es Anzeichen dafür, dass die Anhänger von al Ahli und des anderen großen Kairoer Klubs, al Samalek, zusammenrücken. Per Facebook haben die Samalek-Ultras für ein Ende des "Blutvergießens" plädiert, was von den Ahli-Ultras mit einem Smiley kommentiert wurde.

Am Donnerstagabend gab es vor dem Regierungsgebäude Krawalle, die Polizei trieb Demonstranten mit Tränengas auseinander, die ihr Untätigkeit in Port Said vorwaren. Ob es vereinte Fans von Samalek und al Ahli waren, ist zur Stunde allerdings nicht bekannt. "Das wäre so", sagt Rainer Zobel, "als würden die Fans von Schalke 04 und Borussia Dortmund gemeinsame Sache machen."