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Gazastreifen: Der Krieg der Maulwürfe

Tunnelanlagen, Schmugglerbanden und Scharfschützen: An der Grenze des Gazastreifens zu Ägypten tobt ein Kampf um die Herrschaft unter Tage. Während die Israelis mit Bulldozern vorgehen, setzen die Schmuggler auf höchste Geheimhaltung.

An der Grenze des Gazastreifens zu Ägypten tobt ein Kampf um die Herrschaft unter Tage. Ein Tunnelnetzwerk, das palästinensische Schmuggler gegraben haben, macht die Stadt Rafah zu einem Brennpunkt im Konflikt mit den Israelis. Soldaten gehen mit Panzern, Bulldozern und unterirdische Sprengungen gegen die Erdbauten vor, um Waffen- und Sprengstoffschmuggel zu unterbinden. Geheimhaltung und das Untertauchen in der Zivilbevölkerung sind Trümpfe der Schmuggler.

"Die Soldaten kamen im Morgengrauen und fragten, wo der Tunnel sei. Ich wusste es nicht", sagt Sala Abu Taha (55). Sein Haus liegt in Trümmern. "Sie setzten mich mit in eine gepanzerte Planierraupe. Wir fuhren umher. Ich zählte mehr als 30 zerstörte Häuser", sagt er. Den Einstieg zum Tunnel hat das israelische Militär in einem verkohlten Haus auf einer anderen Straßenseite entdeckt, wo er noch immer zu sehen ist.

Gefährliches Rafah

Die Bevölkerung von Rafah - eine verarmte Stadt mit großen Flüchtlingsvierteln - zahlt den eigentlichen Preis in dem Konflikt. Rafah ist, gemessen an der Zahl der Getöteten, der gefährlichste Platz, wird vorgerechnet. Elf Prozent aller Toten des vor dreieinhalb Jahren begonnenen palästinensischen Aufstandes seien allein dort zu beklagen. Mehr als 1500 Häuser seien planiert. Aus Not ziehen ganze Familien in umgebaute Geschäftsräume und Autogaragen.

Das Risiko, entdeckt zu werden, haben Schmugglerbanden längst einkalkuliert. Am Anfang steht meist ein Abkommen zwischen einem Palästinenser und einem Ägypter auf der anderen Seite der Grenze, die mit Mauern und Zäunen blockiert und von Scharfschützen gesichert ist. Darunter graben junge Männer einen oft mehr als 400 Meter langen Tunnel. 50 000 bis 100 000 Euro koste der Bau einer solchen Erdröhre, die bis zu zwölf Meter unter der verbotenen Zone verlaufe, berichtet ein am Schmuggel Beteiligter.

"Die Arbeiten dauern drei Monate. Dafür gibt es dann aber auch Strom, Licht und einen elektrischen Wagen, der auf Schienen zwischen beiden Einstiegen fährt", sagt der junge Mann. "Wenn Nachbarn etwas merken, erkaufen wir ihr Schweigen", sagt er weiter. Die Gewinnspannen sind so groß, dass Hausbesitzern sogar Geld für die mögliche Zerstörung ihres Gebäudes garantiert werden kann.

"Wir sehen die Tunnel als große Bedrohung"

Fast alle neuen Waffen im Gazastreifen und Sprengstoff für Anschläge seien durch die Tunnelbauten gekommen, erklärt die israelische Armee. Hubschrauberflüge über dem Gazastreifen wurden eingeschränkt, weil die Helikopter wie im Irak abgeschossen werden könnten. "Wir sehen die Tunnel als eine große Bedrohung", sagt der Militärsprecher Asaf Liberty. "Sie erlauben die Fortsetzung des Terrorismus."

In drei Jahren habe das Militär Dutzende Tunnelanlagen gefunden und zerstört, heißt es. Es soll noch etwa ein Dutzend Tunnel geben. Sind die Einstiege nicht auszumachen, erzeugen vergrabene Bomben eine Art künstliches Erdbeben, das einen Einsturz erzwingen soll. Zudem wird an der Grenze ein mehrere hundert Meter breiter Sicherheitsstreifen durch die Wohngebiete planiert, wie der Augenschein deutlich macht.

Existenz weiterer Tunnel bestritten

Ein palästinensischer Sicherheitsoffizier in Rafah bestreitet, dass es noch Tunnel gibt, fügt aber direkt hinzu: "Und wenn es sie gäbe, würde das solche Zerstörungen rechtfertigen?" Israel solle doch zum Beweis moderne Waffen vorlegen, die eingeschmuggelt worden seien. Er fragt: "Wenn wir sie haben, warum werden sie nicht eingesetzt?"

Carsten Hoffmann / DPA