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Größter Slum Europas Cañada Real: Leben neben der Abrissbirne

Die Cañada Real ist der größte Slum Europas: Bis zu 20.000 Menschen leben hier. Die Regierung möchte den Schandfleck loswerden - hat sich aber in einem Knäuel aus Gesetzen und Verordnungen verheddert.

Von Charlotte Dietz, Madrid

Diese Siedlung soll weg - nur wie? Und wohin? Straßenszene in der Cañada Real.

Diese Siedlung soll weg - nur wie? Und wohin? Straßenszene in der Cañada Real.

Mohammed Mezoued sitzt mit dem Rücken zum Fenster. Die vergilbte Gardine hinter ihm ist aus dicker Wolle gehäkelt, so dass man die Straße von hier drinnen nicht sehen kann. Die Straße, die keine ist, besteht aus Lehm und losen Steinen und liegt voller Müll. Es riecht nach Schlamm, vergammeltem Abfall und Fäkalien. "Wir machen viel durch in diesem Leben hier", sagt Mohammed Mezoued leise.

Hier, das ist die Cañada Real, keine dreißig Autominuten vom pulsierenden Zentrum Madrids entfernt. Hier lebt, wer sich kein anderes Leben leisten kann. Offiziell sind es 7725 Menschen; neue Schätzungen reichen bis zu 20.000 Einwohnern. Spanier, Marokkaner und Rumänen machen den größten Teil aus. Ursprünglich war der 14 Kilometer lange Landstreifen, die Cañada Real, eine von Spaniens Viehtriebstrecken. Doch seit den Fünfzigerjahren ließen sich hier immer mehr Menschen nieder, bauten sich Unterkünfte. Meistens waren es Leute vom Land, die auf Arbeit in der Großstadt hofften. In den letzten zwei Jahrzehnten kamen verstärkt Einwanderer hinzu.

Jeder schlägt sich so durch

Die Cañada Real ist in sechs Sektoren unterteilt. Während die Familien in einigen Bereichen in fast normalen Häusern wohnen, hausen nicht weit davon entfernt andere in Bretterverschlägen. Im Sektor 6 florieren Drogenhandel und Kriminalität. So groß sind die Unterschiede zwischen den Sektoren, dass einige davon träumen, innerhalb der Cañada umzuziehen - in ein besseres Viertel sozusagen. "Jeder schlägt sich so durch, wie er kann", sagt Mohammed Mezoued, der seinen richtigen Namen nicht nennen will.

Der 48-Jährige arbeitet als Maler bei einer kleinen Firma in der Stadt. Das reicht gerade, um seine Frau und vier Kinder zu ernähren. Vielen seiner Freunde geht es anders. "Die wissen nicht, wovon sie sich etwas zu essen kaufen sollen", erzählt er. "Sie sammeln Schrott und verkaufen ihn irgendwie." In seiner Firma seien sie mal mehr als 100 Leute gewesen, jetzt schafften sie die paar kleinen Aufträge zu dritt. Als die spanische Immobilienblase platzte, stieg die Zahl der Arbeitslosen allein in der Baubranche zwischen 2007 und 2012 offiziell von 230.000 auf über 810.000. Weil die vielen Schwarzarbeiter nicht erfasst werden konnten, dürfte die Zahl sogar noch größer sein.

Die Krise verschlimmerte die Situation

Auch auf die Cañada Real wirkte sich die Krise aus. "Viele hier haben ihre Arbeit verloren", sagt Daniel Rodriguez vom Roten Kreuz Madrid, der seit Jahren Familien in der Cañada betreut. Die Erhebung von 2012 ergab, dass die Zahl derer, die nicht über ein regelmäßiges Einkommen verfügen, in der Canada von 20 auf über 40 Prozent der Einwohner angestiegen war.

Der Comunidad de Madrid - die Region, in der Madrid liegt - ist das Elendsviertel ein Dorn im Auge. Die Regierung will die Probleme der Siedlung beim Schopf packen und hat jüngst ein Abkommen für die Region auf den Weg gebracht.

Bewohner sollen zu Eigentümer werden

Im Zentrum steht das Vorhaben, die Grundstücke an die Bewohner zu verkaufen, jedenfalls solange die darauf erbauten Häuser bestimmte bauliche Vorschriften erfüllen. Die Einnahmen der Grundstücksverkäufe sollen dazu verwendet werden, um aus dem Elendsviertel ein Wohnviertel zu machen. "Das Abkommen ist ein großer Schritt, der Beginn einer Antwort und einer Lösung", sagt Carlos Izquierdo von der konservativen Partido Popular, stellvertretender Kommissar für Soziale Angelegenheiten und zuständig für die Cañada Real.

Im Juni 2011 hob die Regierung den Status der Viehstraße für das betroffene Teilstück der Cañada Real auf, wodurch die Comunidad Eigentümerin der Grundstücke wurde. Wie viel sie von den Bewohnern für die Grundstücke kassieren will, ist unklar, Gutachter sollen das nun festlegen.

Dass die Häuser erschwinglich sein werden, hält Daniel Rodriguez vom Roten Kreuz für unwahrscheinlich. "Die Familien sind arm - weil sie keine Arbeit haben und auch keinen Zugang zu Krediten. Erst recht nicht in einer Krise wie dieser", sagt er. Allein im Sektor 5, wo auch Mohammed Mezoued lebt, bekommen 70 Prozent der Familien Sozialhilfe.

Nur eins ist sicher: die Verunsicherung

Was passiert also mit denen, die sich ihr Grundstück nicht werden leisten können? Oder deren Häuser schlicht den Kriterien nicht entsprechen? Das Abkommen spricht von Umsiedlung. Doch wohin und unter welchen Bedingungen - all das bleibt unklar. Das ist einer der Gründe, warum die Stadt Rivas-Vaciamadrid, zu der ein Teil der Cañada gehört, dem Abkommen bis heute die Unterschrift verweigert. "In dieser Form ist das Abkommen nicht mehr als eine Absichtserklärung", sagt Bürgermeister Pedro del Cura von der linken Partei Izquierda Unida. Rivas will erreichen, dass die Regionalverwaltung mehr Verantwortung für die Unterstützung und Umsiedlung der Bewohner übernimmt - erst dann werde die Stadt dem Abkommen zustimmen, so del Cura.

Ein weiterer heikler Punkt des Abkommens: Es umfasst bei weitem nicht alle Einwohner der Cañada Real. Abgesehen davon, dass man sich des Drogensektors 6 erst später annehmen will, gilt es nur für jene Einwohner, die genau innerhalb der 70 Meter breiten Straße leben – also für die 7725 Personen, die 2012 offiziell gezählt wurden. "Wir müssen auch Menschen außerhalb dieser Grenzen einbeziehen - sonst entsteht dort bald eine neue Cañada Real", warnt del Cura.

Offen bleibt auch die Frage, wie viel Umsiedlung und Umgestaltung am Ende kosten werden. Schätzungen belaufen sich auf 250 Millionen Euro. Öffentliche Gelder sollen allerdings nicht fließen. Also müssten die Einnahmen aus den Grundstücksverkäufen alle Kosten decken. "Absolut unrealistisch" findet das Pedro del Cura. "Viele der Häuser haben nicht einmal Strom und Wasser. Allein das zu ändern, wird Millionen kosten", sagt er.

"Wir fragen uns, wann passiert was?"

Den Einwohnern der Cañada helfen diese politischen Streitereien bisher wenig. Für Mohammed Mezoued ist das Schlimmste die Ungewissheit: "Wir leben in jeden Tag hinein und wissen nicht, ob wir abends noch hier sein dürfen. Wir fragen uns, wann passiert was?"

Auch Abdul Ghailan wusste nicht, was passieren würde. Er wohnt zwei Grundstücke neben Mezoued in zwei Wellblechcontainern. Dort hat einmal sein Haus gestanden, bis nachts die Abrissbagger anrückten, was seit der Jahrtausendwende hier häufiger geschieht. "Warum wird ein Haus abgerissen, für das nächste aber eine Lösung gesucht?", fragt Ghailan.

Eine Lösung, die möchten eigentlich alle. Nur das "wie" ist weiterhin völlig offen. Immerhin: Vor wenigen Monaten hat Madrids Oberbürgermeisterin Ana Botella weitere Abrisse auf unbestimmte Zeit untersagt, "um den Familien Stabilität und Ruhe zu geben", wie sie versicherte. Schon 2011 war per Gesetz beschlossen worden, dass es binnen zwei Jahren zu einer vernünftigen und sozialen Lösung kommen werde. Das war, bevor die Bagger Abdul Ghailans Haus dem Erdboden gleich machten. An die Hauswand neben seinem Grundstück haben die Nachbarn in blauen Lettern den Text dieses Gesetzes gesprüht. Die zwei Jahre sind längst vergangen, die Schrift ist schon stark verblasst.