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Giftgaseinsatz im Bürgerkrieg: Syrien und ich

Der Giftgasangriff in Syrien ist, egal wer ihn ausgeführt hat, ein toter Punkt. Ein Moment, der so ungeheuerlich ist, dass wir weiterquasseln, um die eigenen ungeheuerlichen Gedanken nicht zu hören.

Ein Kommentar von Sophie Albers Ben Chamo

Nichts Dringendes, nur 430 Tote durch Giftgas des Regimes in einem Vorort von Damaskus an diesem Morgen, die meisten von ihnen Kinder. Und nun machen Sie weiter mit dem, was Sie gerade tun." Am Mittwoch hat das laut Selbstaussage unpolitische Syrian Uprising 2011 Information Center diese Zeilen in tragischem Zynismus auf Facebook gepostet. Ich habe mit einem großen Kaffee Latte vor dem Computer gesessen, zwischen Tagesthemen wie das Liebesleiden von Sylvie van der Vaart und verbitterte Lebensverlierer vor einem Asylbewerberheim in Berlin.

In den kommenden Stunden häufen sich die Bilder, die Videos, die Artikel über den Angriff mit Nervengift auf Vorstädte von Damaskus, wo Rebellen stationiert sein sollen. Die Zahl der Toten steigt auf 1300, vor allem Kinder sind zu sehen. Wir können ihnen sogar beim Sterben zusehen, von Krämpfen geschüttelt, mit Schaum vor Mund und Nase. "Laut Opposition" war es das Assad-Regime. Keine genaue Angaben möglich, internationale Beobachter haben keinen Zugang, heißt es weiter in unserer sonst doch so gläsernen Welt. Gleichzeitig geben andere "Experten" Statements ab, dass es die Rebellen selbst gewesen seien. Ungenauigkeit, Unwissen, "in Bearbeitung" sind willkommene lange Arme, die das Unerträgliche auf Abstand halten. Abwarten und Kaffee Latte trinken.

Wir sind überschüttet mit Bildern der Opfer und der Überlebenden, scheinbar so nah dran, doch Lichtjahre entfernt wie von jeder Katastrophe, die den anderen trifft. Nur dass wir diesmal eh schon des Schauens müde sind, weil der Konflikt, der gerade einen historischen toten Punkt erreicht hat, an dem eigentlich die Zeit aussetzen müsste, schon so lange andauert. Den Ton bei Youtube kann man zum Glück ausschalten.

Wir müssen das Leiden der anderen betrachten, hat die Autorin Susan Sontag gefordert, weil es die Wahrheit ist. Weil "Menschen imstande sind, dies hier anderen anzutun - vielleicht sogar freiwillig, begeistert, selbstgerecht. Vergesst das nicht." Weil unser Wissen uns zwingt, etwas daran ändern zu wollen.

Aber in Momenten der menschlichen Unmenschlichkeit wie diesen frage ich mich, was diese Bebilderung der absoluten Zufälligkeit meiner Geburt in Sicherheit tatsächlich mit mir, mit uns macht. Und die schreiende Stille schmerzt. Dann mache ich weiter mit dem, was ich gerade tue.