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G8- und G20-Gipfel in Kanada: Kaffeefahrt de luxe statt Monsterjagd

Sie machen die Welt unsicher, immer noch: die "Monster" der Finanzmärkte. Vor der G-Gipfelei muss ihnen jedoch nicht bange sein. Viel eher bekriegen sich in Kanada Amerikaner und Europäer.

Von Florian Güßgen

Die Nachrichtenagentur DPA hat sich anlässlich des Weltenlenker-Auftriebs in Kanada etwas Lustiges einfallen lassen. Weil die G-Gipfelei insgesamt locker 860 Millionen Euro kostet, haben die Kollegen darüber spekuliert, was man für diese Summe alternativ kaufen könnte. Drei Flieger vom Typ Airbus A380 etwa, oder 10.000 Porsche Carrera 911. Oder, und hier wird es ernster, die Leben von 40.000 Müttern und 700.000 Säuglingen retten, oder Trinkwasserzugang für 50 Millionen Menschen in Entwicklungsländern einrichten.

Nein, schon klar. Die Vergleiche sind platt. So schnöde lassen sich die Kosten für hochpolitische Tête-à-Têtes nicht mit konkreten Hilfsalternativen verrechnen. Gleichwohl: Angesichts dessen, was in Kanada mutmaßlich herauskommt, kann man sich die hochwohlgeborenen G-Gipfel eigentlich auch schenken: Ein echtes, gemeinsames Vorgehen der Teilnehmer ist nicht absehbar, zu befürchten ist ein Verlautbarungsgipfel für nationale - oder regionale - Pläne im Kampf gegen die "Monster" (memento Horst Köhler) der Finanzmärkte. Manche Gipfelteilnehmer schwingen zwar mit Peitschen, bändigen werden sie die Viecher aber nicht.

Unfassbare Nachlässigkeiten

Beispiel Bankenabgabe: Die fordern zwar die Europäer, selbst die Amerikaner, aber mindestens Kanadier, Inder, Brasilianer und Australier sträuben sich. Eine Einigung darf man getrost knicken. Im Ergebnis wird es bei dem Projekt auf nationale Alleingänge hinauslaufen. Oder die Finanzmarkttransaktionssteuer. Die ist - aus guten Gründen - Lieblingsprojekt der Deutschen, aber derzeit so wenig durchsetzbar wie ewig währender Sonnenschein. Auch bei den strengeren Eigenkapitalregeln für Banken sieht's mau aus. Die sind beim vergangenen Gipfel in Pittsburgh mit Leidenschaft beschlossen worden und werden jetzt mit Leidenschaft verwässert und verzögert. Frühestens beim nächsten G-Treffen in Südkorea soll zumindest ein Rahmenkonzept stehen.

Einmal mehr zeigt sich, dass die Monster, die Akteure auf den Finanzmärkten, die Banken, die Hedge-Fonds, einzelne Spekulanten, weiterhin mit der Trägheit der Politik rechnen können, den Mühen des internationalen Regierens: Die Monster handeln vermeintlich global, werden aber nicht global, sondern bestenfalls regional reguliert - und das auch nur mit erheblicher Verzögerung. So groß kann der Schock einer Krise offenbar gar nicht sein, dass sich das ändert. Angesichts der Folgen der Finanzkrise ist das unfassbar.

Möchtegern-Monsterdompteuse Merkel

Statt einer ordentlichen Monsterjagd gibt's in Kanada also nur eine Kaffeefahrt de luxe, der Gipfelglanz dient vor allem als Scheinwerfer, um die nationalen Positionen fürs Publikum daheim zu beleuchten. Der ansonsten schwer gebeutelte US-Präsident Obama wird mit stolzgeschwellter Brust darauf verweisen, dass er es in letzter Minute, nämlich in der Nacht zu Freitag, doch noch geschafft hat, dass beide Kammern des Kongresses sich auf einen, auf seinen Entwurf für eine Reform der US-Finanzmärkte geeinigt haben. Und Angela Merkel, die Deutsche, wird sich Hand in Hand mit dem ungeliebten Franzosen Nicolas Sarkozy als Möchtegern-Monsterdompteuse aufspielen. Der Sache dient das nicht.

Für Unterhaltung dürfte auf dem Gipfel zudem ein ganz besonderer Bruderkampf dienen. Denn selten war die wirtschaftspolitische Kluft zwischen Europa und den USA so groß wie derzeit. Es geht um die alles entscheidende Frage: Wie hältst du's mit dem Sparen? Muss der Staat angesichts der prekären Konjunktur weiter Schulden machen und Geld ausgeben, um die Wirtschaft anzukurbeln, oder muss eisern gespart werden, um nachhaltig stabile Haushalte zu gewährleisten? Die Regierung in Washington, wortgewaltig unterstützt von Ökonomen wie dem Nobelpreisträger und "New York Times"-Kolumnisten Paul Krugman, verteufelt das Sparen und setzt die Europäer seit Monaten unter Druck: Die sollen doch, bitteschön, nicht so knausern, sondern stattdessen, viva Keynes!, schön Geld ausgeben, um damit vor allem auch Produkte aus den USA zu kaufen. Kann doch nicht angehen, dass gerade die Deutschen die Welt mit ihren Produkten beglücken, aber sich selber beim Shoppen in der Fremde so zurückhalten. Die US-Vertreter fürchten, dass die europäische Zurückhaltung den Konsum abwürgt - und damit auch das Wachstum in den USA. Präsident Obama schrieb in der Angelegenheit noch in der vergangenen Woche einen gesalzenen Brief an die Gipfelteilnehmer.

Ein teurer Plausch

Die Europäer - und da befinden sich Paris, London und Berlin in seltenem Einklang - wehren sich gegen die amerikanischen Begehrlichkeiten. Sie setzen auf einen Konsolidierungskurs, aufs Sparen - und positionieren sich eindeutig in dieser Auseinandersetzung, die von der Politik mit vergleichbarer ideologischer Leidenschaft ausgefochten wird wie von Ökonomen. Es ist möglicherweise der einzige echte Nutzen dieses Gipfels, dass er Raum für eine Art konfrontative, transatlantische Konfliktbewältigung bietet. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass die Europäer, die exzessive Staatsausgaben aus guten Gründen vermeiden wollen, von ihrer Haltung abrücken - aber zumindest könnte das Treffen die transatlantischen Wogen etwas glätten.

Sicher, eine Rechtfertigung für das teure G20-Tamtam ist das noch lange nicht. Aber immerhin können die Weltenlenker beim Kaffee drinnen etwas Sinnvolles anstellen, während draußen die Monster spielen und toben.