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Guatemala: Gefangen im Blutzoll

Der Bandenkrieg in Guatemala nimmt immer brutalere Züge an. In den Gefängnissen des mittelamerikanischen Landes explodieren Bomben und rollen Köpfe - die Regierung flüchtet sich in Ausreden.

In den Gefängnissen und auf den Straßen Guatemalas herrscht Krieg. Dort ringen die Straßenbanden "Mara Salvatrucha" und "Mara 18" um die Vorherrschaft. In mehreren Vierteln der Hauptstadt fechten sie ihren bizarren Kampf um die Gebiete für Drogenhandel und Schutzgelderpressung - und gehen dabei über Leichen. Regierung und Behörden sind machtlos, die Bevölkerung lebt in Angst.

Der seit einem Monat aufflammende Konflikt in Guatemala hat nun erneut mindestens zwölf Menschen das Leben gekostet. Mitglieder der "Mara Salvatrucha" überfielen ein Jugendgefängnis in Guatemala-Stadt und brachten Angehörige der rivalisierenden Gang "Mara 18" kaltblütig um. Zwei Insassen wurde der Kopf abgerissen, offenbar bei der Explosion von Handgranaten. Mindestens acht Jugendliche - oft nur knapp dem Kindesalter entwachsen - wurden verletzt. Nach Angaben des stellvertretenden Innenministers von Guatemala, Julio Godoy Anleu, war die brutale Handschrift des "Mara Salvatrucha"-Kommandos eindeutig.

Blutiger Spätsommer

Bandenkriege erschüttern Guatemala bereits seit 2004. Die jüngste Gewalt-Serie begann Mitte August mit Kämpfen im Gefängnis El Hoyon. Am Morgen des 15. August explodierten in der Haftanstalt zwei Bomben. Anschließend gingen die verfeindeten Banden mit Schusswaffen und Messern aufeinander los. Während die Lage eskalierte, hielt die Polizei Reporter, Rettungskräfte und Menschenrechtsaktivisten von dem Gefängnis fern. Nachdem das Gewehrfeuer verstummt war, brauchten die Polizisten fast drei Stunden, um alle Verletzten herauszubringen. In El Hoyon waren 400 mutmaßliche Mitglieder krimineller und verfeindeter Banden inhaftiert.

Die Gewalt in den Gefängnissen von Guatemala-Stadt strahlt mittlerweile auch in andere Landesteile aus. Im Hochsicherheitsgefängnis Pavon östlich der Hauptstadt kamen bei Auseinandersetzungen acht Menschen ums Leben. In der Haftanstalt Canada Prison Farm 70 Kilometer südlich der Hauptstadt gab es drei Tote. Im Gefängnis von Mazatenango 140 Kilometer südwestlich von Guatemala-Stadt wurden zwei Häftlinge erstochen.

Die Machtlosigkeit der Politik

Die Regierung scheint der eskalierenden Lage in dem mittelamerikanischen Land zunehmend machtlos gegenüber zu stehen. Innenminister Carlos Vielmann beschwichtigte mit der Begründung, die Serie von Angriffen zeige, wie gut in verschiedenen Gefängnissen inhaftierte Bandenmitglieder vernetzt seien. Sie stünden ständig miteinander in Kontakt, unter anderem über das Internet und per Mobiltelefon. Die Schusswaffen würden durch Besucher geschmuggelt. Bis die derzeit in Bau befindlichen Hochsicherheitsgefängnisse fertig gestellt seien, werde das Problem weiter bestehen, gab der Minister die Ohnmacht des Staates zu.

Auch die Polizei trägt in Guatemala kaum zur Befriedung der Konflikte bei - Korruption und Willkür sind an der Tagesordnung. Staatsanwalt Sergio Morales erklärte, es gebe Hinweise, dass Polizisten Gangmitgliedern dabei geholfen hätten, Waffen nach El Hoyon zu schmuggeln. Das Gefängnis war erst im Dezember 2002 als Reaktion auf eine Revolte in einer anderen Haftanstalt eröffnet worden, bei der 14 Menschen getötet wurden.

In der Gewaltspirale

Bei den Auseinandersetzungen der rivalisierenden Jugendbanden "Mara Salvatrucha" und "Mara 18" sind Kettenreaktionem an der Tagesordnung. Schlägt eine Gruppierung zu, rächt sich die andere umgehend. Nach Angaben von Ermittlern aus Guatemala wurden die Banden von lateinamerikanischen Migranten in Los Angeles gegründet. Nach der Abschiebung aus den USA hätten die Untergrundorganisationen nun in Mittelamerika Fuß gefasst.

Wie tief ganz Mittelamerika unter dem Joch brutaler Gruppierungen zu leiden hat, zeigt der Blick auf einen Nachbarstaat Guatemalas. Im Mai 2004 kamen bei einem Brand in einem honduranischen Gefängnis, in dem fast ausschließlich Mitglieder von "Mara Salvatrucha" inhaftiert waren, 107 Insassen ums Leben. Tatsächlich war es Brandstiftung - wie die verängstigten Überlebenden bezeugten. In den vergangenen fünf Wochen kamen bei Unruhen in sechs Gefängnissen Guatemalas 35 Menschen ums Leben.

ni/AP/DPA / AP / DPA