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Wahl in Griechenland Wer ist wer im Krisenstaat?


Griechenland wählt und die beiden etablierten Großparteien werden die Macht wohl an die radikallinke Syriza abgeben müssen. Die aussichtsreichsten Kandidaten und Parteien im Überblick.

Gerade einmal vor rund anderthalb Jahren haben die Griechen das letzte Mal ihr Parlament gewählt. Doch nach dem gescheiterten Versuch, einen neuen Staatspräsidenten zu bestimmen, muss das Land wieder ran an die Wahlurnen. Die herrschende Koalition aus der konservativen Nea Demokratia (ND) und der linken Pasok wird dann der Vergangenheit angehören. Während die Sozialisten um den Wiedereinzug ins Parlament bangen müssen, liegt ND in den Umfragen deutlich hinter Syriza - der linken Oppositionspartei, deren radikales Wahlprogramm die EU-Nachbarn erschreckt.

Zur Parlamentswahl treten insgesamt 22 Parteien und Parteibündnisse an. Die beiden aussichtsreichsten Kandidaten und die acht Parteien mit Chancen, die entscheidende Drei-Prozent-Hürde zu überspringen, im Überblick:

Die Spitzenkandidaten


Alexis Tsipras

Der redegewandte Alexis Tsipras gilt als Hoffnungsträger für die Menschen in Griechenland, die ihren Job verloren haben und sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder machen. Unter seiner Führung erlebte das "Bündnis der Radikalen Linken" (Syriza) einen fulminanten Aufstieg - von 4,6 Prozent im Jahr 2009 auf 26,9 Prozent 2012. Nun steht der 40-Jährige kurz vor einem historischen Sieg. Alle Umfragen zeigen, dass "o Alexis" (Der Alexis), wie ihn seine Anhänger nennen, die Wahlen gewinnen und erstmals in der Geschichte des Landes eine von der Linken geführte Regierung bilden könnte.

Der Ex-und-immer-noch-etwas-Kommunist


Der Polit-Star hat viele Gesichter. Zunächst gab er sich als Kommunist und forderte die Verstaatlichung der Produktionsmittel des Landes. Mitunter kann er auch verletzend sein. Die Vorsitzenden der derzeit regierenden Traditionsparteien, Antonis Samaras (Konservative) und Evangelos Venizelos (Sozialisten), sind für ihn "politische Verräter", weil sie alle Sparbefehle der Geldgeber ohne großen Widerstand in die Tat umgesetzt hätten.

Seine politische Laufbahn begann er in den 90er Jahren als Anführer von Schülerprotesten. Schnell stieg Tsipras bis an die Spitze der ehemaligen "Eurokommunisten" auf. 2004 wurde er zum Syriza-Präsidenten gewählt.


Antonis Samaras

Großes Charisma versprüht Antonis Samaras, 63, nicht. Der Spross einer reichen Athener Familie glänzte als junger Mann mit sportlichen Leistungen und wurde griechischer Jugend-Tennismeister. Später studierte er Wirtschaftswissenschaften in den USA. Als Außenminister machte er Anfang der 90er Jahre dem Nachbarland Mazedonien den Namen streitig - weil es in Nordgriechenland eine gleichnamige Provinz gibt. Als er merkte, dass sein Kurs von der damaligen Regierung nicht mitgetragen wurde, gründete er eine neue Partei, den in nationalistischen Gewässern angelnden "Politischen Frühling". Er scheiterte und versank über Jahre in der politischen Bedeutungslosigkeit.

Seit Juni 2012 führt er das Land für die Nea Demokratia als Ministerpräsident durch die schwierigste Phase seiner jüngsten Geschichte. Das Sparprogramm, das er in der Opposition noch als Medizin kritisierte, die "schlimmer als die Krankheit" sei, setzte er als Regierungschef in allen Facetten in die Tat um. Mittlerweile will er aus dem klammen Griechenland wieder ein "normales Land" machen, das nicht mehr auf die Hilfe der EU angewiesen ist.

Die Parteien

  • ND - Nea Demokratia: Die von Antonis Samaras geführte konservative Partei hat Griechenland 1981 in die damalige Europäische Gemeinschaft geführt; sie spricht sich vehement für den Verbleib des Landes in der Eurozone aus. Der studierte Ökonom Samaras hatte die Wahlen 2012 gewonnen und führt seitdem das Land zusammen mit den Sozialisten als kleinerem Koalitionspartner. Samaras hält am Sparprogramm fest, tritt angesichts der dramatischen Verschlechterung der sozialen Lage vieler Griechen aber für eine Lockerung ein. Die ND liegt in allen Umfragen hinter dem Bündnis der Radikalen Linken (Syriza).
  • Syriza – radikale Linke: Die Partei von Alexis Tsipras ist der klare Favorit. In allen Umfragen führt sie das Rennen um die Gunst der Wähler mit mehr als drei Prozentpunkten Vorsprung vor den Konservativen an. Syriza ist ein Sammelbecken linker Bewegungen, das mit der extrem Linken liebäugelt, aber auch ein politisches Dach für ehemalige Mitglieder der sozialistischen Pasok geworden ist. Syriza fordert einen Schuldenschnitt und will die Privatisierungen stoppen, ist zugleich für den Verbleib Griechenlands in der EU und in der Eurozone. Tsipras hatte das Bündnis aus der (Fast-)Bedeutungslosigkeit geführt - von 4,7 Prozent 2009 auf 26,9 Prozent 2012.
  • To Potami - Der Fluss: Demoskopen sehen die vergangenes Jahr gegründete neue pro-europäische Partei der politischen Mitte als drittstärkste Kraft im neuen Parlament mit etwa fünf Prozent. In ihren Reihen finden sich zahlreiche Technokraten, Uni-Professoren und Journalisten. Auch ihr Vorsitzender Stavros Theodorakis, 51, ist Journalist. Die Partei fordert eine breitest mögliche Zusammenarbeit der politischen Kräfte ein, um aus der Krise herauszukommen. Eine Zukunft für Griechenland sieht die Partei nur in der EU und im Euro.
  • Goldene Morgenröte: Die rassistische und ausländerfeindliche Partei will alle Migranten aus Griechenland "vertreiben". Viele ihrer Mitglieder gelten als gewaltbereit. Ihre Führung "ekelt sich" nach den Worten ihres Vorsitzenden Nikolaos Michaloliakos vor dem Parlament. Michaloliakos und fast die gesamte Führung sitzen in Untersuchungshaft. Ihnen wird die Bildung einer kriminellen Organisation vorgeworfen. Mitglieder der Ultrarechten sollen 2013 einen linken Rapper totgeschlagen haben. Der Prozess auch wegen illegalen Waffenbesitzes und mehrerer Überfälle auf Ausländer soll im Frühjahr beginnen. Umfragen sehen die Ultrarechten bei rund fünf Prozent. Sie könnten sogar dritte politische Kraft werden.
  • Kommunistische Partei: Die Hardliner-Kommunisten sprechen sich offen für einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone und der EU aus. Kein Cent solle an die Gläubiger gezahlt werden. Die Partei liegt in Umfragen bei etwa 4,5 Prozent.
  • Pasok – Sozialisten: Die ehemals allmächtige Partei der Sozialisten unter ihrem heutigen Chef Evangelos Venizelos ist im Niedergang begriffen. Die Wahlen 2009 hatte sie noch mit rund 44 Prozent gewonnen. Heute wird der Partei, die 2010 den Internationalen Währungsfonds und die Euroland-Partner um Hilfe gebeten hatte, mit knapp über drei Prozent gerade noch der Einzug ins Parlament zugetraut. Die Pasok ist für den Verbleib Griechenlands in der Eurozone. Venizelos schließt eine Kooperation mit dem Linksbündnis nicht aus, sollte dieses die absolute Mehrheit verfehlen.
  • Kidiso - Bewegung der Demokraten und Sozialisten: Die Partei wurde Anfang des Jahres vom ehemaligen Pasok-Präsidenten Giorgos Papandreou gegründet. Der Ex-Regierungschef (2009-2011) trennte sich von der Pasok, die sein Vater Andreas Papandreou 1974 gegründet hatte. Umfragen deuten darauf hin, dass Kidiso den Einzug ins Parlament verpassen könnte.
  • Unabhängige Griechen: Die Führung der rechtspopulistischen Partei, einer Abspaltung der konservativen Nea Dimokratia, sieht das Land "besetzt" von den Geldgebern. Daher müsse Griechenland "befreit" werden. Athen sollte nichts an die Banken zurückzahlen. Laut Umfragen muss die Partei um den Wiedereinzug ins Parlament zittern.

Alexis Tsipras - zwischen Pragmatismus und linken Idealen

stern-Autor Andreas Albes hat sich auf die Spuren des möglichen Wahlsiegers begeben -
jetzt im neuen stern

Niels Kruse mit DPA/Reuters/AFP Reuters

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