GRENZKONFLIKT Streit um das Wasser


Der Rio Grande zieht in Teilen die Grenze zwischen Mexiko und den USA. Und diese Grenze sorgte häufig für Konflikte zwischen den beiden ungleichen Nachbarländern. Doch im jüngsten Streit steht der Fluss selbst im Vordergrund.

Der Rio Grande ist für Mexiko und die USA ein symbolträchtiger Fluss. Zwischen der texanischen Stadt El Paso und seiner Mündung in den Golf von Mexiko zieht er die Grenze zwischen den beiden ungleichen Nachbarländern. Doch nach Jahren der Dürre gleicht der Lauf des Rio Bravo, wie er auf mexikanischer Seite heißt, auf manchen Abschnitten eher einem Rinnsal. Um das kostbare Nass ist ein Streit zwischen den beiden Ländern ausgebrochen.

Das Thema Wasser wird zum Politikum

Nach einem Vertrag von 1944 muss Mexiko pro Jahr 432 Millionen Kubikmeter Wasser aus den südlichen Zuflüssen des Rio Grande an den nördlichen Nachbarn liefern. Im Gegenzug erhält Mexiko jährlich 1,85 Milliarden Kubikmeter aus dem vom Rio Colorado gespeisten Imperial-Stausee in Kalifornien. Doch Mexiko hat seine Lieferquote in den vergangenen Jahren nicht erfüllt und schuldet inzwischen rund 1,9 Milliarden Kubikmeter. Viele Farmer im US-Staat Texas sitzen auf dem Trockenen. Die für November geplanten Gouverneurswahlen in Texas sorgen mit dafür, dass das Wasserthema zum Politikum wird.

»Heute, heute, heute!«

Während seiner Europareise vorige Woche erhielt Mexikos Präsident Vicente Fox einen Anruf seines Amtskollegen George W. Bush, der ihn aufforderte, das Problem aus der Welt zu schaffen. Fox versprach eine Lösung bis Ende des Monats. Bushs Botschafter in Mexiko-Stadt, Jeffrey Davidow, verkündete, Mexiko habe genügend Wasser, und Texas? Gouverneur Rick Perry verlangte, einen Wahlkampfslogan von Fox nachahmend, dass Mexiko es »Heute, heute, heute!« herausrücken müsse. »Die Wasserkrise hat die Beziehungen zwischen beiden Länder strapaziert«, sagte Mexikos Umweltminister Victor Lichtinger.

Die Farmer in Texas sind besonders über Berichte verstimmt, dass im benachbarten mexikanischen Bundesstaat Chihuahua die Bewässerungs- Landwirtschaft nach wie vor floriert. Dort verläuft mit dem Rio Conchos der wichtigste Zufluss des Rio Grande. Doch der Gouverneur des Staates Chihuahua, Patricio Martínez, weigert sich, Wasser aus dem Stausee »El Granero« nach Texas zu schicken. »Der Vertrag zwischen Mexiko und den USA ist nicht im Interesse meines Staates«, sagt der Gouverneur, der einer anderen Partei als Fox angehört.

Fox will eine Lösung

Einige mexikanische Oppositionspolitiker meinen, der Vertrag von 1944 erlaube es Mexiko, wegen der gegenwärtigen Trockenheit die Wasserlieferungen aufzuschieben. Fox ist aber an einer Lösung des Streitfalls gelegen, erhofft er sich doch von Bush Zugeständnisse in der Einwanderungsfrage. Einem Bericht der Zeitung »Reforma« zufolge hat die Nationale Wasserkommission Mexikos einen Plan ausgearbeitet, von September an 682 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr über die Grenze zu leiten und so die Schulden allmählich abzustottern.

Experten verweisen aber darauf, dass nicht nur die Landwirtschaft viel Wasser im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA verbraucht. Die Grenzzone habe in den vergangenen Jahrzehnten einen starken industriellen Aufschwung mit einem hohen Bevölkerungswachstum verzeichnet, sagt der Wasserexperte im mexikanischen Außenministerium, Alberto Székely. Man dürfe daher nicht nur auf mehr Regen hoffen, sondern müsse mittelfristig auch die Wachstumsstrategien auf beiden Seiten der Grenze überprüfen.

Von Klaus Blume


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