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Großbritannien und der Iran Verbunden in inniger Feindschaft


Der Sturm auf die britische Botschaft in Teheran ist nur der neueste Tiefpunkt in der Beziehung der beiden Länder. Die Briten gelten im Iran schon seit 100 Jahren als Inbegriff der Verschlagenheit.
Von Niels Kruse

29. November 2011: Ein Mob greift die britische Botschaft an, wirft Brandsätze und schmeißt Fensterscheiben ein. Der Sturm auf die diplomatische Vertretung Großbritanniens ist ein neuer Tiefpunkt in den iranisch-britischen Beziehungen. Einer von vielen in einer langen Reihe. 2004: Ein britisches Patrouillenboot gerät auf dem Mündungsfluss von Euphrat und Tigris zu weit auf iranisches Gebiet. Das Schiff wird aufgebracht, die festgenommene Besatzung anschließend öffentlich vorgeführt. 2007: 15 britische Marinesoldaten werden gefangen genommen, weil ihr Boot ebenfalls in iranische Hoheitsgewässer eingedrungen war. Die Regierung in Teheran zwingt die Seeleute, sich für die Politik ihres Heimatlandes zu entschuldigen. 2009: Fünf britische Segler geraten in die Hände der iranischen Marine. Ihnen wird Spionage vorgeworfen.

Ihren "Botschaftssturm" begründeten die angeblichen Studenten mit ihrer Wut auf die jüngst erlassenen Sanktionen gegen den Iran. Eine der Maßnahmen Großbritanniens war, sämtliche Verbindungen zu iranischen Banken abzubrechen. Ein schwerer Schlag gegen das Regime in Teheran, da es über den wichtigen Finanzplatz London seine Öleinnahmen abwickelt. Nach Angaben der iranischen Nachrichtenagentur "Fars" sei der gewaltsame Protest zudem eine Reaktion auf den Tod des Atomwissenschaftlers Majid Shahriari gewesen. Der Iraner soll vor einem Jahr angeblich von israelischen und britischen Geheimdienstmitarbeitern getötet worden sein.

"Der Engländer" als Inbegriff des Verschwörers

Doch eigentlich braucht es nicht einmal Anlässe wie diese, um den Zorn der Iraner auf die Briten anzuheizen. Nach dem Angriff auf die Botschaft titelte eine konservative Zeitung "Fuchsbau erobert" - eine Anspielung auf die im Iran geläufige Bezeichnung für Großbritannien als "der alte Fuchs". Seit Jahrzehnten schon gilt "der Engländer" als Inbegriff des manipulativen Verschwörers. "Das ist das Werk der Engländer" ist zum Beispiel eines dieser geflügelten Worte für undurchsichtige Umstände, bei denen die Menschen irgendetwas im Busch vermuten, auch abseits der großen Politik. In der Geschichte beider Länder gab es eine Reihe von Vorfällen, die zu dem schlechten Ruf der Briten führten.

Anfang des 20. Jahrhundert etwa stieß der britische Rechtsanwalt und Unternehmer William Knox D’Arcy im Süden des Iran auf Öl. Aus seiner Förderkonzession ging später, und mit Hilfe der britischen Regierung, die Anglo-Persian Oil Company hervor, die 1954 in BP unbenannt wurde. Doch die Konzessionszahlungen an den damaligen Schah von Persien fielen reichlich spärlich aus. 1918 dann, mit Beginn des Ersten Weltkriegs, wurden sie völlig eingestellt. Damit nicht genug: Obwohl der Iran seine Neutralität erklärt hatte, wurde er von britischen und russischen Truppen gemeinsam besetzt. Nach dem Ende der Invasion stellte die Ölfirma der iranischen Regierung dann auch noch die Kosten für zerstörte Pipelines in Rechnung.

Auch die Botschaft der USA wurde einst gestürmt

Um den Zugriff auf das iranische Öl ging es auch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. 1951 wollte die iranische Regierung die Ölindustrie verstaatlichen, um nun auch ein Stück vom immer größer werdenden Petrogeschäft abzubekommen. Um das zu verhindern, putschten die Briten zusammen mit der CIA den damaligen Ministerpräsidenten aus dem Amt und verhalfen so Schah Mohammed Reza zur Macht. Der Ruf Großbritanniens und mittlerweile auch der USA war endgültig ruiniert. Die Amerikaner bekamen den Groll als erste zu spüren. 1979, wenige Monate nach der Islamischen Revolution, wurde in Teheran die US-Botschaft gestürmt und besetzt. Damals mussten 52 US-Bürger für 444 Tage als Geiseln ausharren - der Zwischenfall besiegelte das Ende der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Iran und den USA.

Amerikaner und Briten galten fortan als das "Böse" im Iran. Während die USA allerdings als plumpe Aggressoren und hässliches Gesicht des Imperialismus dargestellt werden, stehen die Briten für raffinierte Hinterhältigkeit und das hässliche Gesicht des Kapitalismus. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass das iranische Parlament angesichts der jüngsten Sanktionen durch den Westen, noch vor wenigen Tagen entschieden hatte, den britischen Botschafter aus dem Land auszuweisen und die diplomatischen Beziehungen zu London einzuschränken. Selbst von Sanktionen gegen Großbritannien war die Rede.

Norwegen schließt Vertretung in Teheran

Nach der jüngsten Attacke wurden nun Fakten geschaffen: Die britischen Botschaftsmitarbeiter werden bis auf Weiteres aus Teheran abgezogen. Gleichzeitig weist London alle iranischen Botschafter aus. Iran-Kenner Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik kann sich auch vorstellen, dass weitere europäische Regierungen nun aus Protest gegen den Angriff, ihrerseits die Botschafter des Mullah-Regimes ausweisen, oder ihre Vertretungen in Teheran schließen könnten, wie er stern.de sagte. Letzteres hat Norwegen bereits angekündigt und Deutschland ruft seinen Botschafter zurück. "Zu Konsultationen", wie es beim Auswärtigen Amt heißt.

Die genaue Rolle der Teheraner Regierung ist nicht ganz klar. Zwar verteidigte der iranische Parlamentspräsident Ali Laridschani die Übergriffe mit einer "dominanten Politik", forderte aber gleichzeitig, dass die britische Regierung die Aktion der Studenten nicht missbrauchen solle, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Das iranische Außenministerium distanzierte sich von dem Zwischenfall und verurteilte die Erstürmung. Die iranische Polizei will derweil einige der Eindringlinge gefasst haben. Es seien Maßnahmen getroffen worden, um alle an dem Angriff beteiligten Demonstranten festzunehmen, sagte der iranische Vize-Polizeichef Ahmed Resa Radan.

"Die Beziehungen werden kühl bleiben"

Allerdings ist es kaum vorstellbar, dass die Lage ohne die, zumindest stillschweigende, Zustimmung der Regierung derartig eskaliert wäre. Unter den Angreifern, so Augenzeugen, sollen auch Schlägertrupps gewesen sein, die schon 2009 mitgeholfen hatten, die Proteste gegen die Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad niederzuknüppeln. "Ein Regierungsbeschluss dazu wird es nicht gegeben haben, aber man kann davon ausgehen, dass es Hilfe gab von Kräften, die der Regierung nahestehen", sagte Volker Perthes. Sollte es in den nächsten Tagen keine ähnlichen Zwischenfälle mehr geben, glaubt der Experte, könnte sich die Beziehung beider Länder in Zukunft wieder halbwegs beruhigen. "Aber kühl", so Perthes, "werden sie trotzdem bleiben."


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