VG-Wort Pixel

Streit um Gibraltar Großbritannien will seine "Piratenhöhle" um keinen Preis rausrücken

Gibraltar Affenfelsen
Der berühmte Affenfelsen von Gibraltar
© Ben Birchall/DPA
Der Brexit ist bereits an der Südspitze Europas zu spüren: London und Madrid streiten sich wegen Gibraltar. Angeblich soll Großbritannien sogar zu einem Krieg bereit sein. Was wird aus der "Piratenhöhle", wie die Spanier den Flecken nennen?

Es gibt nur wenige Menschen, die in Spanien so unbeliebt sind wie Fabián Picardo. Im Streit zwischen Madrid und London um die Souveränitätsrechte über den Zwergstaat Gibraltar nimmt der resolute Chief Minister des britischen Territoriums im Süden der iberischen Halbinsel nie ein Blatt vor den Mund. Als nach dem Brexit-Votum Madrider Regierungspolitiker die Hoffnung äußerten, Gibraltar werde nach über 300 Jahren endlich bald wieder spanisch werden, konterte der 45-jährige Anwalt umgehend: Das werde weder in vier Jahren "noch in 4000 Jahren" der Fall sein.

Gibraltar - ein Flecken so groß wie Baltrum 

Unter den rund 30.000 Einwohnern Gibraltars findet man kaum jemanden, der Picardo widerspricht. Zu gut lebt es sich in dem Mini-Staat, der mit 6,5 Quadratkilometern etwa so klein ist wie die ostfriesische Insel Baltrum. Für Aufregung in Spanien und auf der Insel haben aber nun Äußerungen des Ex-Vorsitzenden der britischen Konservativen, Michael Howard, gesorgt. Er hatte nach Medienberichten erklärt, dass Premierministerin Theresa May zur Verteidigung Gibraltars zu einem Krieg bereit sei. Doch ein Regierungssprecher beeilte sich danach zu betonen, dass eine militärische Option ausgeschlossen sei.

In Gibraltar will ebenfalls niemand am Status Quo rütteln. Warum auch? Als die EU mit der Krise kämpfte, kletterte das Bruttoinlandsprodukt der Halbinsel mit dem berühmten Affenfelsen zwischen 2011 und 2015 um sagenhafte 49 Prozent. Das Prokopf-Einkommen lag zuletzt bei knapp 55.000 Pfund. Damit gehört das British Oversea Territory zu den reichsten Gebieten der Erde.

"Silicon Valley des Online-Glücksspiels"

Im Gegensatz zu Kuwait oder den Emiraten, die ähnliche Pro-Kopf-Einkommen haben, hat Gibraltar kein Erdöl. Und auch sonst keine Bodenschätze, um die man sich streiten könnte. Dafür ist man das, was man gemeinhin ein Steuerparadies nennt. Bis 2011 gab es überhaupt keine Körperschaftssteuer. Nun werden die Unternehmen zur Kasse gebeten, der Satz liegt mit zehn Prozent aber deutlich unter dem europäischen Schnitt. Das führte dazu, dass Gibraltar zu einem "Silicon Valley des Online-Glücksspiels" wurde, wie Picardo einmal im Interview mit der "FAZ" sagte. Und dass auch Firmen anderer Bereiche angezogen wurden - vor allem aus dem Finanzsektor.

Streit um Gibraltar: Großbritannien will seine "Piratenhöhle" um keinen Preis rausrücken

Geld, viel Geld, verdienen die Bewohner Gibraltars - zu fast 95 Prozent echte "Gibraltarians" sowie zugereiste Briten - auch mit dem Tourismus. Jedes Jahr kommen rund 700.000 Menschen ins einzige Land der Welt ohne Hauptstadt. 1981 verbrachten auch Prinz Charles und Lady Diana einen Teil ihrer Flitterwochen hier, Spanier sprachen damals von einem Affront. Die Touristen kommen wegen des Einkaufsparadieses, wegen des Mittelmeerklimas, der Strände und den vielen Pubs mit zum Teil selbstproduzierten Alkohol.

Royal Navy feuert Warnschuss auf spanisches Boot 

Als Hauptattraktion gelten aber natürlich der Felsen mit dem Naturschutzgebiet Upper Rock und die Berber-Affen. Diese Makaken, von denen man nicht genau weiß, wie sie von Afrika nach Gibraltar gekommen sind, sind die einzigen frei lebenden Affen Europas. Die Tiere - vor allem bei Kindern beliebt - wurden zuletzt immer aggressiver und attackierten Touristen auf der Jagd nach Essen schon mal heftig. Los werden will man sie aber auf keinen Fall, und nicht nur, weil sie Geldbringer sind. Eine Legende besagt, dass so lange die Affen da sind, Gibraltar britisch bleiben werde.

Gibraltar Grenze Spanien
Zu Fuß von Großbritannien nach Gibraltar in nur wenigen Minuten - möglich ist das nur am Ende Europas
© Pablo Blazquez Dominguez/Getty Images

Aufgrund der militärischen Bedeutung der Straße von Gibraltar unterhält das Vereinigte Königreich einen Flottenstützpunkt, das bis in die 1980er Jahre hinein auch wichtigster Wirtschaftsfaktor war. Die Royal Navy feuerte erst voriges Jahr Warnschüsse ab, als ein spanisches Forschungsschiff angeblich illegal in britisches Gewässer eindrang. Beide Regierungen protestierten. Unbehagen sorgte 2016 in Madrid auch ein Unfall mit einem Atom-U-Boot.

Streitereien um das Gebiet, das vom Vereinigten Königreich 1704 in Besitz genommen wurde und 1713 von Spanien im Rahmen des "Friedens von Utrecht" abgetreten wurde, gibt es eigentlich ständig. Madrid wirft der autonomen Regierung unter anderem vor, die Arbeit der spanischen Fischer zu behindern und außerdem nicht ausreichend gegen Steuerhinterzieher und den Zigarettenschmuggel vorzugehen.

Wird die Grenze wieder geschlossen?

In Spanien ist man auf Picardo & Co. nicht gut zu sprechen. Im Gegenteil: "Das ist eine Piratenhöhle", schimpfte im Fernsehen der bekannte Journalist Antonio Pérez Henares. Und der Direktor der konservativen Traditionszeitung "ABC", Bieito Rubido, forderte in derselben Talksendung, man müsse "streng vorgehen gegen dieses Steuerparadies voller Diebe". In Gibraltar gebe es zu viele Briefkastenfirmen, "zehn pro Einwohner". Picardo, so Rubido, wohne "praktisch das ganze Jahr über in seiner Luxusresidenz in Cádiz" in Spanien und fahre immer nur morgens kurz ins Büro.  

Einige streiten sich und schimpfen, andere zittern. Tausende, die in Spanien wohnen, aber in Gibraltar arbeiten, fürchten, dass die Grenze nach vollzogenem Brexit wie bereits zwischen 1969 und 1982 geschlossen werden könnte. "Ich mache mir um die 7000 Arbeiter Sorgen", twitterte Andalusiens Regierungschefin Susana Díaz. Picardo räumte ein, der Brexit könne Gibraltar zehn Prozent der Wirtschaftsleistung kosten. "Aber das wäre kein Problem."

  

nik/DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker