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HINTERGRUND: Ein Staat geht am Stock

Als Domingo Cavallo im März dieses Jahres noch einmal das Amt des Wirtschaftsministers übernahm, galt er in Argentinien als das, was man einen Hoffnungsträger nennt. Schließlich hatte der Diplom-Volkswirt im selben Amt unter einer anderen Regierung Anfang der 90er Jahre die Hyperinflation besiegt und das Land auf Wachstumskurs gebracht. Doch nach der Verhängung des Ausnahmeszustandes schien Cavallo mit seinem Latein am Ende und trat am Donnerstag zurück. Die Zahlungsunfähigkeit Argentiniens, die er abwehren sollte, rückt nach Ansicht von Analysten immer näher.

Erste Zahlungsausfälle im Januar erwartet

Der argentinische Staat schuldet dem Ausland rund 135 Milliarden US-Dollar (150 Mrd Euro/293 Mrd. DM). Da das Land seit drei Jahren in einer Rezession steckt und kaum noch neue Kredite bekommt, wird es für die Regierung immer schwieriger, die fälligen Raten aufzubringen. Sogar der Internationale Währungsfonds (IWF) zeigte sich zuletzt unwillig einzuspringen. Die internationale Ratingagentur Standard & Poor?s in New York rechnet für Januar mit den ersten Zahlungsausfällen Argentiniens.

Was für Cavallo einst die Lösung von Argentiniens Wirtschaftsproblemen war, ist inzwischen längst zu einem Teil des Problems geworden: 1991 war der Peso im Verhältnis eins zu eins an den US-Dollar gebunden worden. Dies bedeutet aber, dass in dem System eines so genannten »Currency Board« jeder umlaufende Peso durch einen Dollar Devisenreserven gedeckt sein muss. Zieht Auslandskapital ab, wie zum Beispiel während der Russlandkrise 1998, sinkt die Geldmenge und es droht

Rezession. Außerdem vermindert der überbewertete Peso die Wettbewerbsfähigkeit argentinischer Produkte, besonders seit der Nachbar und wichtige Handelspartner Brasilien 1999 abwertete.

Alternativen nicht ohne Nachteile

Als Alternativen zum Currency Board werden in und außerhalb Argentiniens der Ersatz des Peso durch den Dollar als Zahlungsmittel oder die Schaffung eines frei floatenden Wechselkurses diskutiert. Beides wäre nicht ohne Nachteile. Bei der Dollarisierung, so die britische Zeitschrift »The Economist«, bliebe das Problem der Überbewertung bestehen. Eine Freigabe des Wechselkurses wiederum könnte eine drastische Abwertung zur Folge haben und all diejenigen Firmen und Privatleute in Schwierigkeiten bringen, die sich in Dollar verschuldet haben. »Doch um Argentiniens Haushaltsprobleme mittelfristig zu lösen, muss die Wirtschaft wachsen, und dies geht nur mit einem neuen Wechselkurs-Regime«, schrieb das Blatt.

Schon seit dem vorigen Jahr sah sich Argentininien in einem Teufelskreis gefangen: Weil Investoren den Glauben an das Land verloren, musste die Regierung für neue Anleihen immer höhere Zinsen akzeptieren, was das Problem der Überschuldung noch verschärfte. Seit Mitte dieses Jahres konnte die Regierung überhaupt keine Anleihen mehr platzieren. Wie sich ein möglicher Zahlungsausfall auf andere Schwellenländer auswirken wird, ist noch unklar. Vor allem in Brasilien wurden in diesem Jahr Aktienkurse und Währung von den Ereignissen in Argentinien in Mitleidenschaft gezogen. In Mexiko, ebenfalls ein »Emerging Market«, konnten Peso und Börse dagegen, von der Krise im Süden des Kontinents unbeeindruckt, zulegen.