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Gescheiterte Regierungsbildung: Griechenland und die Kunst des Verwählens

Auch Mitte Juni werden die Griechen wohl wieder radikal links wählen - und damit ihr Ende als Euroland riskieren. Wissen sie, was sie tun? Ja, sagen viele. Aber es ist ihnen egal.

Von Andreas Albes, Athen

Nächsten Monat geht es für die Griechen also wieder an die Urnen. "Wahlen im Minenfeld", titelt die Zeitung "Ethnos". Und die "Unabhängige Presse" schreibt vom "drohenden Untergang". Griechenlands Politiker hätten es nicht geschafft, eine Regierung zu bilden, weil sie nur an sich denken würden: "Welche Schande." Das größte Blatt des Landes "Ta Nea" wendet sich mit einem Aufruf an die Leser. Der lässt sich etwa so zusammenfassen: Die Wahlen vom 6. Mai waren Wahlen der Wut, beim nächsten Mal, am 17. Juni, bitteschön, lasst uns wieder vernünftig sein.

Die kommende Abstimmung ist eine Schicksalswahl. Sie wird darüber entscheiden, ob Griechenland seinen Sparkurs fortsetzt und im Euro bleibt oder ob es alle Verträge mit der EU und dem Internationalen Währungsfond aufkündigt, was die Rückkehr zur Drachme bedeuten würde. Allein Montag und Dienstag wurden rund eine Milliarde Euro von griechischen Banken abgezogen. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was dem Land droht, wenn es die Euro-Zone wirklich verlässt.

Ende des Sparens, keine Rückzahlung der Schulden

In Brüssel und Berlin stehen Politiker und Experten nun ratlos da und versuchen zu verstehen, was passiert: Auf der einen Seite wollen 80 Prozent der Griechen den Euro behalten, anderseits sagen die Meinungsforscher jetzt schon voraus, dass die linksradikale Syriza-Partei sehr gute Chancen hat, nach den nächsten Wahlen als stärkste Kraft ins Parlament einzuziehen. Deren junger und smarter Chef Alexis Tsipras fordert: Ende der Sparmaßnahmen, Schluss mit der Privatisierung von Staatseigentum, Verstaatlichung der Banken - und: vorerst keine Rückzahlung irgendwelcher Schulden.

Das würde die EU nicht akzeptieren und schon gar nicht der Internationale Währungsfonds. Dennoch sieht Tsipras in seinen Forderungen kein Hindernis darin, in der Euro-Zone zu bleiben. Seine Argumentation: Die EU und allen voran Angela Merkel blöfften nur. Brüssel und Berlin würden versuchen, Athen zu erpressen. Doch in Wahrheit wolle niemand, dass die Griechen den Euro oder gar die EU verlassen. "Wir werden uns nicht erpressen lassen", sagt Tsipras.

"Tsipras verkauft den Menschen Träume"

Ex-Finanzminister Venizelos, Chef der sozialistischen Pasok-Partei, wirft dem Syriza-Chef vor: "Sie verkaufen den Menschen Träume." Auch die meisten Zeitungen kritisieren Alexis Tsipras als "realitätsfern". Im Radio läuft ständig der alte Schlager "Alexis" als ironische Anspielung. Im Text geht es ganz poetisch um ein verliebtes junges Mädchen: "In deinem Mathebuch versteckt sich hinter den Worten nur Alexis. Du fühlst Melancholie, deshalb schließ das Buch wieder." Eine Zeitung schreibt gar: "Wenn Tsipras so ein hübscher Junge ist, dann lasst ihn uns lieber zu einem Schönheitswettbewerb schicken und nicht in die Politik."

Die Tsipras-Anhänger wissen allerdings sehr wohl, worauf sie sich mit der Wahl von Syriza einlassen. Dass sie damit möglicherweise das Ende des Euro in Griechenland besiegeln. "Aber was hilft uns der Euro, wenn die Sparmaßnahmen unser Land auch so kaputt machen", sagt Kostas Dretakis, der sein kleines Schmuckgeschäft im Athener Zentrum vor einem Monat schließen musste. "Ich habe doch schon alles verloren. Schlimmer geht es nicht. Natürlich sehe ich das Risiko für unsere Zukunft. Anderseits kommen jetzt auf einmal Stimmen aus Brüssel, die sagen: 'Wir können doch über alles reden.' Es bewegt sich also was."

Es kann gewählt werden bis in die Ewigkeit

Natalia, eine Schauspielerin, die derzeit nur als Telefonansagerin etwas Geld verdient, beteuert: "Ich werde wieder Syriza wählen. Scheiß auf die Konsequenzen. Mein einziges Ziel ist, dass Nea Dimokratia und Pasok nie wieder an die Macht kommen. Diese Parteien waren die Pest für unser Land. Die haben es krank gemacht." Auch Natalia kennt das Risiko. Ihr Mann verkauft große Handelsschiffe und fürchtet nichts mehr als die Rückkehr zur Drachme. Er wählt Nea Dimokratia. "Wir streiten deshalb so schlimm, dass wir beschlossen haben, zu Hause nicht mehr über Politik zu reden", erzählt Natalia.

Syriza und die konservative Nea Dimokratia mit Parteichef Samaras sind nun die großen Widersacher für die kommende Wahl Mitte Juni. Beide Seiten liefern sich in den Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen und versuchen nun kleinere Parteien aus dem linken und rechten Lager auf ihre Seite zu ziehen. Oder möglichst gleich mit ihrer Partei zu verschmelzen. Denn die Besonderheit des griechischen Wahlrechts sieht vor, dass der Sieger automatisch einen Bonus von 50 Parlamentssitzen bekommt. Bei der vergangenen Wahl hat auch das nicht geholfen, eine Regierung zu bilden. Und womöglich passiert es demnächst erneut. Für diesen Fall kennt die griechische Verfassung übrigens keine Sonderregelung. Es kann gewählt werden bis in die Ewigkeit.