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Gorbatschow ist 80 Jahre: Der Weltverbesserer

Mit "Perestroika" und "Glasnost" wurde Michail Gorbatschow zum Hoffnungsträger für die Reformbewegungen im Ostblock. Am 2. März feierte "Gorbi" seinen 80. Geburtstag.

Wer hätte das gedacht? Als Michail Gorbatschow 1944 mit knappen 13 Jahren seine Arbeit in einer Kolchose im Nordkaukasus aufnimmt, deutet wenig darauf hin, dass der spillrige Bauernsohn einmal ein gefeierter Weltpolitiker wird. Jetzt, zu seinem 80. Geburtstag, lässt er zusammen mit Angela Merkel bei einer Fotoausstellung im Berliner Kennedy-Museum noch einmal die Stationen seines politischen Lebens Revue passieren.

Eine Karriere, die ganz entscheidend von der Maxime geprägt war: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Gorbatschow kam nie zu spät: Als er 1985 beim Internationalen Gipfeltreffen in Genf dem US-amerikanischen Präsidenten Ronald Reagen die Hand reicht, jubelt die ganze Welt - nun ja, fast die ganze Welt. Im Ostblock schaut vor allem die DDR-Führung skeptisch auf den neuen Helden der Entspannungspolitik. Immerhin hatte Gorbi wenige Monate zuvor noch den "sozialistischen Internationalismus" betont und die "Anzeichen von amerikanischem Imperialismus und westdeutschem Revanchismus" kritisiert.

Im gleichen Jahr wird er zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion gewählt. Seine ersten Maßnahmen zielen auf eine bessere Arbeitsqualität in der Landwirtschaft und die Bekämpfung des Alkoholismus. Was nach dröger Innenpolitik klingt, hat trotzdem außenpolitische Wirkung. Beim Besuch in der DDR muss er sich ein Jahr später gegen die Vorwürfe Erich Honeckers wehren, er ruiniere die Grundsätze der sozialistischen Brüderlichkeit.

Vater der Deutschen Einheit

Aufregend wird es 1987: Gorbatschow veröffentlicht seine Grundsätze zur Perestroika, also zur Umgestaltung der Gesellschaft und der Wirtschaft in der Sowjetunion. Das US-amerikanische Magazin "Times" wählt ihn dafür zum "Mann des Jahres". Bei einer Rede auf der Westseite des Brandenburger Tores ruft Ronald Reagen Gorbatschow schließlich vor 25.000 Menschen dazu auf, die Mauer einzureißen. In der DDR landen derweil seine Schriften im Giftschrank des Politbüros.

Gorbi lässt sich davon nicht beeindrucken und fährt mit seiner Frau Raissa vom 12. bis 15. Juni 1989 zu einem Staatsbesuch in die Bundesrepublik. Als die Menschenmenge ihn jubelnd begrüßt, sagt er: "Die Mauer kann wieder verschwinden, wenn die Voraussetzungen entfallen, die sie hervorgebracht haben." Ahnt er da schon, dass es im November soweit ist?

Im Dezember 1989 trudelt die DDR-Führung noch ratlos durch das Wendechaos, während Gorbatschow schon wieder Weltpolitik macht. Beim Gipfel auf dem sowjetischen Kreuzer "Maxim Gorki" vor der Mittelmeerinsel Malta will er am 2. Dezember 1989 mit dem neuen US-Präsidenten George Bush (sen.) über die Beendigung des so genannten "Kalten Krieges" zwischen den beiden Staaten verhandeln. Einige Historiker werden ihm später vorwerfen, dass er zu diesem Zeitpunkt begann, seine innenpolitischen Aufgaben aus den Augen zu verlieren

Im Ausland angesehen

1990 bekommt Gorbatschow für sein internationales Engagement ein dutzend Preise in den USA. In der Sowjetunion wiederum erhält er umfangreiche Sondervollmachten für seine politischen Pläne. Entsprechend gut ist seine Stimmung, als er am 15. Juli 1990 in entspannter Atmosphäre an einem rustikalen Arbeitstisch in der freien russischen Natur seine Gäste empfängt. Unter anderem sind Hans-Dietrich Genscher und Helmut Kohl gekommen.

Auf der Höhe seiner Macht: Im Moskauer Hotel "Oktober" unterzeichnen am 12. September 1990 die Außenminister der beiden deutschen Staaten und der vier Siegermächte den Vertrag über die äußeren Aspekte der deutschen Einheit. Im sogenannten Zwei-Plus-Vier-Abkommen wurde die Einheit Deutschlands gestaltet

Auflösung der sowjetischen Union

Ein knappes Jahr später holt ihn eine ernste innenpolitische Krise auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Reformfeindliche Kräfte versuchen Gorbatschow zu stürzen. Boris Jelzin zwingt Gorbatschow auf einer Dringlichkeitssitzung des russischen Parlaments am 23. August 1991, das Protokoll der geheimen Sitzung seines Ministerkabinetts vom ersten Putschtag vorzulesen, das er selber noch gar nicht kennt. Im Dezember beschließen Jelzin als russischer Präsident und Gorbatschow als sowjetischer Präsident die Auflösung der "Union der sowjetischen Sowjetrepubliken". Seine letzte politische Großtat. Fünf Jahre später ist Gorbatschows politische Karriere endgültig am Ende angelangt. Bei den Präsidentschaftswahlen verliert er gegen Jelzin. Er erhält gerade mal 0,5 Prozent der Stimmen.

Umstrittener Politiker

Während Gorbatschow heute im Westen gefeiert wird, weil er mit seiner Politik die Welt veränderte, steht er heute in Russland eher im Abseits und wird von vielen für den Zerfall der Sowjetunion verantwortlich gemacht.

Nach dem Ende seiner politischen Karriere gründete er die Gorbatschow-Stiftung, die er bis heute leitet. Ziele der Stiftung sind unter anderem eine bessere Völkerverständigung, Armutsbekämpfung, das Heranführen Russlands an Europa und Umweltschutz.

Neben politischen Themen befasst sich der Präsident im Ruhestand mit Musik. So veröffentlichte er 2004 gemeinsam mit Sophia Loren und Bill Clinton eine Kinder-CD, für die das Trio einen Grammy erhielt.

Manuela Pfohl/mm