HOME

Gesellschaft: Frauen erobern die Politik

Mit knapp 50 Prozent hat das Parlament von Ruanda den größten Frauenanteil weltweit. "Daran ist der Krieg schuld", sagt die Vorsitzende des Nationalen Frauenrats, Berthe Mukamusoni.

Das sonnengelbe Parlamentsgebäude von Kigali ist von Einschusslöchern übersät. Am Montagmorgen um kurz vor neun herrscht emsiger Betrieb. Frisch geputzte Jeeps fahren vor, der Fahrer hält kurz vor dem Haupteingang, ein Parlamentsmitglied steigt aus. Dunkle Anzüge sind in der Versammlung der Volksvertreter von Ruanda keineswegs vorherrschend. Afrikanische Gewänder in leuchtenden Farben, extravagante Frisuren, bunte Turbane, schicke Kostüme in Pink oder Grün beherrschen das Bild: Ruanda hat mit knapp 50 Prozent weltweit den höchsten Anteil an weiblichen Abgeordneten.

"Daran ist der Krieg schuld", sagt Berthe Mukamusoni. Die Vorsitzende des Nationalen Frauenrats schwänzt nur zu gerne eine Sitzung, um von dem Aufschwung der Frauen in Ruanda zu berichten.

"Viele Männer waren tot oder saßen im Gefängnis"

Vom Bürgerkrieg und vom Völkermord, bei dem vor zehn Jahren knapp eine Million Hutus und gemäßigte Tutsis ums Leben kamen, waren auch Frauen betroffen - als Opfer und als Täterinnen. Doch als das zentralafrikanische Land Ende 1994 allmählich aus dem Albtraum erwachte, fanden sich deutlich mehr Frauen als Oberhäupter ihrer Familien wieder als zuvor. "Viele Männer waren tot oder saßen im Gefängnis", sagt Mukamusoni. "Wir Frauen haben gemerkt, dass wir alle dieselben Probleme hatten, unsere Familien zu ernähren und die Kinder alleine groß zu ziehen."

Die Unterscheidung zwischen Hutus und Tutsis habe für viele Frauen bald keine Rolle mehr gespielt. "Uns war klar, dass wir aus dem Elend nicht herauskommen würden, wenn wir Feinde blieben", meint Mukamusoni. Frauen in Ruanda seien keine Feministinnen, betont sie. "Wir wollen die Männer nicht ersetzen, sondern mit ihnen zusammenarbeiten. Sie sollen verstehen, dass es Unsinn wäre, auf unsere Kräfte zu verzichten."

39 Frauen schafften den Sprung ins Parlament

Ruanda hat im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit dem Völkermord, der am 7. April 1994 begann, Wahlen abgehalten. Im Grunde waren es die ersten Wahlen überhaupt, da erstmals mehrere Parteien zur Auswahl standen. 24 von 80 Sitzen waren für Frauen reserviert, aber am Ende haben 39 Frauen den Sprung ins Parlament geschafft und damit die Quote deutlich übertroffen. Kritiker führen dies unter anderem auf die straffe Hierarchie und Einflussnahme der führenden RPF-Partei zurück.

Heute beträgt der Frauenanteil im Parlament von Ruanda 48,8 Prozent, womit das kleine afrikanische Land Schweden mit 45 Prozent auf den zweiten Rang verwiesen hat. Weltweit liegt der Anteil weiblicher Volksvertreter nach Angaben der Internparlamentarischen Union nur bei durchschnittlich 15 Prozent. Auch die neue Verfassung von Ruanda weist deutlich frauenfreundliche Züge auf. 30 Prozent aller Entscheidungsträger-Posten müssen an Frauen vergeben werden. Und Frauen können jetzt ihre Nationalität an die Kinder vererben. "Wenn früher eine Frau einen Weißen heiratete, dann blieben ihre Kinder in Ruanda immer Ausländer", sagt Mukamusoni.

"Der Wiederaufbau ist wichtig"

Zehn Jahre nach dem Völkermord werden noch immer mehr als ein Drittel aller Haushalte von Frauen geführt. "Unsere wichtigste Aufgabe ist der Wiederaufbau des Landes", sagt Mukamusoni. "Wir denken nicht mehr darüber nach, wer Hutu und wer Tutsi ist. Wir sind alle Ruander, und wir schaffen es nur, wenn wir alle zusammen arbeiten."

Ulrike Koltermann / DPA