Gaza-Streifen Die zwei Gesichter der Hamas


Der Nahost-Gipfel in New York fand ohne die Hamas statt. Zwar geben sich die Herrscher des Gaza-Streifens neuerdings realpolitisch, doch die Bewohner haben nichts vom neuen Schmusekurs der Islamisten. Aber es gibt Ausnahmen.
Von Steffen Gassel, Gaza-Stadt

Seit mehr als zwei Jahren ist die Hamas in Gaza an der Macht. Doch wer dieser Tage in den kleinen sandigen Streifen Land am südöstlichen Rand des Mittelmeers reist, um mit den dortigen Herrschern zu sprechen, trifft keine grimmigen Radikalen. Sondern Leute wie Yahya Moussa, der bei Datteln und Blümchen-Tee im klimatisierten Büro willkommen heißt und Sätze sagt wie diesen: "Wir halten nichts vom Kampf der Kulturen. Wir wollen mit allen gute Beziehungen aufbauen."

In Zeiten von Barack Obamas neuer Außenpolitik könnte das zumindest in Ansätzen gelingen. Gern bestätigen Moussa und seine Fraktionskollegen ein ursprünglich geheimes Treffen von Hamas-Emissären mit Vertretern der Regierung Obama am Genfer See vor einigen Wochen. Unter Präsident Bush wäre so eine Annäherung undenkbar gewesen.

Ein Palästinenserstaat für die Hamas akzeptabel

Postwendend erklärte Hamas-Chef Mishal im Interview mit dem "Wall Street Journal", ein Palästinenserstaat in den Grenzen von 1967 sei für die Hamas akzeptabel. Kein Wort von der Zerstörung Israels, wie die Charta seiner Organisation sie bis heute verlangt. Die Hamas will als ernst zu nehmender Player im regionalen Machtgefüge anerkannt werden - und weiß, was der Preis dafür ist. Das Raketen- und Mörserfeuer auf israelische Städte hat sie seit dem dreiwöchigen Krieg im Januar dieses Jahres fast vollständig unterbunden.

In Gaza selbst ist von der neuen Hamas-Realpolitik bisher aber kaum etwas zu spüren. Im Gegenteil: Mit einer Kampagne zur Durchsetzung islamischer Sitten versucht die Partei seit Wochen, ihr islamisches Profil zu schärfen: Am Strand von Gaza herrscht jetzt Kopftuchzwang, Frauen dürfen in Restaurants nicht mehr Wasserpfeife rauchen und Mädchen, die zum Beginn des neuen Schuljahrs in Jeans erschienen, wurden wieder nach Hause geschickt mit der Aufforderung, in islamischem Gewand wiederzukommen. Offiziell allerdings will die Hamas mit den neuen Sittenregeln nichts zu tun haben: "Das sind alles böse Gerüchte. Das haben wir nicht angeordnet", sagt Yahya Moussa, "die Hamas ist immer eine weltoffene, tolerante Bewegung gewesen".

Wiederaufbau ist bis heute nicht in Gang gekommen

Derweil leiden die Menschen in Gaza weiter unter den Folgen des Krieges vom Januar. Der Wiederaufbau ist bis heute nicht in Gang gekommen, weil Israel den Import von Zement unterbindet. Der aber wird dringend benötigt. Nicht nur für den Aufbau zerstörter Wohnhäuser, sondern auch zur Instandsetzung der im Krieg zerstörten Kläranlage nördlich von Gaza-Stadt. Die Abwässer aus dem Landstreifen mit seinen 1,4 Millionen Einwohnern fließen seit Monaten ungeklärt ins Mittelmeer.

Die Fahrt von Gaza-Stadt nach Norden führt an den lecken Klärbecken vorüber, bissiger Kloaken-Gestank liegt über der Gegend. Im Ort Beit Lahia haben Mitarbeiter der deutschen Hilfsorganisation Medico das Erdgeschoss eines Hauses für einen Tag zur Gesundheitsstation umfunktioniert.

Die Hälfte der Kinder ist krank

Dutzende Frauen mit kleinen Kindern stehen vor der Tür Schlange. Mohammed Abu Schamar hastet von einem Patienten zum nächsten. "55 Prozent der Kinder kommen mit Änamie zu uns, viele haben Durchfall und Exzeme", sagt der Arzt. Mit seiner mobilen Klinik fährt er Tag für Tag in verschiedene Gegenden des Gaza-Streifens, bis zu 80 Patienten behandelt er bei jedem Stop. "Viele Menschen leben bis heute in überfüllten oder halb zerstörten Wohnungen mit katastrophalen Hygiene-Bedingungen", sagt der Arzt, "die Folgen davon sehe ich jeden Tag".

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Kein Warenverkehr aus Israel nach Gaza

Auch die Not der Gesunden in Gaza wächst mehr als eine halbes Jahr nach Ende des Krieges täglich. Die Wirtschaft liegt am Boden, weil Israel seine Blockade der Landgrenzen weiter aufrechterhält. Abgesehen vom Import einiger Medikamente und Grundnahrungsmittel, gibt es keinen Warenverkehr aus Israel nach Gaza - seit inzwischen mehr als zwei Jahren. Kaum jemand hat noch ein geregeltes Einkommen, im Zuge der Blockade haben 95 Prozent aller Betriebe geschlossen. Den Großteil der verbliebenen einheimischen Industrieanlagen im Osten von Gaza-Stadt machten israelische Panzer im Januar dem Erdboden gleich. Mit Hämmern und bloßen Händen wühlen sich Arbeiter dort bis heute durch die Trümmer um Eisenträger und andere wieder verwertbare Bauteile zu bergen.

Die Versorgung der Menschen hängt zu einem Großteil von den Lieferungen ab, die durch die Tunnel unter der südlichen Grenze zu Ägypten in den Gaza-Streifen gelangen. So weit das Auge reicht steht hier, in Sichtweite der ägyptischen Wachen, Verschlag um Verschlag im Wüstensand. Unter jedem führt ein Stollen in die Tiefe, meist aufwändig befestigt und mit Motorwinde, Licht und Telefonanlage ausgestattet. Zwischen 500 und 1000 dieser Röhren soll es geben. Laut Schätzungen palästinensischer Ökonomen arbeiten heute etwa 6000 Menschen in der Tunnelwirtschaft.

100 Dollar, ein exzellenter Lohn im Gaza-Streifen

Farid ist einer von ihnen, er mag Mitte zwanzig sein. Unter einem Wellblechdach steht er am Rand des 30 Meter tiefen Schachts, den er selbst mit ein paar Kollegen gegraben hat. Pro gegrabenen Meter haben sie 100 Dollar verdient, ein exzellenter Lohn im Gaza-Streifen. Die Bau-Finanzierung kam von einer Gruppe lokaler Geldgeber, die zusammenlegten, um die Steine zur Befestigung und die Arbeiter zu bezahlen.

Heute machen sie mit dem Import von all dem Profit, was Farid durch die Röhre heranschafft: Kühlschränke, Generatoren, Motorräder, Paletten mit Fruchtsäften und Nudeln. Sogar Pipelines sind unter der Grenze verlegt worden, über die Benzin aus Ägypten fließt. Industriediesel, der im völlig überlasteten Elektrizitätswerk von Gaza dringend gebraucht würde oder Zement, sind aber auch auf diesem Weg nicht zu haben. Das, so sagen viele hier, verhindere die ägyptische Regierung auf Druck Israels.

Israel nahm die Tunnel nie ernsthaft unter Beschuss

Die Angriffe der israelischen Luftwaffe auf die Tunnel sind indes selten geworden. Selbst im Januar-Krieg nahm Israel die Schmuggler-Röhren nicht ernsthaft unter Beschuss - obwohl die Regierung in Jerusalem immer wieder davor warnt, auf diesem Weg gelangten auch Waffen in die Hände der Hamas.

In Wirklichkeit haben sich die Mächtigen der Region mit der Tunnelwirtschaft gut arrangiert: Israel kann den Druck auf die Hamas aufrecht erhalten, ohne eine humanitäre Krise zu riskieren, für die es wegen seiner Blockade vom Westen verantwortlich gemacht würde. Ägypten entgeht der Kritik der arabischen Nachbarn, nicht genug für die geschundenen Menschen im Gaza-Streifen zu tun. Und die Hamas erhebt auf alles, was durch die Tunnel kommt, Zoll. Die wachsende Not in Gaza, aber scheint niemand zu kümmern.


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